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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.07.2018

Aus den FeuilletonsAuf der To-do-Liste: Nichtstun!

Von Arno Orzessek

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Young man lying in hammock model released Symbolfoto PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY GUSF00267 (imago stock&people)
Ein Mann liegt faulenzend in einer Hängematte (imago stock&people)

"Die Welt" verordnet Praxis-Tipps fürs Nichtstun, während die "SZ" und der "Tagesspiegel" die entfachte Rassismus-Debatte völlig unterschiedlich beurteilen. Und natürlich betrachten die Feuilletons der Woche auch den Auftakt der Bayreuther Festspiele.

"Hah zwei Oh!" titelte die wettersensible TAGESZEITUNG an diesem Samstag. Über eine komplette Seite stürzte von ganz oben bis ganz unten ein wunderbarer, von Sonnenstrahlen durchblinzelter Sommerschauer herab, der auf die Blätter eines Baumes prasselte und das schwarze Pflaster auf der Straße nass erglänzen ließ. Und mitten in diesem Guss stand ein Textlein von Jörg Kabisch, das in der Aufforderung mündete:

"Blättern Sie nicht um! Geben Sie sich eine Minute mit diesem Bild. Spätestens dann wird ihnen kühl ums Herz. Garantiert." Eine grandiose Zeitungsseite! Nur dass uns beim Ansehen nicht kühl ums Herz, sondern kühl auf der Haut wurde. Chapeau TAZ!

Das Nichtstun ist die schönste Tätigkeit von allen

Unterdessen liegt nicht nur ein Sommer der Extra-Klasse überm Land, es sind auch allerorten Ferien. Und da hielt es die Tageszeitung DIE WELT für richtig, in ihrer Reihe "Der Kultur-Knigge" unter der Überschrift "Nichts niente nada" Praxis-Tipps fürs Nichtstun zu erteilen:

"Zur Vorbereitung auf das Nichtstun setzen Sie das Nichtstun bitte erst einmal auf Ihre To-do-Liste. Tun Sie es im klaren Bewusstsein, das dieser Akt dem Geist des Nichtstuns zutiefst widerspricht. Denn wenn man das Nichtstun in ein Tun verwandelt, ordnungsgemäß erledigt und den Punkt dann befriedigt von der Liste streicht, dokumentiert man ja nur sein Scheitern am Vorhaben des Nichtstuns, das eben kein Tun ist und folglich auch nicht getan werden kann. Das Nichtstun ist ein Paradox, eine logische Unmöglichkeit, und bleibt trotzdem die ernsthafteste, wichtigste und vielleicht sogar schönste Tätigkeit von allen", vermutete Andreas Rosenfelder in der WELT.

Gespaltenes Feuilleton in der Causa Özil

So weit für heute der beschauliche Teil. Nun zum Tumult: Wir wenden uns der Causa Özil und dem Rassismus-Komplex zu. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG behauptete die Autorin Tuba Sarica, Mesut Özil spiele mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft und der angriffslustigen Begründung "der Deutschlandfeindlichkeit der deutsch-türkischen Parallelgesellschaft in die Hände".

Saricas Erläuterung: "Einerseits schüttelt Özil einem Mann wie Erdoğan die Hand, der selbst im Wahlkampf mit rassistischen Tönen arbeitet. Andererseits beschwert er sich über den deutschen Rassismus. In Özils Twitter-Botschaften zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft erkenne ich eine für die Parallelgesellschaft typische Doppelmoral. Alles sei nicht politisch gemeint. Dabei weiß er genau, dass Erdoğan Tausende Journalisten, Gewerkschafter, Lehrer, ja alle, die es wagen, ihn offen zu kritisieren, ins Gefängnis werfen lässt. Özil gibt da den schweigenden Mitläufer. Und stilisiert sich zum Opfer. Schon vor Jahren habe ich geschrieben, dass Özil nicht zum Posterboy der Integration taugt. Wenn er sich etwa weigert, die Nationalhymne mitzusingen, dann sendet er auch eine Botschaft an seine deutsch-türkischen Fans: Ihr müsst euch nicht zu Deutschland bekennen." Tuba Sarica in der SZ.

Völlig anderer Ansicht in selbiger Sache: Zafer Senocak. Der Schriftsteller richtete im Berliner TAGESSPIEGEL seinen Vorwurf an die Hiesigen… falls denn dieser alte Ausdruck heute nicht auch schon als indirekte Diskriminierung gilt.

"Seien wir doch ehrlich", so Senocak: "Welcher Türke wächst in Deutschland nicht mit der Überheblichkeit seiner Umgebung auf, wenn es um seine Herkunft geht? Wer sich das gefallen lässt, genießt bei weltoffenen Menschen Ansehen, wer aber aneckt, findet sich sehr schnell in einem imaginären Anatolien wieder, das an deutschen Stammtischen öfters beschworen wird als in türkischen Wohnküchen. Hand aufs Herz: Deutschland war nie ein Einwanderungsland, und es ist aller Mühe zum Trotz auch nie eines geworden. Schon gar nicht für Menschen aus muslimischen Ländern. Und da beginnt der Rassismus." Unnachgiebig: Zafer Senocak im TAGESSPIEGEL.

Demonstrieren gehen als anspruchsvoller Freizeitsport

Die Wochenzeitung DIE ZEIT berichtete derweil über ein Ereignis  "Mitten im Weißwurst-Kessel" – so lautete die Überschrift. Was der ZEIT-Autor Moritz von Uslar zu sagen hatte, war in komprimierter Form bereits der Unterzeile zu entnehmen: "Vereint in der Ablehnung des Schlechten: Zehntausende haben in München unter dem Slogan #ausgehetzt gegen die CSU-Politik demonstriert. Geboten wurde bayerisches Volkstheater mit wertkonservativen Aktivisten, Theaterintendanten und bescheuerten Jusos."

Von Uslars flapsig-snobistisches Resümee: "Ein anspruchsvoller Freizeitsport ist das Demonstrieren-Gehen: Gute Menschen gute und gut gemeinte Dinge deklamieren zu hören, und das auch noch im Nieselregen, macht müde."

Der Dirigent als Klangzauberer

Gute Musik zu hören, das bekam man offenbar während der Aufführung des "Lohengrin", mit dem in Bayreuth die diesjährigen Festspiele eröffnet wurden. In der SZ mobilisierte Reinhard J. Brembeck beim Bejubeln des "Lohengrin"-Dirigenten Christian Thielemann eine Reihe starker Verben.

"Thielemann ist immer Klangzauberer. Er kann auch antreiben, Genauigkeit einfordern, große Bogen aussingen, Martialisches krachen lassen und Volkstümliches hinschunkeln. Vor allem aber kann er den Klang auffächern, auffälteln, in sein Farbspektrum zerlegen, abdampfen, wattieren, anschmirgeln. Und so schwebt dieser 'Lohengrin' oft wie eine impressionistische Farborgie daher, die aber nie den tödlich-tragischen Gang der Geschichte verschleiert." 

Für die WELT war der "Lohengrin"-Abend in der Regie von Yuval Sharon "ein kreativer Urknall" und ein "Triumpf des Zweifels". Während die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG die Bühnengestaltung des Künstlerpaares Rosa Loy und Neo Rauch verschenkt fand: "Von einer Verbindung zwischen der offenbar tiefschürfend reflektierten, mit allerlei Romantik und Farbensymbolik angereicherten Szenerie und dem über weite Strecken entsetzlich biederen Stehtheater vorm weiten Bühnenrund kann keine Rede sein. Ein stimmiges Ganzes ergibt das alles nicht."

Keine Frage, dasselbe könnte ohne einen hübschen Schluss auch für unseren Wochenrückblick gelten. Aber so weit muss es ja nicht kommen. Deshalb wünschen wir Ihnen höflich einen schönen Sonntag und unterstellen, dass Sie jetzt der Aufforderung folgen, die in der TAZ Überschrift wurde.

Sie lautete: "Bitte lächeln!"

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