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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 08.08.2019

Aus den FeuilletonsAi Weiwei will Deutschland verlassen

Von Gregor Sander

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Der chinesische Künstler Ai Weiwei (imago stock&people)
Die deutsche Kultur sei so stark, dass sie nicht wirklich andere Ideen und Argumente akzeptiere, erklärt Ai Weiwei in der "Welt". (imago stock&people)

Nach vier Jahren Exil in Berlin geht der chinesische Künstler Ai Weiwei in der "Welt" mit seiner Wahlheimat hart ins Gericht. Deutschland sei keine offene Gesellschaft, hier gebe es keinen Raum für offene Debatten und kaum Respekt für abweichende Stimmen.

"Dieses Land braucht mich nicht, weil es so selbstzentriert ist", poltert Ai Weiwei in der Tageszeitung DIE WELT. Natürlich wäre das eine schöne Gelegenheit zu fragen, wie selbstzentriert eigentlich Ai Weiwei ist, aber die verpasst Hanns-Georg Rodek leider. Stattdessen formuliert der wohl berühmteste chinesische Künstler seine Kritik:

"Deutschland ist keine offene Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, die offen sein möchte, aber vor allem sich selbst beschützt. Die deutsche Kultur ist so stark, dass sie nicht wirklich andere Ideen und Argumente akzeptiert. Es gibt kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen."

"Ein Beispiel?", fragt Rodek und Ai Weiwei antwortet: "Dreimal ist es mir passiert, dass ich in ein Taxi stieg und der Fahrer, als er mich sah, einfach nur gesagt hat: 'Raus!'"

Drei ekelhafte Fälle von Rassismus

Nun sind das drei wirklich ekelhafte Fälle von Rassismus, aber sie erklären leider nicht die starken Vorwürfe - dass es beispielsweise keinen Raum für offene Debatten gäbe. Konkreter wird der Künstler, der seit vier Jahren in Berlin lebt, Deutschland nun aber verlassen will, wenn es um das Verhältnis zu seinem Heimatland geht:

"Sehen Sie, Deutschland pflegt stärkere Beziehungen zu China als jemals zuvor, die Zukunft der deutschen Industrie hängt völlig von China ab. Die chinesische Regierung wiederum steckt alle Menschenrechtsanwälte ins Gefängnis, verbietet Besuch von ihren Familien und wenn ihre Strafe abgesessen ist, verschwinden sie spurlos. Deutschland fragt nicht, was aus ihnen geworden ist, die USA fragen nicht."

Und dieses Weggucken des Westens habe, so Ai Weiwei in der WELT, eben auch Auswirkungen auf die Kunst: "In 40 Prozent der Filme, die aus Hollywood kommen, steckt inzwischen chinesisches Geld. Und jeder Produzent will mit seinem Film nach China, in dessen Riesenmarkt. Es ist wie ein Goldrausch. Deshalb nehmen die Produzenten jeden Satz, der dem Zensor nicht gefällt, heraus."

Donald Trump und der Niedlichkeits-Faktor

Die westliche Welt taucht hingegen, laut Melanie Mühl von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, in eine Welle der Niedlichkeit ein:

"Handyhüllen, die aussehen wie Mini-Pelzstolas, Emojis mit aufgerissenen Augen, die Omnipräsenz des auch bei Erwachsenen beliebten japanischen Kätzchens 'Hello Kitty', millionenfach geteilte Filme vergnügt planschender Gürteltiere, 'It-Girls', die bei Instagram mit per App kreierten Hundenäschen und Schlappöhrchen posieren und die Zwischenkollektion der Luxusmarke Moschino, die derart bunt, verspielt und kindisch ist, als sei Fasching."

Das kann man natürlich als Realitätsverweigerung diagnostizieren, "die fluffige Filterblase als Schutz gegen die Horrornachrichten aus aller Welt", aber Mühl hat auch noch die Erklärung eines Gastprofessors vom Londoner Kings College parat.

Der heißt Simon May und behauptet, "dass Donald Trump seine Wahl zum amerikanischen Präsidenten auch seinem Cute-Faktor verdanke. Auf den ersten Blick scheint das weit hergeholt, andererseits spricht Trumps Präsenz als kindlich-störrische Figur in der Populärkultur durchaus für einen gewissen Niedlichkeitsfaktor im Sinne von May", so Mühl in der FAZ.

Diedrich Diederichsen über "Blue" Gene Tyranny

Und wer an dieser Stelle nicht über den Niedlichkeits-Faktor von Donald Trump nachdenken möchte und sich in der Kulturpresseschau einfach nur einen schönen feuilletonmäßigen Feuilletonsatz wünscht, der bekommt ihn zum Schluss von Diedrich Diederichsen in der TAZ geschenkt, der in einer Musikkritik über den amerikanischen Künstler "Blue" Gene Tyranny schreibt:

"Da perlt der Yachtrock über ein Akkordgerüst, gediegen eingerichtet wie ein kalifornisches Case-Study-House, ein künstlich schmachtendes Saxofonsolo legt sich drüber, um von einer silbrigen Synthiefolie gespiegelt in aufdringlich hübsche Ostinati überzugehen und wegzutrippeln wie ein etwas überdrehter Tanzroboter."

Und genau das versuchen wir hier jetzt auch: Wegzutrippeln wie ein etwas überdrehter Tanzroboter!

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