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Fazit | Beitrag vom 27.01.2019

"atlas"-Uraufführung am Schauspiel LeipzigDas Gefühl des Fremdseins

Michael Laages im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Das Bild zeigt vier Personen, eine von ihnen spricht oder singt in ein Mikrofon. (Rolf Arnold)
Szenenbild aus dem Stück "atlas" am Schauspiel Leipzig, in dem es um drei Generationen von Frauen geht. (Rolf Arnold)

In "atlas" geht es um mehrere Generationen von Vietnamesinnen in Deutschland. Eine von ihnen war Vertragsarbeiterin in der DDR. Autor Thomas Köck zeigt am Schauspiel Leipzig, was das Gefühl der Fremdheit mit Menschen macht.

Thomas Köck bringt auf der Bühne vier Personen zusammen, darunter eine Mutter, die kurz vor der Wende 1989 aus Vietnam als Vertragsarbeiterin in die DDR geht. *) Deren Tochter fliegt nun nach Saigon, um dort ihre Großmutter zu finden.

Als sie zurück nach Deutschland reisen will, verschiebt sich ihr Rückflug stundenlang. "Da sitzt sie und wartet auf die Rückkehr. Und dieses ewige Warten all dieser Generationen auf eine Lösung ihrer Fremdheit in der Fremde, ist letztlich das zentrale Thema des Stücks", so Michael Laages.

Fremd in der Fremde

Das reine Sprechstück, in dem Stimmen auch gegeneinander geschnitten sind, findet nicht auf der Bühne, sondern ebenerdig in dem Aufführungsraum "Diskothek" des Schauspiels Leipzig statt. Das Publikum schaut aus drei großen Fenstern hinaus auf eine große Straße, sieht Autos und Straßenbahnen.

Auch die Darsteller gehen ab und zu raus und berichten von dort. Damit werde deutlich, dass sich die Figuren auf ein wirkliches Leben, das jenseits der Scheibe im wahren Leipzig stattgefunden habe, bezögen.

"Ein einfacher und völlig überzeugender Trick, der diese ansonsten schwer unterscheidbaren Figuren dann doch sehr, sehr deutlich kenntlich macht", so Laages. "Wenn einer draußen ist, berichtet er wirklich aus der Fremde, und wir sind drinnen und sind die Fremden, das ist sehr eindrucksvoll und sehr überzeugend."

Der Wille zum Erinnern

Dabei gehe es auch darum, wie erinnert werde. Als die Enkelin ihre Großmutter in Vietnam findet und ihr ein Foto aus der Zeit in Deutschland zeigt, verweigert diese erst die Erinnerung.

"Das wird lang und selbstquälerisch aus den Biografien der Figuren herausgedröselt. Das ist textlich außerordentlich virtuos gebaut", so Laages. Es sei ein Panorama der Geschichte, wie sie gewesen sei und von vielen nicht mehr erinnert werde heutzutage.

Am Schluss hole eine Kutsche die Figuren ab, die sich vorher in Kostüme aus dem 19. Jahrhundert kleiden. "Also eine ganz andere Erinnerung aus einer ganz anderen Zeit, die uns zurückwirft auf den Moment zu sagen: Wie erinnern wir uns an welche Zeit mit den Figuren, die Thomas Köck da erfunden hat."

*) Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text an dieser Stelle wegen einer falschen Zeit- und inhaltlichen Angabe korrigiert. 

Thomas Köck: "atlas"
Uraufführung am Schauspiel Leipzig
Regie:  Philipp Preuss

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