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Zeitfragen | Beitrag vom 16.09.2020

Audiomitschnitte vom Stammheim-ProzessDie Stimmen der RAF-Terroristen

Von Maximilian Schönherr

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Berichterstattung zum Beginn des RAF-Prozesses vor JVA Stuttgart-Stammheim Mai 1975. Ein Mann steht vor dem Gefängnis, hält ein Blatt Papier in der Hand und spricht in eine Fernsehkamera. (imago/Pressefoto Kraufmann&Kraufmann)
Berichterstattung zu Beginn des RAF-Prozesses vor der JVA Stuttgart Stammheim im Mai 1975. (imago/Pressefoto Kraufmann&Kraufmann)

Eine Sensation: Nach 30 Jahren wurde 2007 etwas gefunden, was es nicht geben durfte: Mitschnitte vom RAF-Prozess in Stammheim. Maximilian Schönherr gehörte mit zu den ersten Journalisten, der sie anhören konnte.

Im Frühjahr 2007 bekam ich den Tipp, nach Stuttgart ins Oberlandesgericht zu fahren. Es seien dort in einer Kiste Tonbandmitschnitte des Stammheim-Prozesses aufgetaucht. 

Richter: "Verzeihen Sie, Frau Ensslin, kann das Tonbandprotokoll weiterlaufen?"

Ensslin: "Ja." 

Ich kannte dieses hoch umstrittene Strafverfahren gegen die Spitzen der Roten Armee Fraktion in den 1980er-Jahren nur aus der Zeitung. Im Archiv des Stuttgarter Gerichts lag ein Stapel mit 21 Tonbändern vor mir. Als ich in das Erste hineinhörte, war ich wie paralysiert. Der sagen- und skandalumwobene Stammheim-Prozess wurde plötzlich sehr lebendig.

Anwälte: "Was ist das jetzt, Herr Vorsitzender. Bitte um eine Pause."

Richter: "Es wird keine Pause."

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Die Stimme von Andreas Baader, dem Chef der Gruppe, hatte die breite Öffentlichkeit zuvor niemals gehört. Wie verhalten Baader klingt, der Womanizer und Porschefahrer ohne Führerschein:

Baader: "Glauben Sie nicht, dass die medikamentöse Ruhigstellung – Sie haben offenbar gar keinen Begriff davon, was das ist."

Richter: "Herr Baader, überheben Sie sich doch nicht so, dass Sie glauben, Begriffe würden nur Sie beherrschen…"

Jan Carl Raspe, auch nie öffentlich zu Wort gekommen, verliest auf diesen Bändern lange vorbereitete Manuskripte. Und Gudrun Ensslin, die Pfarrerstochter und Chefideologin der RAF, bedient sich einer damals in linken Kreisen ganz üblichen Diktion:

"Wir haben revolutionäre Politik so inhaltlich bestimmt, in erster Linie aus der Analyse der Kapitalbewegungen in der imperialistischen Metropole Bundesrepublik…"

Illegal aufbewahrte Mitschnitte

Besonders bewegend: Ulrike Meinhof, Journalistin, die hier dem Gericht indirekt ihren Selbstmord ankündigt:

"Die Frage ist, wie kann ein isolierter Gefangener den Justizbehörden zu erkennen geben, dass er sein Verhalten geändert hat. Es gibt in der Isolation exakt zwei Möglichkeiten: Entweder sie bringt den Angeklagten zum Schweigen, oder es bringt ihn um."

Richter: "Frau Meinhof, es ist kein Zusammenhang mehr zum Ablehnungsantrag zu sehen…"

Den Suizid durch Erhängen in der Zelle beging Ulrike Meinhof wenig später. Diese Stelle im Originalton hat auch Historikern zu denken gegeben, die zuvor nur die Mitschrift in den Prozessakten gelesen hatten. Sie liegen Ordner an Ordner meterlang im Bundesarchiv in Koblenz. Der Originalton legt es nahe, dass Meinhof einen Hilferuf formulierte, dabei aber vom Richter unterbrochen wurde. Sie war von Baader, Ensslin und Raspe verstoßen worden und suchte nach einem Ausweg.

Die Tonbänder mit den erhalten gebliebenen Mitschnitten des Prozesses gegen die Köpfe der Roten Armee Fraktion in Stuttgart Stammheim 1975-77. (picture alliance/dpa/Maximilian Schönherr)Die Tonbänder mit den erhalten gebliebenen Mitschnitten des Prozesses gegen die Köpfe der Roten Armee Fraktion in Stuttgart Stammheim 1975-77. (picture alliance/dpa/Maximilian Schönherr)
Anders als in DDR-Strafprozessen, wo immer wieder Ton mitgeschnitten wurde, war dies in bundesdeutschen Gerichten bis 2018 nicht gestattet. Im eigens für das RAF-Verfahren gebauten Hochsicherheitstrakt in Stuttgart Stammheim liefen trotzdem Tonbandgeräte, und zwar ganz legal als Gedächtnisstütze für die Gerichtsschreiber. Alle Prozessbeteiligten hatten sich darauf geeinigt. Nicht zuletzt wünschten das die Angeklagten, weil sie meinten, im turbulenten Stimmengewirr ginge den Gerichtsschreibern einiges durch die Lappen. 

Richter: "Ich bitte, den Angeklagten zu entfernen. Ich bitte jetzt, den Angeklagten Baader notfalls mit Gewalt abzuführen…"

Mikrofone standen also im Saal, und ein Tonband lief, auf das unmittelbar nach dem Verhandlungstag bei Bedarf zugegriffen werden konnte, um Unstimmigkeiten in der Mitschrift zu klären. Ansonsten aber galt: Die Bänder müssen gelöscht oder – was aufs Gleiche hinauslief – mit neuen Aufnahmen am nächsten Verhandlungstag überspielt werden.

Die Bänder landeten zunächst im Keller

Ein nicht bekannter Mitarbeiter des Gerichts legte das ein oder andere Band jedoch in einen Karton. Vermutlich traf er dabei eine grobe Auswahl, denn einige entscheidende Stellen des langwierigen Verfahrens sind erhalten.

Sein Verhalten war gesetzeswidrig; die Bänder hätten sämtlich gelöscht oder vernichtet werden müssen. Sie wanderten stattdessen in den Keller des Gerichts und gingen 30 Jahre später an das Staatsarchiv in Ludwigsburg.

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