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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.01.2013

Auf die Ware Freundschaft zwischen Politik und Wirtschaft!

Die Kunst der Lobbyarbeit

Von Till Reiners

Ein Staat ohne Lobbyarbeit sei eine extremistische Demokratie, so Till Reiners. (picture alliance / dpa / Josef Horazny)
Ein Staat ohne Lobbyarbeit sei eine extremistische Demokratie, so Till Reiners. (picture alliance / dpa / Josef Horazny)

Der Lobbydruck auf die Politik habe zugenommen, warnt Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD. Was denn an dieser Interessensvertretung so schlimm sei, das fragt Kabarettist Till Reiners. Und stellt klar: Die Lobbyarbeit sei ein Grundpfeiler unserer Demokratie.

Man muss sich doch in letzter Zeit sehr wundern, welche Grundbegriffe der Demokratie zu issmen verkommen. Lobbyarbeit wird "Lobbyismus" gescholten. "Ismus", ausgerechnet die Endung der Extremisten soll einem Grundpfeiler unserer Demokratie als Makel anhaften? Anarchismus, Kommunismus, ja, das sind fundamentalistische Glaubensrichtungen, die sich ihren "ismus" redlich, also unredlich, verdient haben.

Ein "ismus", das ist ein Gefahrengutaufkleber, der radikales Gedankengut ins Reich der absonderlichen Ideologien verbannt. Und dieses Schicksal soll nun der ehrenwerten Politikberatung drohen? Ist das nicht intellektueller Rufmord einiger weniger, obendrein neidischer linker Gutmenschen?

Und wie paradox, denn sind es nicht gerade die Linken, die immer wieder Solidarität fordern? Und beschreibt das hässliche Wort "Lobbyismus" nicht eigentlich die teuerste Ware von allen? Die Ware [sic!] Freundschaft? Eine Hand wäscht die andere - was für ein schönes Bild für Menschen, die einander helfen! Das ist doch fast eine sozialistische Idee. Und worin wäscht die eine Hand die andere? Genau, in Unschuld. In einem Gedanken an echte Brüderlichkeit.

Es gibt eben da draußen noch Menschen, die wissen, dass der Einzelne in dieser Welt nie soviel erreichen kann wie eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. Was für eine Niedertracht, diesen Bund gemeinsamer Interessen "Lobbyismus" zu nennen. Nur durch die Schicksalsgemeinschaft von Wirtschaft und Politik wird es auch in Zukunft möglich sein, dass die Demokratie von den Erfolgreichen geleitet wird.

Wenn Sie einen Fußballverein besitzen, und Sie sind im Abstiegskampf und haben den Trainer schon entlassen - nach was für einem Trainer halten Sie Ausschau? Nach einem, der in der Oberliga seine Amateure mit Ach und Krach im Mittelfeld hält? Oder nach dem, der gerade auf Platz eins der Bundesliga steht?

Und gleichen Politiker, ausgestattet mit einem Salär, bei dem jeder Provinzsparkassendirektor anfängt, hysterisch zu lachen, gleichen diese Politiker nicht eben jenen Oberligatrainern, die dankbar sind, dass ein Wirtschaftskonzern von Welt ab und zu Geld und überaus wertvolle Tipps gibt?

Politiker sind auf den Dienst von wohlwollenden Mitarbeitern angewiesen, auf Menschen, die sich in den Dienst der Sache stellen. Ihrer Sache! Lobbyisten, also der Politik freundschaftlich verbundene Experten, stellen deshalb ihr Fachwissen zur Verfügung. Wenn Abgeordnete sich die Frage stellen: Wie kann ich der Pharmabranche eine Freude machen? Ja, wie schön ist es dann, wenn eine ehrliche, direkte Antwort kommt: "Liebe CDU, bitte nehmt doch als gesundheitspolitischen Sprecher einen von uns - nehmt Jens Spahn."

Viele kennen das noch von Weihnachten: Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Dafür brauchen Politiker externen Sachverstand.

Außer eben Jens Spahn, die fleischgewordene Doppelkompetenz: aus Politiker einerseits und ehemaligem Besitzer einer Lobbyagentur für Kunden aus der Pharmabranche andererseits. Dass er das bislang bescheiden verschweigen wollte, ist allzu verständlich: Ein Politiker, der sich selbst berät, also eine Symbiose aus Eigen- und Fremdkompetenz schafft, der weckt natürlich Neid.

Für all die starken Konzerne in Deutschland soll auch im neuen Jahr Weihnachten sein. Wer kann denn ernsthaft etwas gegen Weihnachten haben? Dem Fest der Liebe. In diesem Fall: der Liebe zwischen zwei Branchen: Politik und Wirtschaft. Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern, hat Aristoteles gesagt. Ich will weiterhin in beseelte Gesichter blicken, wenn ich eine Rede im Bundestag höre. Ich will beseelte Parteien und Ministerien. Ich möchte, dass Deutschland auch in Zukunft von Gewinnern regiert wird.

Zuviel Demokratie ist immer auch eine Gefahr für die Demokratie, ein Staat ohne Lobbyarbeit ist eine extremistische Demokratie, sogenannter Demokratismus. Wehret den Anfängen.

Der Kabarettist Till Reiners (Till Reiners)Der Kabarettist Till Reiners (Till Reiners)Till Reiners, Jahrgang 1985, ist Kabarettist. Für sein Programm "Da bleibt uns nur die Wut" wurde er 2012 mit dem Bielefelder Kabarettpreis, mit dem Silbernen Stuttgarter Besen sowie der St. Ingberter Pfanne ausgezeichnet. Hervorgehoben wurden seine "analytische Schärfe und gewandte Wortgewalt".

Im Jahr 2011 wurde Till Reiners Berliner Stadtmeister beim Poetry-Slam-Wettbewerb. Vor seiner Bühnenkarriere studierte Till Reiners Politikwissenschaften in Trier. Weitere Informationen sowie Videos von Auftritten: www.tillreiners.de

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