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Nachspiel | Beitrag vom 21.07.2019

Auf der Pferderennbahn in EnglandZwischen Betriebsausflug und Partnerbörse

Von Hendrik Buchheister

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Hüte soweit das Auge reicht auf der Pferderennbahn in Doncaster, England. (Getty Images/Alan Crowhurst)
Hüte soweit das Auge reicht: Sich aufbrezeln, ein Drink - darum geht es vielen inzwischen vor allem auf der Pferderennbahn in England - nicht nur in Doncaster. (Getty Images/Alan Crowhurst)

Rennbahnen ziehen in England noch immer die Massen an. Der Sport selbst spielt dabei nur eine Nebenrolle. Vielen Zuschauern geht es vor allem um das Event - das wird bei einem Tag auf der Rennbahn in Doncaster klar.

Ein Freitagnachmittag auf dem Doncaster Racecourse, einer der vielen Pferderennbahnen in England, dem Mutterland der Pferderennen. Die Sonne scheint, es sind knapp 25 Grad. Die Stimmung ist bestens, das Publikum bunt gemischt. Alle Altersklassen, ungefähr gleich viele Frauen und Männer.

Die Geschichte der Pferderennen in England reicht zurück bis in die Römerzeit. Das Cheltenham Festival oder Royal Ascot sind sportliche und gesellschaftliche Großereignisse. Der Sport ist eine Milliardenindustrie und hat nach Fußball die meisten Zuschauer in England, rund sechs Millionen im Jahr.

Doch warum gehen die Engländer auf die Rennbahn? Was begeistert sie?

Beim Besuch auf dem Doncaster Racecourse wird klar, dass der Sport selbst nur noch eine Nebenrolle spielt. Es geht eher um das Event. Die Stimmung hat etwas von Betriebsausflug oder Junggesellenabschied.

Bratt, 40 Jahre alt, ist mit seiner Firma hier und macht kein Geheimnis aus seinen Absichten. Er will trinken und nach Frauen Ausschau halten:

"Ich wurde eingeladen. Ich bin hier für ein paar Drinks – und natürlich, um mir das 'Candy' anzuschauen, die Frauen, die Ladies."

Bratt trägt eine blaue Weste, ein weißes Hemd und eine cremefarbene Krawatte. Bei einem Tag auf der Rennbahn gehört es dazu, sich schick zu machen. Auf den besseren Plätzen ist das sogar Pflicht.

Gutes Aussehen als das Allerwichtigste

Auch Rea und Niamh, beide in ihren 20ern, legen Wert auf ihr Outfit. Rea trägt ein blaues Kleid, Niamh ein schwarzes. Sie berichten, dass sie gegen Mittag Feierabend gehabt und sich dann schnell fertig gemacht hätten. Gut auszusehen sei für sie das Allerwichtigste bei dem Ausflug auf der Rennbahn, sagen sie und lachen.

Rea: "Das ist das Allerwichtigste. Ich hatte um halb zwölf Uhr Feierabend und wohne eine halbe Stunde entfernt, also habe ich mich schnell umgezogen. Bei dir musste es noch schneller gehen."

Niamh: "Genau. Ich hatte erst um zwölf Uhr Schluss und war heute morgen schon halb fertig."

Rea sagt, dass sie einmal im Jahr auf die Rennbahn gehe. Für Niamh ist es das erste Mal. Dass einige Männer die Veranstaltung als eine Art Partnerbörse sehen, können sie durchaus nachvollziehen. Doch für sie geht es nach eigener Aussage eher um die Pferde, die Wetten – und eben darum, sich schick zu machen.

"Es geht uns um die Pferde, das Wetten und darum, uns schön anzuziehen – weniger um Jungs. Aber klar, ich verstehe, warum das wichtig zu sein scheint."

Ein bisschen zu wetten – das gehört dazu beim Ausflug auf die Rennbahn. Vor der Haupttribüne sind elf Wettschalter aufgebaut. Sie konkurrieren mit den besten Quoten um die Kundschaft.

Mitarbeiter der Doncaster-Rennbahn in Großbritannien führen ein Pferd mit Jockey in die schmalen Startboxen. (Getty Images/Alan Crowhurst)Kurz bevor der Startschuss auf der Doncaster-Rennbahn fällt: Die Mitarbeiter führen ein Pferd mit Reiter in die schmalen Startboxen. (Getty Images/Alan Crowhurst)

Antony Coupe arbeitet an einem der Schalter und erklärt, wie das Geschäft funktioniert.

"Am Renntag stellen sich hier eine Reihe von Buchmachern auf und hängen die Quoten aus. Die Kunden kommen und zahlen, meistens bar. Die Buchmacher machen dabei meistens Gewinn. Manchmal verlieren sie, je nachdem, welches Pferd gewinnt und wie die Quoten sind."

Seinen Worten zufolge geht es an einem Renntag wie in Doncaster nicht um große Summen. Die meisten Kunden würden drei, vier, fünf oder manchmal zehn Pfund setzen.

Viele schauen von zu Hause aus zu

Auf Nachfrage zu den Suchtrisiken bei Sportwetten verweist er darauf, dass er bei Kunden, die jünger als 21 aussehen, den Ausweis kontrollieren müsse. Außerdem gebe es heutzutage deutlich mehr Hilfsangebote für Menschen mit Spielsucht.

Im Presseraum mit Blick auf die Rennstrecke sitzt Joe Rowntree vor seinem Laptop. Er berichtet nach eigenen Angaben seit mehr als 50 Jahren über Pferderennen. In dieser Zeit hat sich der Sport stark verändert.

"Die Zuschauerzahlen sind nicht mehr so groß wie vor 20 oder 30 Jahren, vor allem natürlich, weil die Leute von zu Hause gucken können, am Fernseher. Die Zuschauer kommen heute hauptsächlich für das Event, weniger wegen des Sports. Sie brezeln sich auf, essen, trinken ein Glas Champagner und haben Spaß. Die Wetten generieren immer noch viel Umsatz. Davon profitiert auch die Regierung, zum Beispiel über Steuern. In verschiedener Hinsicht ist der Pferdesport eine gute Sache."

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