Auftakt der Ruhrtriennale

    Eine Auseinandersetzung mit unseren dunklen Seiten

    07:39 Minuten
    Aufnahme von der Inszenierung: Eine Frau im Vordergrund, zwei sitzende Männer im Hintergrund, eine weitere Frau an einer riesigen Trommel.
    "Das ist ein großer Schauspielerabend", urteilt unser Kritiker Stefan Keim. "Es ist allerdings auch ein Abend, der eine unglaubliche Konzentration vom Publikum fordert, weil er eben sehr textkonzentriert ist." © Matthias Horn
    Stefan Keim im Gespräch mit Eckhard Roelcke · 14.08.2021
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    Mit einem Stück über menschliche Urängste eröffnete die neue Intendantin Barbara Frey die diesjährige Ruhrtriennale. Edgar Allan Poes "Untergang des Hauses Usher" diente dabei als Grundlage für einen schaurig-schönen Musiktheaterabend.
    Mit einem Meisterwerk der Schauerromantik klang der erste Tag der diesjährigen Ruhrtriennale aus: mit Edgar Allan Poes "Untergang des Hauses Usher", inszeniert von Barbara Frey. Zehn Jahre lang leitete sie das Schauspielhaus Zürich. Nun ist sie für drei Jahre die neue Intendantin des Kunstfestivals im Ruhrgebiet.
    Die Premiere des Poe-Klassikers fand in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck statt, einem atmosphärisch sehr speziellen Ort, wie Frey im Vorfeld erklärte:
    "Es ist eine ganz merkwürdige Stimmung in diesem Raum. Er hat etwas von einer römischen Therme, wenn man an die Wände guckt. Er hat natürlich diese Elemente von Jugendstil und dann diese merkwürdigen Maschinen, die da so mitten im Raum stehen, die ein bisschen aussehen wie Tiere. Manchmal sehen sie auch aus wie Personen, wie Zyklopen oder so etwas. Diese Mischung von 'Aus dem Fenster gucken', dort einen Sonnenuntergang sehen und gleichzeitig inmitten von diesen Maschinen zu sein, hat mich interessiert."
    Aufnahme von der Inszenierung: Zwei Männer sitzen an zwei Flügeln, zwei Frauen sind im Vordergrund. Sie stehen sich gegenüber mit einer Glocke und einer Ratsche.
    Barbara Frey ist fasziniert von der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck.© Matthias Horn
    Der Abend wurde mit Klavierakkorden eingeleitet, die sich über eine Viertelstunde lang streckten und kaum veränderten. "Eine Geduldsprobe", wie unser Kritiker Stefan Keim meint, "aber auch eine Art Reinigung".

    Eine große Edgar-Allan-Poe-Collage

    "Man bewegt sich mit dieser Musik in die Nacht hinein und bewegt sich aus der ganzen Hektik, aus dem ganzen Alltag heraus. Man wird geöffnet für die Aufführung." Die Musik stammt übrigens von Barbara Frey und Josh Sneesby: melancholische Songs, manchmal auch ein kleines bisschen mit morbider Ironie durchsetzt.
    Das passt dazu, wie sich Edgar Allan Poe in seinen Geschichten mit menschlichen Urängsten auseinandersetzt. Auch weitere Zitate und Elemente aus Poes Fundus hat Barbara Frey aufgegriffen und zusammengestellt.
    "Es ist also eine große Poe-Collage, eine große, sehr subtile Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk von Edgar Allan Poe", erklärt Keim, der einen trotz hoher Konzentration auf den Text gelungenen Musiktheaterabend bezeugt.

    "Man muss richtig hinhören", erklärt unser Kritiker, "dann entfaltet sich dieser große Kosmos von Edgar Allan Poe und diese wirklich tiefe Auseinandersetzung mit dem, was uns zum Fürchten bringt, mit unseren dunklen Seiten". Das Ensemble des Wiener Burgtheaters habe dies hervorragend umgesetzt.
    Aufnahme von der Inszenierung: Ein Mann steht vor einer riesigen Turbine.
    In Zweckel wurde früher Kohle gefördert, nun finden hier Kulturveranstaltungen statt.© Matthias Horn

    Überraschend aktuell

    Auch heute hätten wir sehr viel mit Ängsten zu kämpfen, so Keim, ausgelöst durch die Corona-Pandemie oder die Klimakatastrophe, um nur zwei Stichworte zu nennen:
    "Das ist keine Geschichte, die explizit auf die Bühne kommt. Aber sich jetzt mit Edgar Allan Poe und mit diesen menschlichen Urängsten zu beschäftigen, ist ein Ansatz, der mich sehr überzeugt."
    (ckr)
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