Aus den Feuilletons

Ab jetzt werden die Tage kürzer

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Eine Menschengruppe hebt im Schattenriss die Arme vor einer glutroten Abendstimmung.
Die einen feiern die Sommersonnenwende, die anderen sagen, dass nun die Tage wieder kürzer werden. © picture alliance / Paul Zinken
Von Hans von Trotha · 21.06.2021
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Kaum wird es richtig Sommer, weisen einige darauf hin, dass die Tage wieder kürzer werden. Diese von der "FAZ" so genannten "Kalendaristen" machen sich nicht beliebt. Die Zeitung nennt deren Hinweis dann auch "nichtsnutzig und liebestötend".
Manchmal ist es im Feuilleton wie im richtigen Leben: Natürlich stehen die ganz großen Themen im Vordergrund – dazwischen aber treibt die Menschen etwas anderes um: die Sehnsucht nach ein bisschen Glück.
Und so lesen wir Kommentare zur Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Tsitsi Dangarembga, die Christian Putsch in der WELT "wahrlich eine würdige Preisträgerin" nennt und zu der Andreas Platthaus in der FAZ bemerkt, damit bekomme "nicht nur die schwarzafrikanische Literatur eine neue Stimme in Deutschland verliehen, sondern auch die Demokratiebewegung in den politisch nach wie vor meist prekären dekolonisierten Staaten des Kontinents".
Wir werden auch ans Erinnern erinnert: Im TAGESSPIEGEL anlässlich der Eröffnung der Ausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, der Bernhard Schulz einen "neue(n) Zugang für Nachgeborene" zuspricht. Die SÜDDEUTSCHE erinnert an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren, wobei Sonja Zekri allgemein resümiert: "Die Deutschen hätten alles Biegen und Drehen der Geschichte leicht verhindern können. Sie hätten die Länder Osteuropas einfach nicht überfallen sollen."

Auf der Suche nach dem Glück in Berlin

Doch dazwischen werden Glückssucherinnen und Glückssucher immer wieder fündig. Etwa wenn der TAGESSPIEGEL aus Paris einfach so meldet: "Nach 15 Monaten werden die Clubs vom 9. Juli an wieder öffnen!" Ausrufezeichen. Oder wenn Johanna Adorján für die SÜDDEUTSCHE auf Vimeo mit Kumaré von Vikram Gandhi einen Film entdeckt, der Menschen "aus Versehen glücklich" macht. Oder wenn die TAZ in einem "Verweis" den Blick auf eine anscheinend höhere Kunst des Glückssuchens lenkt, und zwar mit der Frage: "Wie wird man in Berlin glücklich?", der sich das dortige Literaturhaus widmet.
Womit wir bei der Literatur wären – und bei Berlin. Bevor wir zur Literatur kommen: Ganz ohne Seitenhieb auf Berlin kommt Christian Geyer in seiner FAZ- Glosse nicht aus, in der das Glück noch "Wonne" heißen darf, dafür aber in akuter Gefahr ist: "Wonneknick" heißt der Text zu einer Meldung, die, so Geyer, "tatsächlich zu nichts anderem gut (ist), als der Wonne einen Knick zu verpassen": "So erhielt man", schreibt er, "von den Kalendaristen ungefragt die Mitteilung, dass" der 21. Juni "auch schon der längste Tag im Jahr gewesen ist, von dem an die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden."
"Einen völlig überflüssigerweise herausgehauenen Bescheid" nennt das der Autor, eine "nichtsnutzige, liebestötende Mitteilung", und er beschwört die inkriminierten "Kalendaristen": "Sehen sie denn nicht jenes innere Leuchten, das selbst räudige Stadtbezirke wie Berlin-Neukölln erfüllt (im Räudigkeitsgrad Frankfurt-Preungesheim oder Köln-Nippes vergleichbar), nachdem man sich dort auf die langen Abende eingelassen hat?"

Briefwechsel zwischen Zufriedenheit und Kritik

Zeit, sich der Literatur zuzuwenden, die das Glückszitat des Tages liefert, der Korrespondenz zwischen Georges Sand und Gustave Flaubert entnommen, einem der "schönsten Briefwechsel der Literaturgeschichte", wie Wolf Lepenies in der WELT findet, wo er ihn als Denkmal einer Freundschaft, aber auch einer literarischen Debatte und eines gesellschaftlichen Diskurses referiert, bei dem, so Lepenies, die "zivilisatorische Maxime" galt, sich "zu einigen, nicht einer Meinung zu sein".
Die stark zur Zufriedenheit neigende Georges Sand ("In dieser Welt stört mich eigentlich nichts, denn ich finde, dass in dem, was mich betrifft, alles zum Besten steht. Dadurch habe ich Angst, noch langweiliger zu werden, als ich es eh schon bin") trifft auf einen leicht erregbaren Kritiker seiner Zeit, derer, die in ihr leben, und schon gar derer, die in ihr regieren: "Die Regierung eines Landes", schreibt Flaubert, "sollte eine Sektion, und zwar die letzte Sektion der Akademie der Wissenschaften sein" – ein Gedanke, der sich nach Christian Drosten anders liest als vorher. Georges Sand ist da übrigens anderer Meinung.
Vor allem aber versucht sie, den anderen dazu zu bewegen, auch das Gute, ja das Glück gar, zu suchen. "Wir machen schreckliche Lektionen durch", findet auch sie, "aber sie können uns helfen, uns von unserer Dummheit zu befreien."
"Das Böse hilft dem Guten ans Licht", ist sie überzeugt und gibt ihrem Brieffreund diesen einen Satz mit, über den wir alle vielleicht ab und zu nachdenken sollten – erst recht in der just in diesem Moment einsetzenden Phase des Wiederdunklerwerdens – woran uns Christian Geyer jetzt blöderweise alle erinnert hat: "Du hast", schreibt Georges Sand an Flaubert schlicht, aber groß, "kein Recht, nicht glücklich zu sein."
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