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Kulturpresseschau | Beitrag vom 06.11.2019

Aus den FeuilletonsBesserwisserei aus dem Westen

Von Klaus Pokatzky

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Open-Air-Ausstellung an der East Side Gallery zum 30-jährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer. Ein Besucher fotografiert eine Projektion der berühmten Grenzflucht des DDR-Soldaten Conrad Schumann, der über einen Stacheldraht springt und nach West-Berlin entkommt. (F. Boillot / snapshot-photography / imago-images)
Open-Air-Ausstellung an der East Side Gallery zum 30-jährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer. (F. Boillot / snapshot-photography / imago-images)

Die "Neue Zürcher" und die "Frankfurter Allgemeine" beschäftigen sich in der Woche der Feiern zum 30-jährigen Mauerfall mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte - und stellen fest, dass die westliche Deutungshoheit im Osten auf Ablehnung stößt.

"Ich las alles, Kraut und Rüben", steht in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Ich war wie ein Schwamm, der alles aufsog. Das Schlechteste und das Beste", erzählte der Schriftsteller Peter Hamm über seine lesewütigen Schülerzeiten - in einem seiner letzten Interviews. Im Juli dieses Jahres ist er gestorben.

"Es gibt keinen Schriftsteller, der dem Nichts entstammt. Jeder kommt aus dem Schreiben anderer. Aber nicht jeder findet zum eigenen Schreiben." Das klingt nach Feuilleton. 

Rückblick der Bisky-Brüder auf die DDR

"Es gab in meinem Umfeld damals kaum jemanden, der sagte: Alles in der DDR ist scheiße", lesen wir in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

"Die Opposition war klein, die Mehrheit arrangierte sich grummelnd, suchte Rückzugsräume im Alltag", erinnert sich im Interview der Journalist und damalige DDR-Bürger Jens Bisky zum großen Jubiläum des Mauerfalls in diesen Tagen.

"Man darf auch nicht vergessen, dass die DDR kein statisches Gebilde war", fügt sein Bruder, der Maler Norbert Bisky, an. "Spätestens mit Gorbatschow stellte sich das Grundgefühl ein: Der Sozialismus ist an sich eine Superidee, jetzt setzen wir ihn besser um. Es gab sehr viel Optimismus."

Und wie haben die beiden den Mauerfall erlebt? Jens Bisky: "Ich war im Kino International zur Premiere von Coming Out, dem ersten explizit schwulen Film aus DDR-Produktion. Du, Norbert, hast wahrscheinlich Stiefel geputzt." Der war damals nämlich bei der Nationalen Volksarmee, der NVA: "An einem Morgen kam der Unteroffizier und sagte, die Mauer sei gefallen. Das haben wir erst mal nicht geglaubt."

Fragt DIE ZEIT: "Sie dachten, es sei ein Scherz?" Norbert Bisky: "Unteroffiziere neigten nicht zu Scherzen." Dann hat er noch keinen Unteroffizier von der Bundeswehr kennengelernt.

Ablehnung der westdeutschen Deutung der DDR-Geschichte

"Westliche Bildungsträger veranstalten seit Jahrzehnten gutgemeinte Foren zur DDR-Geschichte", steht in der NEUEN ZÜRCHER. "Sie sehen sich mit einer Ablehnung der Einheimischen konfrontiert, die ebenso irrational wie verständlich ist", schreibt der Schriftsteller Martin Ahrends, der einst ebenfalls in der DDR lebte.

"Genauso wie man vordem die politischen Pflichtveranstaltungen ablehnte als Übergriff einer fremden Deutungshoheit, so lehnt man nun die westliche Deutung der selbst gelebten Geschichte ab. Mit dem Unterschied, dass man jetzt straflos fernbleiben kann."

Oder man sitzt auf dem Podium einer Diskussion, wie kürzlich der Literat Lukas Rietzschel, 1994 in der Oberlausitz geboren, neben sich ein "Mitdiskutant, Professor einer westdeutschen Universität, geboren in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre", wie es nun in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG heißt - und muss sich dann die Ausführungen dieses Professors anhören:

"... dass die Proteste der DDR-Bürger nicht zum Ende der SED-Herrschaft geführt hätten, sondern dass der Staat aufgrund seiner wirtschaftlichen, respektive seiner unwirtschaftlichen, Lage zusammengebrochen sei. Die Rolle der Bürgerbewegung", erinnert sich Lukas Rietzschel, "erwähnte er mit keinem Wort."

Was passiert mit Deutschlands ältestem Kino?

Daher lieber noch ein Tipp für wohlhabende Kino-Freunde. "Berliner 'Moviemento'-Kino kämpft ums Überleben", meldet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG über "das älteste Lichtspielhaus Deutschlands" in Kreuzberg, 1907 eröffnet.

"Jetzt werden die Räume verkauft, das könnte das Aus bedeuten, wenn die Betreiber nicht selbst den Preis aufbringen. Eine Crowdfunding-Kampagne unter Startnext.com/moviemento soll das Wunder möglich machen."

Wunder gibt es immer wieder. 

Mehr zum Thema

Westdeutscher Blick auf die DDR - Warum der Westen den Osten nicht verstanden hat
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 06.11.2019)

30 Jahre Mauerfall - Die gekaperte Revolution
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 06.11.2019)

Das Ost-West-Denken - Wie Medien und Politik Deutschland weiter teilen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 04.11.2019)

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