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Lesart | Beitrag vom 20.10.2020

Arnaud Goumand / Ophélie Chavaroche: „Atlas der Gefahren“ 700 Meter ungebremst in die Tiefe

Von Günther Wessel

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Buchcover mit der Fotografie eines hochen Eisbergs, vor einem schwarzen, illustrieren Leuchturm. (Kosmos / Deutschlandradio)
Der "Atlas der Gefahren" ist vor allem bildgewaltig - die Texte sind eher lexikalisch nüchtern. (Kosmos / Deutschlandradio)

Das französische Autorenduo Arnaud Goumand und Ophélie Chavaroche lädt zu einer bizarren Weltreise ein und führt uns an die angeblich 80 gefährlichsten Orte der Erde: Höhlen und Kliffe, giftige Seen und explosive Vulkane.

Es ist ein Panoptikum unterschiedlicher Gefahren – gegliedert in natürliche und Menschen gemachte, verlockende oder unerwartete, vermeidbare oder unsichtbare, hoch in der Luft oder tief in der Erde – das von Arnaud Goumand und Ophélie Chavaroche in Wort und in teilweise großartigen Bildern ausgebreitet wird: Die Eisberge in den Meerengen um Neufundland, vereiste Andengipfel, ein Garten voller giftiger Pflanzen im Schlosspark von Alnwick im Nordosten Englands oder die Insel Montserrat in der Karibik, die aufgrund der vulkanischen Tätigkeit größtenteils Sperrzone ist.

Schweisstreibende Lektüre

So hangeln sich die Leserinnen und Leser von Gefahr zu Gefahr: staunend, mit mitunter schweißnassen Händen. Bei dem Bild eines Pärchens, das am äußersten Ende der "Trollzunge" in Norwegen die Beine baumeln lässt: 700 Meter unter dem weit vorragenden Felsen ist nichts als Luft. Wie auch bei den schrecklich schönen Aufnahmen von Tornados im Mittleren Westen der USA oder denen von Säuretümpeln am Vulkan Dallol in Äthiopien.

Tatsächlich vergisst man dabei, dass die meisten der gezeigten Gefahren für einen selbst gar nicht bedrohlich sind: Man muss weder auf den Mount Everest klettern noch im Yosemite-Nationalpark in der Felswand biwakieren – im Schlafsack auf einem knapp 1,80 langen und 80 Zentimeter breiten Gestell, das an der senkrechten Felswand baumelt.

Nicht alle suchen die Gefahr freiwillig

Die Schulkinder in Atule‘er in der chinesischen Provinz Sichuan haben diese Wahl nicht. Was wir vielleicht als nervenkitzelnde Touristenattraktion wahrnehmen, ist für sie gefährlicher Alltag: Sie klettern einmal im Monat über Stahlleitern 800 Meter hinab ins Tal und hinauf in ihr Dorf, um in ihr Internat und wieder nach Hause zu gelangen. Genauso wenig die Wahl haben die Bergleute in den oft illegalen Kohleminen von Shanxi, in denen immer wieder Menschen sterben.

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In großformatigen Bildern und kurzen, eher lexikalisch informativ-präzisen Texten stellen die Autoren ihre gefährlichen Orte vor. Ihr Buch ist so eher ein Augen- als Leseschmaus und die Bilder wirken nachhaltig. Dabei ist die die Auswahl dieser gefährlichen Orte mitunter überraschend originell – wer kennt schon das Phänomen der limnischen Eruption, das wohl nur an drei Seen in Zentralafrika auftreten kann und bei dem unterseeische Vulkangase eruptieren. Und sie ist mitunter beliebig. Schluchten wie die Verdon in Südfrankreich gibt es weltweit zuhauf, steil abfallende Felsgrate ebenso.

Blindgänger auf den Schlachtfeldern

Am Ende – und das ist durchaus lehrreich – sind es vor allem die menschengemachten Gefahren, denen man am schlechtesten ausweichen kann. In Mitteleuropa sind sie vorherrschend. Es sind die Überreste der Kriege: Blindgänger auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Nordwestfrankreich, Munition aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Grund der Ostsee oder Minen in Kroatien aus der Zeit der Jugoslawienkriege. Und auch das Mittelmeer gehört – so Arnaud Goumand und Ophélie Chavaroche – zu den gefährlichsten Orten der Erde: Täglich ertrinken dort Menschen auf der Flucht nach Europa.

Arnaud Goumand/ Ophélie Chavaroche: "Atlas der Gefahren"
Aus dem Französischen von Dagmar Brenneisen
Mit 166 Farbfotos und 65 Farbzeichnungen
Kosmos, Stuttgart 2020
256 Seiten, 38 Euro

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