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Fazit | Beitrag vom 05.04.2020

Atelierbesuch bei Jenny MichelKunst aus Staub und Spinnweben

Von Simone Reber

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Schaukästen mit fein säuberlich rubrizierten Wollmäusen. (Galerie Gillian Morris)
Jenny Michels "Pulvarium": eine ganze Welt von Wollmäusen - rubriziert nach dem System des Botanikers Carl von Linné. (Galerie Gillian Morris)

Das derzeit ständig präsente Bild des Coronavirus dient als Beleg für eine Macht, die für unser Auge unsichtbar ist. Die Künstlerin Jenny Michel beschäftigt sich seit Jahren mit kleinsten Teilchen: Staub, Spinnweben und elektromagnetische Felder im Raum.

Eine ehemalige Schule in Berlin-Kreuzberg. Gegenüber dem roten Backsteingebäude liegt ein Friedhof, passend zu dem Werk von Jenny Michel, das sich mit Existenz und Vergänglichkeit beschäftigt. Das Atelier befindet sich in einem ehemaligen Klassenzimmer. Durch die hohen Sprossenfenster flutet Sonnenlicht, draußen zwitschern Vögel. Ein idyllischer Ort in einer bedrohlichen Zeit. Auf der Werkbank am Fenster liegt ein Insektenkasten, in dem Jenny Michel Staubflusen wie Schmetterlinge aufgespießt hat:

"Es gibt ja Staubflusen, die eher netzförmig sind, die ganz zart sind, oder festere. Es gibt Flusen aus dem Trockner, die sehen nochmal ganz anders aus. Und hier - das sieht man ganz oft: Wenn sehr viele Haare drin sind, dann werden die wie so kleine Rollen, also Tubuloidae, diese Röhrchenförmigen. Es gibt aber auch nicht so schöne, struppige, glatte."

Staub systematisiert nach Carl von Linné

Die Kunst von Jenny Michel entstand aus dem Staub. Ihr "Pulvarium" von 2005 umfasst vierzig Kästen mit jeweils fünfzig bis hundert verschiedenen Staubflocken. Eine ganze Welt von Wollmäusen. Die Künstlerin hat alle Formen nach dem System des Botanikers Carl von Linné aus dem 18. Jahrhundert spezifiziert und benannt.

In ihrem "Pulvarium" begegnet der Ordnungszwang des Menschen der Anarchie des Staubs. Was ist es, was die Welt ausmacht, fragt Jenny Michel: Das Große und Ganze oder die kaum Sichtbaren Einzelteile?

"Ich glaube, dass es einfach sehr viel mehr gibt, als das, was wir jeden Tag sehen und auch in unser Bewusstsein lassen", sagt Michel.

Mit wissenschaftlichen Fallen unsichtbare Strahlen fangen

In Traps, den Fallen, sammelt sie elektromagnetische Strahlen, die das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann. Dafür hat sie technische Bedienungsanleitungen auf transparentes Japanpapier gedruckt, alle Flächen mit der Hand ausgeschnitten, bis hauchzarte Gebilde entstanden, die wie Spinnweben das beständige Surren im Raum mit Hilfe einer Kupferspirale und eines Magneten einfangen.

Porträt der Künstlerin Jenny Michel. (Andreas Pein)Was ist es, was die Welt ausmacht, fragt die Künstlerin Jenny Michel: Das Große und Ganze oder die kaum Sichtbaren Einzelteile? (Andreas Pein)

"Die Kupferspirale und der Magnet fungieren als Spule, das Papier als Membran. Auf das Papier drauf gelötet sind kleine Funkempfänger, die so programmiert sind, dass sie die elektromagnetische Strahlung des Raumes, also das elektromagnetische Feld sonifizieren. Das heißt, die wissenschaftlichen Fallen fangen unsichtbare Strahlen ein. Der Raum wird darin in einer anderen Art und Weise widergespiegelt, und zwar tatsächlich durch das elektromagnetische Feld, das die ganze Zeit da ist, das wir aber nicht wahrnehmen können."

Wasserfall mit gesammelten Zukunftsvisionen

In einem verlassenen botanischen Labor fand die Künstlerin Dokumente über naturwissenschaftliche Experimente, darunter auch Flucht- und Rettungspläne. In ihrer Serie "Exits" ist ein Labyrinth aus Fluchtplänen auf meterhohe Papierbahnen gedruckt, die jetzt den Weg versperren.

Raschelnde Knäuel von Klebstreifen liegen auf dem Boden, darauf sind Textfragmente aus literarischen Utopien zu lesen. Wenn sie von der Decke hängen, bilden die "Fallen Gardens" einen Wasserfall mit gesammelten Zukunftsvisionen.

Utopien im Taschenformat

Und von dem Atelierabfall, der bei ihrer Arbeit entsteht, bastelt Jenny Michel Glücksbringer im Taschenformat:

"Diese ‚Pocket Utopias’ kann man sich so in die Hosentasche stecken wie Talismane. Aber eigentlich werden die in Ausstellungen so präsentiert, dass sie an unwahrscheinlichen Stellen, wie unter Heizungskästen, an Fenstersimsen, sich wie kleine Parasiten festsetzen."

Die Parasiten provozieren in ihrer zähen Nutzlosigkeit als Störfaktoren.

Viren in Engel verwandeln

Mit Viren hat sich Jenny Michel noch nicht beschäftigt. Aber sie könnten, glaubt sie, dazu anregen, über die andere Seite der Existenz nachzudenken. Als Künstlerin aber würde sie Viren verwandeln:

"Ich würde es, ich mache das nicht, ich arbeite gerade an etwas anderem. Aber ich würde das so umdrehen, dass die plötzlich Leben bringen und noch mehr Leben und alles gut machen und die Erde heilen, so ein bisschen wie der 'Engel der Geschichte' von Walter Benjamin, der blickt zurück auf den Trümmerberg und möchte gerne die Wunden heilen, aber wird durch den Fortschritt in die Zukunft Richtung Paradies getrieben, und genauso können diese Viren wie so kleine Engel sein, die alles reparieren, alles gut machen. Das würde ich machen, aber ich mache es nicht."

Im dem feinsinnigen, weit verästelten Werk von Jenny Michel ist alles miteinander verwoben, Untergang und Utopie, Kunst und Literatur, Technik und Natur. Die federleichten Arbeiten lenken den Blick auf die Macht der Phantomteilchen – das Chaos.

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