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Buchkritik | Beitrag vom 19.03.2019

Aslı Erdoğan: „Das Haus aus Stein“Die Folgen der Folter

Von Carsten Hueck

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Buchcover "Das Haus aus Stein" von Asli Erdogan. Im Hintergrund ein Bild von einer Solidaritätsveranstaltung zur Freilassung von Asli Erdogan aus dem Jahr 2017. (Penguin Verlag / dpa / Ralf Mueller)
Buchcover "Das Haus aus Stein" von Asli Erdogan. Im Hintergrund ein Bild von einer Solidaritätsveranstaltung zur Freilassung von Asli Erdogan aus dem Jahr 2017. (Penguin Verlag / dpa / Ralf Mueller)

Schon 2009 erschien Aslı Erdoğans "Haus aus Stein" in der Türkei. Im Nachgang wirkt ihr Text über das berüchtigte Folterzentrum Sansaryan Han prophetisch: Wenige Jahre später wurde die Autorin selbst verhaftet und über Monate im Gefängnis festgehalten.

Aslı Erdoğans "Das Haus aus Stein" erschien in der Türkei 2009 und wurde alsbald mit dem bedeutendsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet. Nur wenige Jahre später gehörte die Autorin dann zu jenen, die nach dem erfolglosen Militärputsch gegen den türkischen Präsidenten aus politischen Gründen verhaftet und über Monate im Gefängnis festgehalten wurden.

Nun liegt "Das Haus aus Stein" in deutscher Übersetzung vor, ergänzt mit einem Essay der Autorin, den sie Anfang dieses Jahres in ihrem Frankfurter Exil verfasst hat. Zwischen ihrem Text und dem Essay liegt die Erfahrung ihrer eigenen Haft - und das, was 2009 wie eine höllische Vision anmutete, erscheint heute wie ein autobiografischer Rückblick.

Die Zerstörung des Ichs

Die Wirklichkeit hat die Literatur eingeholt. Erdoğan bekennt in ihrem Essay, "Das Haus aus Stein", als Roman etikettiert, sei "ohne Anfang, ohne Ende und ohne Mittelpunkt, dazu verurteilt, unvollendet zu bleiben".

Tatsächlich liest sich der Text wie ein nicht enden wollendes Prosagedicht. Denn die Zerstörung eines Ichs, seine Isolation, die Erfahrung der Gefangenschaft und Folter, die da beschrieben sind, haben naturgemäß kein Ende.

Auch wenn dieses Ich das berüchtigte Folterzentrum Sansaryan Han in Istanbul, Vorbild für das "Haus aus Stein", wieder verlassen sollte. Aslı Erdoğan hat, wie ihre erzählenden Figuren, die Erfahrung Jean Amérys verinnerlicht: "Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt."

Opfer willkürlicher Gewalt

Die Autorin erzählt von einem Opfer. Von A, einem Mann, der offensichtlich im Schatten des Hauses aus Stein lebt. "Alle Straßen gehören ihm, doch er geht nirgendwo hin." Er lungert verwahrlost in der Nähe des Gefängnisses herum, kann sich nicht lösen von dem, was er darin erlebt hat.

Er kennt die Mauern, die Stockwerke, die Räume. Weiß, wie es sich anhört, wenn nebenan geschrien und geweint wird, wenn jemand über die Treppen ins Verhörzimmer geschleift wird. Er spricht mit Toten oder dem Wind, mit den Steinen und seinen Narben.

Gestern und heute lösen sich auf in seiner Agonie (oder Fantasie?), äußere und innere Realität sind nicht zu trennen. Es ist egal, ob er vor der Gefängnismauer kauert oder hinter ihr oder sich von ihr herabstürzt: Das Haus aus Stein ist in ihm, er ist ein ewig Gekreuzigter und zugleich der Mensch an sich.

Aslı Erdoğans Erzählung ist der Bewältigungsversuch einer Überwältigten, das Zeugnis der Begegnung mit willkürlicher Gewalt, Zeugnis brutaler Einsamkeit und radikaler Verlorenheit. Und doch: Ein poetischer Gesang. "Niemand singt so rein, als die welche in der tiefsten Hölle sind", schrieb Kafka.

Die Frage, was die Autorin selbst erlebt, was sie gehört oder imaginiert hat, stellt sich nicht. Mit ihrer erbarmungslosen, metaphernreichen Sprache schafft sie eine Realität, der sich der Leser nicht entziehen kann. Und die kaum auszuhalten ist.

Zugleich aber ist "Das Haus aus Stein" ein beeindruckender Beweis für Wirksamkeit und Macht der Worte, für das Wunder der Literatur. Hier wird erlebbar und mitteilbar, was eigentlich unsagbar ist.

Aslı Erdoğan: "Das Haus aus Stein"
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
München, Penguin, 2019
117 Seiten, 15 Euro

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