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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.09.2014

Aus den FeuilletonsAngewidert und gequält

Die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff kritisiert "unschöne" Menschen

Von Tobias Wenzel

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Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff am Rednerpult bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. (dpa picture alliance / Andre Hirtz)
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat einen Beitrag zur "SZ"-Sommerserie "Umkleidekabine" beigesteuert. (dpa picture alliance / Andre Hirtz)

Sibylle Lewitscharoff hat wieder zugeschlagen. Diesmal in einer harmlos daherkommenden Sommerserie der "SZ": Sie sei angewidert vom Anblick alter und "unschöner" Menschen in Sommerbekleidung, so die schwäbische Büchner-Preisträgerin.

"Umkleidekabine"

heißt die eigentlich hübsche und harmlose Serie der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Autoren schreiben in wenigen Zeilen über Kleidung. An diesem Montag Sibylle Lewitscharoff. Nun weiß man aus ihrer Dresdner Rede, in der sie durch künstliche Befruchtung entstandene Kinder als "Halbwesen" bezeichnete, dass Sibylle Lewitscharoff hübsch und harmlos nicht kann. Auch nicht in der Sommerreihe der SZ. Sie bewundere Männer in Anzügen, erzählt sie, sei aber angewidert von vielen anderen:

"Millionen von fettleibigen Männern gehen in T-Shirts ohne Ärmel auf die Straße. Grauslig."

Leicht bekleidete Frauen erträgt Lewitscharoff auch nur, wenn sie jung sind und Modelmaße haben. Beim Anblick dieser Frauen sei sie "regelrecht hingerissen", selbst wenn sie "ein billiges Fähnchen" anhätten:

"Aber viele Frauen sind alt oder fettleibig oder sonst wie unschön geformt, und da wird der Anblick üppig oder seltsam wuchernden Fleisches für den Betrachter zur Qual."

Onanierer, durch künstliche Befruchtung entstandene Kinder und Homosexuelle waren bisher die Opfer von Lewitscharoffs dummen Äußerungen. Nun also kommen noch die dicken und die alten Menschen dazu, die es wagen, nackte Gliedmaßen zu zeigen, und so das feine ästhetische Empfinden der schwäbischen Büchner-Preisträgerin malträtieren. Das klingt, als hielte sich Sibylle Lewitscharoff selbst für eine schöne oder zumindest gut gekleidete Frau. Da möge sich jeder selbst ein Urteil bilden, zum Beispiel mithilfe der Google-Bilder-Suche.

Moralisierendes findet sich überhaupt in den Feuilletons zu Wochenbeginn, selbst dort, wo man damit nicht gerechnet hätte:

"Terroristen, die ihre Untaten dokumentieren, Handyfotos nackter Prominenz, Fernsehpappnasen an rund um die Uhr überwachten Drehorten",

leitet Dietmar Dath von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG mit einem Angriff auf die Generation der respektlosen "Tatsachenfilmerei" seinen Abschlussbericht von den Filmfestspielen in Venedig ein, um dann die Jury zu loben, für die Vergabe der Hauptpreise an Roy Anderssons Film "Die Taube, die auf einem Zweig saß und über das Dasein nachdachte" und an den russischen Regisseur Andrei Kontschalowski. Dietmar Dath lobt mit der Jury

"Anderssons Weigerung, sich mit dem Funktionalismus der Tatsachenfilmerei überhaupt abzugeben, und Kontschalowskis Entschlossenheit, diesen Funktionalismus mit sanftem Nachdruck einem ästhetischen Programm zu unterwerfen, das über die Tatsachen hinaus will, ohne sie zu unterschätzen."

Orwell lesen, um Putin zu verstehen

Der Westen unterschätzt Putin, behauptet der polnische Autor Andrzej Stasiuk im SPIEGEL:

"Solange Europa sich nicht mit einer klaren Stimme gegen Putin ausspricht, macht er, was er will, und lacht sich tot."

Wer Putin und die russische Propaganda verstehen wolle, der müsse George Orwells Roman "1984" lesen, schreibt der Historiker Timothy Snyder im TAGESSPIEGEL. So sei"Krieg ist Frieden", ein Slogan des fiktiven Reichs im Roman, exakt, was an Putin zu beobachten sei: Jedes Angebot zu Verhandlungen und Waffenstillständen sei "zuverlässig von einer russischen Eskalation" begleitet gewesen. Kurioserweise heiße bei Orwell ein "repressiver, kriegerischer Staat" Eurasien. "Eurasien" sei aber auch "Russlands wichtigste außenpolitische Doktrin". Und dann sei da noch Orwells Begriff "Doppeldenk", mit dem Menschen"„gleichzeitig zwei Meinungen vertreten können, die sich widersprechen, und trotzdem an beide glauben". Eines von Snyders Beispielen:

"Einerseits führt Russland Kriege, um die Welt vorm Faschismus zu retten."

Andererseits sei in der Logik der russischen Propaganda "Faschismus gut":

"In Russland wurde Hitler inzwischen als Staatsmann rehabilitiert, die Juden werden für den Holocaust verantwortlich gemacht und Homosexuelle gelten als Teil einer internationalen Verschwörung."

Im Vergleich dazu wirken die menschenfeindlichen Äußerungen von Sibylle Lewitscharoff ja fast schon wieder putzig.

Mehr zum Thema:

Aus den Feuilletons - Kalt und herrisch (Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 07.03.2014)
Debatte um Dresdner Rede - "Lewitscharoff wusste, was sie tat" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 06.03.2014)

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