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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.04.2016

Astrophysik Die Suche nach einer "zweiten Erde"

Günther Hasinger im Gespräch mit Dieter Kassel

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In Zukunft werden noch viel mehr erdähnliche Planeten im Universum entstehen können (NASA)
Gibt es noch mehr Planeten vom Typ "Erde"? Auf Hawaii suchen Forscher nach neuen Planeten. (NASA)

Gibt es eine "zweite Erde", die bewohnbar sein könnte? Um sie zu finden, brauchen Astrophysiker große Teleskope. So wollen die Forscher des Instituts für Astronomie der Universität Hawaii ein 30-Meter-Teleskop errichten – falls es dafür die Baugenehmigung gibt.

Dieter Kassel: Es sind so ungefähr 12.000 Kilometer von Hawaii bis Berlin und diese Entfernung hat Günther Hasinger zurückgelegt, um an der hiesigen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag zu halten über Leibniz und die Planetenforschung. Vorher ist der deutsche Astrophysiker, der seit einer Weile schon Direktor des Instituts für Astronomie der Universität Hawaii ist, aber hier live bei uns im Studio, schönen guten Morgen, Herr Hasinger!

Günther Hasinger zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. Der Astrophysiker ist Direktor des Instituts für Astronomie (IfA) der Universität Hawaii. (Deutschlandradio / Sebastian Feldmeier)Günther Hasinger zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio / Sebastian Feldmeier)

Günther Hasinger: Guten Morgen, Herr Kassel, schön, bei Ihnen zu sein!

Kassel: Ich habe ja vorhin für alle, die die Zahlen durcheinanderbringen, weil sie das mit dem Neptun vielleicht nicht auswendig wussten, gesagt: Das war mehr als 100 Jahre nach Leibniz' Tod, dass der Neptun entdeckt wurde. Warum gibt es da trotzdem einen Zusammenhang?

Hasinger: Der Zusammenhang besteht zwischen Leibniz, und man muss auch Newton mit berücksichtigen. Leibniz und Newton waren ja Zeitgenossen und haben sehr stark auch gegeneinander argumentiert und gekämpft. Newton hat ja das Gravitationsgesetz entdeckt und ging davon aus, dass es eine Kraft gibt zwischen der Sonne und dem Planeten, die instantan wirkt im Vakuum. Und das hat Leibniz (Interessiert) - Leibniz war ja der letzte große Universalgelehrte, der eigentlich sozusagen Wissenschaftler in allen Bereichen war - er war ein sehr realitätsbehafteter Mensch, er brauchte etwas, eine Kraft, die sozusagen auf das Unendliche wirkt.

Instantan war für ihn so was wie Okkultismus und das hat er nicht akzeptiert. Und er hat dann deswegen lieber eine Planetentheorie entwickelt, wo die Planeten sozusagen in einer Flüssigkeit herumschwimmen, was man den Äther nennt. Und der Äther war ja damals ein Konzept, was schon von allen bekannt war. Und es hat sich immer hinterher herausgestellt, dass der Äther nicht existiert. Also, in dem Sinne hatte Leibniz unrecht sozusagen. Aber er hat die moderne Differenzial- und Integralrechnung entwickelt und hat auch da mit Newton immer wieder gestritten. Weil, Newton hat ein ähnliches, was man den Calculus nennt, entwickelt.

Leibniz hat aber in der Mathematik dann sozusagen gesiegt, seine Integralrechnung ist die, die die Schüler sozusagen immer lernen müssen - diese Kurvendiskussion, die Minima und Maxima, die man in der Schule immer lernen muss und die einem viel Kopfzerbrechen bereitet haben.

Ein neues, 30 Meter langes Teleskop 

Kassel: Das ist, glaube ich, jetzt der Moment, Herr Hasinger, wo man erklären muss, wie man wie Sie – denn genau das tun Sie ja auf Hawaii im Prinzip – neue Planeten sucht. Der Laie stellt sich ja vor, gut, Sie haben ein Riesenfernrohr, das ist ja so falsch schon mal nicht, und gucken einfach.

Hasinger: Ja.

Kassel: Das kann ja nicht funktionieren allein nur unseres Sonnensystems!

Hasinger: Die ersten Planeten, die wir alle kennen – Saturn, Merkur, Jupiter und so weiter –, die wurden ja alle mit dem bloßen Auge entdeckt. Der nächste Planet, das war der erste, der mit dem Fernrohr entdeckt wurde von Herschel, das war der Uranus. Und der wurde zufällig entdeckt, der hat einfach sein Fernrohr an den Himmel gehalten und hat das also systematisch abgerastert. Und hat gemerkt, hoppla, da bewegt sich ja was. Und hat dann gemerkt, dass der Planet Uranus dort herumläuft. Und dann hat man jahrelang gemessen den Uranus und hat festgestellt, dass Uranus Schwankungen in seiner Bahn zeigt, so als würde irgendjemand an ihm ziehen oder drücken.

Und dann gab es auch wieder einen großen Streit, weil dann die Leute dachten, dass vielleicht die Gravitationskraft nicht richtig beschrieben ist oder so. Aber in Wirklichkeit hat sich herausgestellt, dass da draußen noch ein weiterer großer Planet sein muss, der an dem Uranus zieht. Und dann haben eben zwei verschiedene Gruppen, eine in England und eine in Frankreich mithilfe von Leibniz‘ Methoden die Bahn berechnet und haben herausgefunden: Wo muss dieser neue Planet stehen, damit er genau diese Auswirkungen auf den Uranus hat?

Und das war so eine genaue Beschreibung, dass innerhalb von dem Moment, wo Le Verrier aus Paris diese Vorhersage gemacht hat und die nach Berlin geschickt hat, wo Johann Gottfried Galle am Teleskop war, dass der Galle innerhalb von 45 Minuten diesen Neptun entdeckt hat. Also, die Vorhersage war so genau, dass man praktisch nur noch in den Himmel schauen musste, um zu sehen, wo dieser Planet war.

Planet in der Größe von zehn Erdmassen

Kassel: Ist denn das heute auch noch so? Sie suchen ja in Hawaii nach neuen Planeten. Und eine kurze Erklärung für die, die es vergessen haben: Nach dem Neptun wurde 1930 noch der Pluto entdeckt, der aber vor ungefähr zehn Jahren zurückgestuft wurde auf die Rolle eines Zwergplaneten. Aber Sie suchen ja weiter, Sie glauben ja, da gibt es noch einen?

Hasinger: Genau, und da spielt der Pluto jetzt eine ganz wichtige Rolle. Und zwar, der ist ja der König der Zwergplaneten geworden. König der Zwergplaneten heißt, dass es noch eine ganze Menge ähnlicher Planeten gibt wie Pluto, die auch so weit draußen stehen. Das war ja auch der Grund, warum man ihn dann sozusagen herunterstufen musste.

Und da hat sich jetzt herausgestellt, dass es eine Gruppe von diesen Zwergplaneten gibt, die also in ganz systematischer Weise miteinander harmonieren, die also alle ungefähr auf der gleichen Bahn sind. Diese Zwergplaneten haben hoch eliptische Bahnen. Und die sind alle in irgendeine Richtung ausgerichtet, was also sehr komisch ausschaut.

Und da ist jetzt wieder die große Vermutung, dass es weiter draußen noch einen größeren Planeten gibt, und zwar nennen den die Leute heute entweder Planet X, also weil es damals dann der zehnte war, als der Pluto noch existierte, aber inzwischen wurde er als Planet IX, also als der neunte Planet deklariert. Und der muss so in der Größe von vielleicht zehn Erdmassen sein!

Kassel: Das wäre jetzt physikalisch verwunderlich!

Hasinger: Ja, zehnmal so groß wie die Erde. Aber er steht so weit draußen, ungefähr 1.500 astronomische Einheiten, also 1.500-mal weiter als die Erde, dass er extrem schwach sein muss. Und man braucht also extrem große Teleskope und muss auch ein riesiges Gebiet am Himmel abmustern, um den zu finden.

Also, es ist nicht mehr so wie damals beim Neptun, wo man innerhalb eines Grades wusste, wo der steht, und wo der sozusagen schon mit kleinen Teleskopen sichtbar war, sondern das ist jetzt eine richtig schwierige Aufgabe, den Planteten IX zu finden. Und da stecken wir im Moment sehr viel Energie rein.

Kassel: Und zwar mit einem neuen großen Teleskop, da reden wir vielleicht ein andermal noch drüber, das TMT, was raffiniert klingt …

Hasinger: Ja.

Kassel: Ich finde, Ihr Astrophysiker habt immer nicht so raffinierte Namen, …

Hasinger: Das stimmt!

Kassel: das heißt einfach nur Ten Meter Telescope, also Zehn-Meter-…

Hasinger: Nein, Thirty Meter!

Gibt es da draußen bewohnbare Planeten?

Kassel: Thirty Meter Telescope, weil es eben 30 Meter groß werden soll. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es bauen dürfen auf Hawaii, das ist nämlich im Moment eine kritische Frage. Aber ich habe noch niemals einen Astrophysiker gehen lassen am Ende des Gesprächs, ohne ihm folgende Frage zu stellen: Glauben Sie denn daran, dass es da draußen bewohnbare Planeten gibt? – Ja, das ist ziemlich wahrscheinlich, aber auch außer uns bewohnte Planeten?

Hasinger: Ja. Ja und ja. Also, zunächst einmal haben wir festgestellt, dass jeder fünfte Stern am Himmel, den Sie mit dem bloßen Auge sehen, einen erdähnlichen Planeten um sich herum hat, auf dem möglicherweise Leben existieren könnte. Wir kennen diese Planeten noch nicht, aber wir brauchen eben zum Beispiel das Thirty Meter Telescope, um die dann abbilden zu können und zu sehen, ob da Leben ist.

Aber inzwischen hat sich das Leben als viel lebensfähiger herausgestellt, als wir ihm das ursprünglich zugeschrieben haben, und ich gehe davon aus, dass die Grundbausteine des Lebens eigentlich überall sind. Also, die einfachen Mechanismen, die DNA-Moleküle und sonst was.

Komplexeres Leben und intelligentes Leben ist schon schwieriger vorherzusagen, weil, das ist auf der Erde ja auch extrem fragil. Und das hängt damit zusammen, wie lange wir es eigentlich noch schaffen, unsere Erde lebensfähig zu halten. Und da werden wir sozusagen selbst wieder an der Nase gefasst: Wenn wir es schaffen, ein paar Millionen Jahre zu überleben, dann haben wir auch die Chance, mit anderen intelligenten Lebewesen in Kontakt zu treten.

Kassel: Ich habe gelacht, weil natürlich, dass intelligentes Leben auch auf der Erde sehr fragil ist, kann man nicht naturwissenschaftlich auch ganz anders interpretieren, machen wir jetzt aber nicht! – Günther Hasinger, Direktor des Instituts für Astronomie der Universität Hawaii und im Moment zu Gast in Berlin, um über die Zusammenhänge unter anderem von Leibniz und Planetenforschung und Planetensuche zu berichten, war live bei uns im Studio. Herr Hasinger, vielen Dank, dass Sie bei uns waren!

Hasinger: Vielen Dank auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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