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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2012

Aufregende Fahrt in den Hades

Christoph Willibald Glucks "Telemaco" im Theater an der Wien

Von Bernhard Doppler

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"Telemaco" in Wien überzeugt mit einem sehr guten Orchester und bravourösen Sängern. Die Oper über Odysseus in der Gefangenschaft von Circe ist voller Brüche zwischen barocken und reformorientierten Elementen, aber in der Wiener Version geht man gerne auf Entdeckungsreise.

Mag sein, Christoph Willibald Glucks sehr selten gespielte Oper "Telemaco" ist kein Meisterwerk, allzu hastig zwischen weiteren Auftragswerk zu den Hochzeitsfeierlichkeiten 1765 komponiert, schludrig das Libretto, musikalisch unentschieden zwischen konventioneller Barockoper und jener Reformoper, die Gluck schon Jahre zuvor entwickelt hatte. Doch mit René Jacobs - diesmal mit der "Akademie für Alte Musik Berlin" - geht man auch diesmal wieder sehr gerne auf Entdeckungsreise; und gerade was den Übergang und die Brüche zwischen barocker und klassischer Musik betrifft, ist man bei René Jacobs gut aufgehoben.

Die Brüche bestimmen ja dramaturgisch die Oper: Da ist die Zauberin Circe, die Odysseus auf ihrer Insel gefangen hält, eine Partie voller waghalsiger barocker Koloraturen. Und da sind die Jungen mit ihren Gefühlen: Telemach, der seinen 20 Jahre vermissten und von Circe bezirzten Vater sucht und Telemachs Freund Meriope der auf der Insel seine als Nymphe entführte Schwester findet. Circe wird später bei Gluck als "Armida" die Zauberin weiterentwickelt, auch sie eine Enttäuscht-Liebende, in gewisser Weise auch eine Vorform von Mozarts Königin der Nacht. Zu entdecken ist aber auch eine Variante von "Orpheus und Eurydice". "Telemaco" ist eine Fahrt in den Hades, in Tod und in den Wunsch, sich dem Vergessen sich zu entreißen. Mit René Jacobs voller Einfühlung agierender Musizierhaltung nimmt man wieder auf spannende, aufregende Weise Teil an der Kreation einer Oper.

Sind wir in der Unterwelt? Sind es gefallene Krieger? Sind es Schatten oder von Circe Verzauberte? Traumbilder? Oder sind die schwarz gekleideten Männer, das Gefolge von Odysseus, vor allem Soldaten, Kriegsheimkehrer? Auf einer großen dreh- und kippbaren Scheibe, die durch eine weitere Scheibe gespiegelt wird, bewegen sich die Figuren. Thorsten Fischer erzählen weniger eine Episode aus der Odyssee, sondern bebildert mit Chor und viel Statisterie Stationen einer Heimkehr. Dazu hat Fischer noch die Sprechrolle der Penelope eingeführt, sie sitzt nicht fernab in Ithaka, sondern ist beobachtend, ja Anteil nehmend oder als Orakel oder als Traum auch auf Circes Insel ständig präsent.

Die Intentionen von Glucks sich neu an der Antike orientierendem Musiktheater werden auf der abstrakten Scheibe deutlich; die Aktualisierungen und modernen Psychologisierungen, die Pistolen und Gewehre der Männer etwa, wirken allerdings bisweilen ein wenig moralisierend platt.

Uneingeschränkt kann man sich aber an der Musizierlust des Orchesters und der Bravour der Sänger erfreuen. Alexandrina Pendatchansa (Circe) beindruckte sowohl mit vibrierende Koloraturen als auch gewaltige Tiefe, Bejun Mehta (Telemaco) imponierte als einer der interessantesten jungen Countertenöre, Rainer Trost konnte in der Rolle eines älteren Mannes, Ulysse, mit barocken tenoralen Ausschmückungen aufwarten, während Anett Fritsch (Merione) und Valentina Farcas (Asteri) ihre jugendlichen Rollen mit Gefühl und Leidenschaft erfüllten. Viel Beifall. Kein in sich geschlossenes Meisterwerk, aber gerade durch seine musikalischen Brüche ein überzeugender Opernabend.

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