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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 13.12.2015

Aus den Feuilletons"Al-amīr al-ṣaġīr qalib"

Von Tobias Wenzel

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Ein Flüchtling aus Pakistan, der aus Protest seinen Mund mit einem Faden zugenäht hat, nachdem er nahe Gevgelija in Mazedonien von einem Grenzübertritt abgehalten wurde, aufgenommen am 27. November 2015. (picture alliance / dpa / Nake Batev)
"Al-amīr al-ṣaġīr qalib" heißt übrigens nicht "Tötet alle Ungläubigen!", sondern "Der kleine Prinz schlägt Purzelbäume". (picture alliance / dpa / Nake Batev)

Ob Henryk M. Broder in der "Welt" oder Regisseur Alvis Hermanis, den der "Spiegel" wiedergibt - immer wieder werden muslimische Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt. Unter Antisemitismus-Verdacht wiederum stellte Historiker Götz Aly zwei Zuckerberg-Kritiker in der "Berliner Zeitung".

Man müsse, wenn sie noch ganz jung und klein seien, die guten von den schlechten Pflanzen unterscheiden, das, was einmal eine gute Rose werde, von dem, was zu einem schlechten Affenbrotbaum heranwachse. Der könne nämlich so groß werden, dass er einen winzigen Planeten unbewohnbar mache. Deshalb brauche der Planet diese mühsame Morgentoilette. So heißt es sinngemäß im "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry. Die Verfilmung dazu läuft seit dieser Woche in den deutschen Kinos. Großes Thema in den Feuilletons war sie aber nicht. Dabei hätte man so viel vom "Kleinen Prinzen" lernen können. Vor allem dessen Sorgfalt darin, mühsame, aber wichtige Unterscheidungen zu treffen.

Diese Sorgfalt würde man eigentlich dem Historiker Götz Aly ohne weiteres zugestehen. Eigentlich. Jürgen Kaube sprach sie ihm in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG aber ab.

"Wie kann einem denkenden Menschen wie Ihnen, Herr Aly, die Absurdität dieser Schlussfolgerung entgehen?"

Schrieb Kaube in seinem offenen Brief an Aly. Der hatte wiederum in der BERLINER ZEITUNG über antisemitische Klischees geschrieben und, wenn auch vielleicht nicht justiziabel behauptet, so doch zumindest tollkühn suggeriert, einige Blogger und Journalisten, darunter Sascha Lobo, Kolumnist von "Spiegel online", und Michael Hanfeld, Medienexperte der FAZ, seien "moderne Antisemiten". Götz Aly hat das daran festgemacht, wie, zum Beispiel mit dem Wort "verlogen", die beiden Mark Zuckerberg, den Facebook-Gründer, für dessen angekündigte Milliardenspende kritisiert hatten.

Nun ist Aly ein renommierter Antisemitismusforscher. Aber kann der sich nicht auch verrennen und vor lauter Antisemitismusforschung selbst dort Antisemiten sehen, wo gar keine sind?

Jürgen Kaube sprach in der FAZ gar von "Rufmord" an seinem Kollegen Michael Hanfeld und nahm ihn vehement gegen den Antisemitismus-Vorwurf in Schutz. Hanfeld habe nur Zuckerbergs angekündigte Spende (in Form eines offenen Briefes an dessen gerade geborene Tochter) als unaufrichtige Werbeaktion kritisiert. Damit habe Zuckerberg unter anderem davon ablenken wolle, dass er "gegen den Datenschutz" Lobbyismus betreibe und "in Europa zwar Geschäfte" mache, "aber kaum Steuern" zahle.

Die Kritik Hanfelds sei aber nur eine Kritik in der Sache und gar nicht antisemitisch motiviert gewesen.

"Wollen Sie uns ernsthaft sagen, dass ein und dieselbe Kritik, wenn sie an einem protestantischen Internet-Tycoon geübt wird, ihren Charakter ändert, wenn sie Mark Zuckerberg betrifft?",

fragte Kaube in seinem offenen Brief an Götz Aly.

"Wie kann einem Historiker des Nationalsozialismus entgehen, welcher Logik dieser Kurzschluss den Verstand opfert?"

Henryk M. Broder kritisiert Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus

Seinen Verstand geopfert hat Henryk M. Broder unter anderem, als er 2012 Jakob Augstein wegen dessen israelkritischen Kolumnen einfach mal einen "lupenreinen Antisemiten" nannte. Nun hat Broder in der WELT über eine Unterscheidung geschrieben, die ihm lästig zu sein scheint:

"Eine […] Form der Verdrängung durch Verharmlosung ist die politisch korrekte Unterscheidung zwischen dem Islam und dem Islamismus. Als ob es das eine ohne das andere geben könnte",

schrieb er. Nur was wäre, wenn man diese Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus nicht mehr träfe? fragte man sich da. Wenn man also die große Mehrheit der friedlichen Muslime dafür bestrafte oder ausgrenzte, was andere im Namen des Islam zerstören? Wäre das dann nicht schlicht und einfach Rassismus?

"Ist der lettische Regisseur Alvis Hermanis […] ein Rassist und verkappter Rechtsradikaler?",

fragte zu Wochenbeginn Till Briegleb in der SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Der Leser des Artikels musste zu dem Schluss kommen: ja. Hermanis hatte eine geplante Inszenierung am Hamburger Thalia Theater mit der Begründung abgesagt, es habe sich zu einem "Refugees-Welcome-Zentrum"entwickelt. Da wolle er nicht mitmachen, schrieb der Regisseur in einem Brief. Thalia-Intendant Joachim Lux zitierte in indirekter Rede aus E-Mails, die er von Hermanis bekommen hatte, was nun der SPIEGEL wiedergibt:

"Die deutsche Begeisterung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen, sei extrem gefährlich für ganz Europa, weil unter ihnen Terroristen seien. Und niemand könne die Guten von den Schlechten trennen. […] Zwar seien nicht alle Flüchtlinge Terroristen, aber alle Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder."

Eine Aussage, die doch sehr an Henryk M. Broders Kritik an der Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus erinnert. Muslime und Flüchtlinge unter Generalverdacht.

"Ein Flüchtling ist er selbst einmal gewesen, damals, Ende der 80er-Jahre, als er in New York um politisches Asyl bat, weil er nicht zum sowjetischen Militärdienst wollte",

schrieb Katrin Bettina Müller in der TAZ über den lettischen Regisseur."Darum erschüttert seine Entscheidung."Und Jan Küveler nannte in der WELT Hermanis‘ Brief "ein Dokument der Paranoia, zu dem sich selbst hartgesottene Pegida-Anhänger nur mit Mühe durchringen dürften".

Aber auch die sind zu einigem fähig. Unter anderem haben sie mit ihrem Hass dafür gesorgt, dass ausländische Wissenschaftler Angst davor haben, in Dresden, zum Beispiel beim dortigen Max-Planck-Institut, einen Job anzunehmen. Darüber berichtete Mona Jaeger in der FAZ. Und die Sachsen-Korrespondentin von Deutschlandradio, Nadine Lindner, erzählte in der TAZ über ihre Erfahrungen bei den Dresdner Pegida-Demonstrationen:

"[…] auch mir hat man schon hinterhergespuckt, mich durch die Menge verfolgt und nachgesagt, ich arbeite für einen Lügen- und Koranschulen-Sender".

Koranschulen-Sender! Würde das nicht heißen, dass die Deutschlandradio-Mitarbeiter Arabisch sprechen? Also auch ich?

Al-amīr al-ṣaġīr qalib.

Nein, das heißt jetzt nicht: "Tötet alle Ungläubigen!" Sondern: "Der kleine Prinz schlägt Purzelbäume."

Fazit

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