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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 28.12.2019

Aus den FeuilletonsBefreiung vom Algorithmus des Neides

Von Tobias Wenzel

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Frontales Portrait der kanadischen Autorin und Aktivistin Naomi Klein, 2017. (imago images / Agencia EFE / Andreu Dalmau)
Die Autorin Naomi Klein sagt, sie habe das Gefühl, dass die Leute den Narzissmus langsam leid seien. (imago images / Agencia EFE / Andreu Dalmau)

In einem Interview mit der "FAZ" beklagt die kanadische Autorin Naomi Klein die krank machenden sozialen Medien und bescheinigt uns Heuchelei. Das "Marketing-Ethos" einer individualistischen spätkapitalistischen Ära habe uns alle kolonisiert.

Eigentlich fehlte nur der Schnee. Aber auch ohne ihn klangen die Feuilletons dieser Woche besinnlich und sinnlich: "Die Hand tut etwas; das Auge folgt der Tintenlinie; die Nase atmet Papier, Karton, Leder", versucht Paul Ingendaay in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG Worte für den Akt des Schreibens per Hand zu finden, "der ganze Körper schreibt".

"Man richtet seine Aufmerksamkeit ganz auf die Erfahrung des gegenwärtigen Momentes, ohne zu urteilen", schildert Melanie Mühl in derselben Zeitung eine Übung zur Erlangung von Achtsamkeit. "Bäume sind langsam. Sie haben keine Eile", notiert Daniele Muscionico in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Auch du verlierst die Hast in ihrer Gesellschaft. Du trittst unter ihr Dach und du fühlst, wie du zu lächeln beginnst."

Weihnachten als "Weltunterbrechung"

Was haben diese Feuilletonisten denn alle geraucht? Hätte man normalerweise gefragt. Aber in der Weihnachtszeit und bis Silvester ist eben alles anders und langsamer getaktet. "Weltunterbrechung" nennt das der Soziologe Armin Nassehi.

Weihnachten lasse allerdings die Welt friedlicher aussehen, als sie in Wirklichkeit sei: "Die Dramen spielen sich dann eher in den Familien ab", schrieb Nassehi in der WELT. Familien seien nicht für diese "Form der Stille" gemacht, die ihnen die Gesellschaft zumute.

Apropos Familie: "Sich auszumalen, dass über uns ein alles bestimmender Gott thront, entspringt der kümmerlichen Vorstellungswelt des Menschen, der die Beziehung zwischen Vater und Familie auf den Kosmos überträgt." Der französische Maler Pierre Soulages sagte das im Gespräch mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Am Heiligabend, einen Tag, bevor Peter Schreier, der, so die FAZ, "Tenor für denkende Hörer", starb, wurde Soulages 100 Jahre alt. Der Künstler, der vor allem mit der Farbe Schwarz arbeitet, wird demütig beim Nachsinnen über die Weite des Weltalls: "Im Angesicht dieser Unendlichkeit sind wir nicht mehr als ein winziger Schimmelpilz", sagte der bekennende Agnostiker.

Der bedeutendste Mensch aller Zeiten

Bekennender Christ ist der Journalist und Buchautor Franz Alt. "Der wunderbare junge Mann aus Nazareth ist der bedeutendste Mensch aller Zeiten", schreibt er in der WELT. "Jesus hat die Liebenden, die Friedensstifter, die Umweltfreunde 'selig' gepriesen." Dann hätte ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden sicher so richtig viel Seligpreisung von Jesus abbekommen. Oder – ketzerische Frage – er von ihr?

"Wenn Greta Thunberg unser Jesus ist, dann sind die 'Fridays for Future'-Demonstrierenden ihre Jünger. Oder ihre Jüngerinnen? Verwirrend, dieses Gendern", schreibt Florentin Schumacher im Feuilleton der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG.

Alten-Bashing-Tweet von Fridays for Future

"Kurz vor Heiligabend sammelte der Twitter-Account der 'Fridays for Future'-Bewegung Tweets, die das Thema Weihnachten mit der Klimakrise in Verbindung bringen sollten", schreibt Elena Witzeck in der FAZ und zitiert: "Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei."

Die Journalistin ergänzt: "Weil Weihnachten der Familie gehört und plumpe Provokation keine Satire ist, folgte nach vier Stunden die Entschuldigung. Natürlich sei man sehr dankbar für den Einsatz der Älteren für die Klimarettung." Da dachte man als Leser: Heucheln können die Jungen schon so gut wie die Alten.

"Also sind wir alle Heuchler?", fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG die kanadische Autorin und Aktivistin Naomi Klein. "Ja, natürlich! Wir leben in einer sehr individualistischen spätkapitalistischen Ära, in der das Marketing-Ethos uns alle kolonisiert hat", antwortet Klein.

"Manchmal höre ich, dass Jugendliche ihre Freunde danach aussuchen, wer die besten Fotos von ihnen macht. Ich habe das Gefühl, die Leute sind diesen Narzissmus langsam leid. Man möchte sich vom Algorithmus des Neides, wie ich Instagram nenne, befreien." Denn soziale Medien machten krank.

Hinweis bei drohender Vereinsamung

Wie krank, kann dann wieder neue Technik messen. Zurzeit wird an Soziometern gearbeitet. "Das sind Geräte von der Größe einer Kreditkarte, die mit allerhand Sensoren wie Mikrofonen und GPS-Modulen ausgestattet sind", erklärt Michael Moorstedt in der SZ.

Das Ziel: "Ein Gerät, das seinen Träger darauf aufmerksam macht, wenn er zu vereinsamen droht, das erkennt, wenn er mal wieder frische Ideen nötig hat."

Frische Ideen sind dem schon erwähnten, nun 100-jährigen Maler Pierre Soulages ganz ohne High-Tech gekommen. Einmal starrte er auf die schwarze Farbe, die er dick und uneben auf eine Leinwand aufgetragen hatte, und war fasziniert von den Lichtreflexionen. Die sind seitdem fundamentaler Bestandteil seiner Bilder.

Als Kind habe er mit einem Pinsel schwarze Linien auf weißem Papier gemalt, erzählte Soulages im Gespräch mit der SZ: "Auf die Frage, was es darstellen solle, soll ich geantwortet haben: 'Schnee.'"

Pierre Soulages hat immer weiße Weihnachten.

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