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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.11.2013

Auf den Schultern von Riesen

Anka Muhlstein: "Die Bibliothek des Monsieur Proust", Insel-Verlag, Berlin 2013, 160 Seiten

Marcel Proust um 1900 (unbekannt)
Marcel Proust um 1900 (unbekannt)

Diese amüsant-gelehrte Studie zeigt, wie Marcel Proust die Bücher einiger Lieblingsautoren benutzte, um den Figuren seiner "Recherche" Profil zu geben. Die New Yorker Historikerin Anka Muhlstein spürt die Lektüre-Verbindungen zu Romanen, Dramen und Klatschjournalen auf.

Ein Leben ohne Bücher war für Marcel Proust unvorstellbar. Er las von früher Kindheit an, ausdauernd und besessen, und dank eines fabelhaften Gedächtnisses konnte er selbst sterbenskrank noch seitenlang auswendig rezitieren. Kein Wunder, dass er jeder seiner Romanfiguren ein Buch in die Hand drückte. In "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen Köchinnen und Barone, Schulmädchen, Gräfinnen und Generäle.

Das Lesen im Proust-Universum kann ein Mittel gegen Langeweile sein, Statussymbol, Herrschaftsinstrument, für manche auch ein Vergnügen, für wenige eine Leidenschaft. Aber immer steht die Wahl der Lektüre für Geschmack und Seelenlage der Charaktere des jeweiligen Romans.

Auf deren Spur begibt sich Anka Muhlstein, die in New York lebende französische Historikerin. Dafür stöbert sie in der "Bibliothek des Monsieur Proust", die nichts anderes ist als Prousts 5000 Seiten umfassende "Recherche", ein Werk, das wie die Autorin resümiert, "auf den Schultern von Giganten" steht. Denn Proust baute seine Lieblingsautoren darin ein: Baudelaire, Saint-Simon, Ruskin, Racine, Thomas Hardy, Dostojewski oder George Eliot ‒ in Form von offenen oder versteckten Zitaten, Andeutungen, zwischen die Zeilen geschmuggelten Hinweisen oder Anspielungen.

Muhlstein verfährt in ihrer Studie exemplarisch. Sie beschränkt sich in pointiert gehaltenen Kapiteln zunächst auf die "ausländischen Einflüsse", begibt sich dann auf die Spuren des Dreigestirns von Baudelaire, Balzac und Racine ‒ und kommt schließlich auf das Klatschjournal der Brüder Goncourt, das Proust als Steinbruch dient, um die Schickeria in Madame Verdurins Salon mit passendem Personal samt Vokabular auszustatten.

Der Schlag der Drossel bei Chateaubriand

Sie zeigt, wie Proust seine Lieblingsautoren benutzt, um den Romanfiguren Profil zu geben. So setzt er Madame de Sévigné ein, wenn es um Mütterlichkeit und Wärme geht. Balzacs düstere Hauptfigur aus "Glanz und Elend der Kurtisanen" ‒ ein entlaufener Sträfling, der wie ein Banker für Kriminelle die Beute aus Raubmorden verwaltet ‒ steht Pate für den homosexuellen Baron de Charlus. Und die Figur des Erzählers selbst, angeblich eine rein Proustsche Erfindung, geht, wie Muhlstein nahelegt, auf Racines "Phädra" zurück.

Auch die bekannteste Stelle in "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", die Madeleine-Episode, folgt einem Vorbild: Was für Proust der längst vergessene Geschmack eines in Tee getunkten Gebäckstücks ist, war für Chateaubriand ein Ton, der Schlag einer Drossel, der die Kindheitserinnerungen wiedererweckte.

Muhlstein blättert auch in den Büchern, die Proust als Kind gelesen hat ‒ und offenbar jedes Mal weinte, wenn er auf der letzten Seite angekommen war, "untröstlich darüber, dass er die Personen, die ihm ans Herz gewachsen waren, verlassen sollte." Ein Schlüsselerlebnis für seine spätere "Recherche", in der der Autor das Ende unendlich lange hinauszögern sollte. Wer vor der umfangreichen Lektüre bisher zurückgescheut ist, dem schließt diese amüsant-gelehrte Studie die Welt des Marcel Proust höchst kurzweilig auf.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Anka Muhlstein: Die Bibliothek des Monsieur Proust
Aus dem Englischen von Christa Krüger
Insel-Verlag, Berlin 2013
160 Seiten, 16,95 Euro

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