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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 22.09.2020

Aufnahme von GeflüchtetenSo geht Integration von unten

Ein Einwurf von Uli Röhm

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Eine Integrationsfachkraft hilft Kindern bei den Hausaufgaben. (picture alliance / Peter Zschunke / dpa)
Die Jugenheimer Initiative "Willkommen im Dorf" hat auch ein Nachhilfeprojekt. (picture alliance / Peter Zschunke / dpa)

Wie viele geflüchtete Menschen kann Deutschland aufnehmen? Nicht erst seit dem Brand im Lager Moria wird über diese Frage gestritten. Das Dorf Jugenheim in Rheinhessen gibt im Kleinen die Antwort, meint der Wirtschaftsjournalist Uli Röhm.

Wir haben uns in Jugenheim schon immer gewundert, warum die Politik in der Integration von Geflüchteten eine so große Herausforderung sieht? Warum haben sich Politiker, Behörden und Verwaltungen nicht bei all denen umgehört und umgesehen, die sich um Geflüchtete kümmern? Da hätten sie einiges lernen können.

Das fängt mit der Wortwahl an. Wir sprechen von Geflüchteten und nicht von "Asylanten". Denn Asylant ist ein abwertender und diskriminierender Begriff aus dem rechtspopulistischen Milieu. Wir benutzen das Wort vom Flüchtling auch deshalb nicht, weil das "ling" in der Endung abwertend ist: Eindringling, Schädling.

"Geflüchtete" statt "Flüchtlinge"

Wir sagen bewusst "Geflüchtete". Das ist zwar kein juristischer Begriff, aber er umfasst dafür auch alle Menschen, die nach der Genfer Konvention ohne Flüchtlingsstatus sind.

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"Willkommen im Dorf", so heißt unsere Initiative in Jugenheim in Rheinhessen, übrigens eine der ältesten in Deutschland, und das nicht ohne Grund!
"Willkommen im Dorf" ist nicht nur ein griffiger Titel, sondern er ist Programm und wir meinen es ernst.

Zeitweise lebten in unserem Dorf bis zu 70 Geflüchtete, das sind knapp fünf Prozent der 1600 Einwohner von Jugenheim. Eine Zahl, die eine Gemeinde dieser Größe problemlos vertragen kann. Man kennt sich, man sieht sich, man achtet aufeinander. Und ich bin überzeugt, die Ruhe des Dorfes lässt die traumatischen Erlebnisse der Flucht besser vergessen und ertragen. Vor allem Kinder genesen auf dem Land psychisch schneller als in der Großstadt.

Eine Bereicherung für unsere Gesellschaft

Geflüchtete sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Sie können eine Bereicherung sein, wenn man weiß, es kommen Menschen. Und wenn man sie so behandelt. Und nicht wie menschlichen Abfall, wie es gerade die Geflüchteten auf Lesbos erleben müssen.

Wir haben Patenschaften eingerichtet, die mit den Geflüchteten Kontakt halten, die Familien bei der Integration unterstützen und ihnen helfen durch den Behördendschungel zu finden. Probleme lösen wir ganz praktisch.

Ein kleines Beispiel: Am Anfang mussten die Geflüchteten im Rahmen des Asylaufnahmeverfahrens zur Ausländerbehörde nach Trier. Trier liegt rund 150 Kilometer weg von Jugenheim. Ins Amt bestellt wurden die Menschen morgens um acht, eine Uhrzeit bei der diese Behörde mit öffentlichen Verkehrsmitteln nie und nimmer zu erreichen war. Zusätzlich entstanden Kosten für die Übernachtung ganzer Familien.

Kleine Änderung, große Wirkung

Wir haben vorgeschlagen, den Termin einfach später auf die Mittagszeit zu legen, dann können die Geflüchteten nicht nur am gleichen Tag mit der Bahn an- und wieder abreisen. Der Vorschlag wurde in Trier dankbar aufgenommen und ab sofort wurden die Geflüchteten aus Rheinhessen um 12 Uhr bestellt.

"Für die tut ihr alles, für uns nix" – so macht sich auch bei uns der eine oder andere alteingesessene Dorfbewohner Luft. Obwohl ich Wirtschaftsjournalist bin, beurteile ich Menschen nicht nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung.

Aber wenn mich hartnäckige Flüchtlingshasser und Dummköpfe mit solchen blöden Parolen zur Weißglut treiben, dann frage ich meine Gegenüber: Wann tun euch denn die Geflüchteten weh? Wo schaden sie euch? Was geht euch ab?

Ein Gewinn für unsere Volkswirtschaft

Die Bilanzen der Krankenkassen und Rentenversicherung zeigen: Geflüchtete sind ein Gewinn für unsere Volkswirtschaft. Es handelt sich meist um junge gesunde Leute, ohne teure Zivilisationskrankheiten. Im Gegensatz zu unseren eigenen Landsleuten haben sie kaum Krebs und sind auch kaum an Diabetes erkrankt.

Lasst sie arbeiten! Dann bekommt der Staat Steuereinnahmen, die Geflüchteten zahlen in die Sozialversicherungskasse und finanzieren letztlich unsere Rente. Danach sind die Nörgler still…

Wenn wir in unserem kleinen Dorf so etwas geschafft haben, wieso sollte das in einem so großen und reichen Land wie Deutschland nicht gelingen? Etwa mit allen 13.000 Geflüchteten von Lesbos.

Wir haben Platz! Genug.

Uli Röhm mit Mikrofon bei einem Pressetermin  (imago images / Hoffmann)Uli Röhm (imago images / Hoffmann)Uli Röhm ist freier Wirtschaftsjournalist und Buchautor. Röhm arbeitete 26 Jahre als Fernsehredakteur beim ZDF, darunter als Mitgründer des Wirtschaftsmagazins WISO. Von ihm erschien unter anderem das Schwarzbuch "Tatort Autobahn" über kriminelle Machenschaften im Speditionswesen sowie das Streitbuch "Schwarzgeld im Visier" über die Arbeit von Steuerfahndern.

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