„Ich habe mit dem Buch nichts verdient, es war ökonomisch ein Desaster. Ich war wirklich wasted and wounded danach. Ich hatte keinen Pfennig.“
Prekäre Arbeit
Fahrradkuriere bekommen oft nicht viel mehr als den Mindestlohn und müssen für Rad und Ausstattung häufig mitbezahlen © picture alliance / fotokerschi / Werner Kerschbaummayr
Drei Berufe, vier Schicksale

Unter Druck und schlecht bezahlt: Eine Lkw-Fahrerin, ein Fahrradkurier und zwei Literaten erzählen von den teils harten Bedingungen in ihren Jobs – Einblicke, die oft im Verborgenen bleiben.
Wer gleich mehrere Romane veröffentlicht hat, ist doch sicher reich – oder? Landläufige Vorstellungen davon, wie gut oder schlecht es sich mit bestimmten Jobs leben und arbeiten lässt, dürften oft an der Realität vorbeigehen. Einblicke in drei Berufsfelder.
Die Schreibenden
Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen, gehört Ulrich Peltzer zu den etablierten deutschsprachigen Schriftstellern. Trotz des Erfolgs ist für ihn klar: „Vom Verkauf meiner Bücher allein kann ich eigentlich nicht leben.“
Peltzer, geboren 1956 in Krefeld, kommt Mitte der 70er-Jahre nach Berlin. Er studiert Psychologie und Philosophie, sein Geld verdient er als Filmvorführer. Nebenher schreibt Peltzer seinen ersten Roman. „Die Sünden der Faulheit“ erscheint 1987.
Die literarische Arbeit erfüllt ihn und stiftet Sinn. Aber wie kriegt man Geld dafür? Also nicht bloß morgen, sondern ebenso nächste Woche, im nächsten Monat? Diese Frage treibt den Autor auch nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans „Stefan Martinez“ um.
Zwar werden neben dem Verlag natürlich auch die Autorinnen und Autoren selbst am Verkauf der Bücher beteiligt. Doch Peltzer macht eine ernüchternde Rechnung auf:
„Wenn man mit einem Buch 50.000 brutto verdient – angenommen, man hat keine Vorschüsse bekommen und verkauft das Buch 20- oder 25.000 Mal, das ist ja schon ganz gut, aber das ist wirklich nicht viel –, dann hat man 50.000 brutto. Das muss man versteuern in dem Jahr. Man schreibt drei Jahre am nächsten Buch, da bleibt ja nicht mehr viel übrig.“ Peltzer spricht in diesem Fall von einem Nettoeinkommen von 10.000 Euro im Jahr.
"Existenzangst führt zu einer permanenten Anspannung, an die man sich aber so gewöhnt, dass man sie gar nicht mehr wahrnimmt."
Vom literarischen Schreiben können in Deutschland vielleicht zwei Dutzend Autorinnen und Autoren leben, schätzt Schriftstellerin Lucy Fricke. Auch sie hat eine Phase der extremen Geldknappheit hinter sich.
„Für jede Unterhose musste ich einen Antrag stellen.“ Wenn Lucy Fricke an die Zeit zurückdenkt, in der sie von Sozialhilfe lebte, überkommt sie ein Gefühl der Angst. Daran ändern auch sechs Romane nichts, die Fricke mittlerweile veröffentlicht hat. Die Schriftstellerin, geboren 1974 in Hamburg, lebt in Berlin-Neukölln und beschreibt die Zeit, in der sie fast nichts hatte, im Rückblick als extrem prägend. Die Angst, irgendwann wieder dorthin zu kommen, ist für sie aber auch eine Art Antriebskraft, ein Motor für ihr Schreiben. „Ich will da nie wieder landen“.
Irgendwann, sagt Lucy Fricke, hatte sie aus finanziellen Gründen nahezu alles aus ihrer Wohnung verkauft – bis auf einen Schreibtisch und einen Stuhl vom Flohmarkt. „Ich war zwei Jahre zuvor in Japan gewesen. Und alle, die diese Wohnung sahen, dachten, das sei der japanische Minimalismus. Ich sagte: ‚Das ist überhaupt kein Minimalismus, das ist einfach Armut.“
Und Armut setzt vielen Menschen zu. So auch Fricke. Gegen die Schlaflosigkeit versucht sie es mit Meditation und autogenem Training. Später habe sie auch „irgendwelche Pillen geschluckt“.
Als die Autorin schon gut zehn Jahre hauptberuflich schreibt, gelingt ihr mit dem Roman „Töchter“ ein überraschender Erfolg.
„Plötzlich hatte ich Geld auf dem Konto und schlief wie ein Stein.“
Die Lkw-Fahrerin
Im Jahr 2023 wickelten erstmals ausländische Transportunternehmen die Mehrzahl aller Transporte in Deutschland ab – oftmals osteuropäische Firmen, zu deren Bedingungen viele der dort lebenden Menschen aber nicht arbeiten wollen.
Viele polnische Speditionen holen sich deswegen Personal aus Drittländern – wie zum Beispiel Nadjezna, die nur ihren Vornamen nennen will. Nadjezna stammt aus der Ukraine. Erst arbeitete sie als Zugbegleiterin auf internationalen Strecken. Seit ein paar Jahren fährt sie nun für eine polnische Spedition.
Die Widrigkeiten und Hürden, die sie dafür in Kauf nimmt, scheinen enorm. Eine davon: Nadjeznas Mann und Tochter leben in Kiew, sie sieht sie also nur unregelmäßig.
Außerdem fühlt sie sich nicht selten gezwungen, nur sehr kurze Pausen einzulegen, vor allem, wenn teure Waren transportiert werden. „Denn leider ist es auf einigen Parkplätzen – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa – nicht sehr sicher, weil diese Planen aufgeschnitten werden, gestohlen wird und die Plomben entfernt werden.“
Außerdem fühlt sie sich nicht selten gezwungen, nur sehr kurze Pausen einzulegen, vor allem, wenn teure Waren transportiert werden. „Denn leider ist es auf einigen Parkplätzen – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa – nicht sehr sicher, weil diese Planen aufgeschnitten werden, gestohlen wird und die Plomben entfernt werden.“
Aber fragt man sie, was ihr das Arbeitsleben besonders erschwere, spricht Nadjezna über etwas anderes: „Das ist die Hygiene, weil leider sehr viele Duschen auf den Parkplätzen entweder nicht funktionieren oder sogar kostenpflichtig sind.“
Der Fahrradkurier
Raj stammt aus Pakistan und bittet darum, seinen richtigen Namen nicht zu nennen. Um sein Masterstudium zum Business Administrator zu finanzieren, jobbt er in Berlin als Radkurier – als „Rider“, wie die Tätigkeit auch manchmal genannt wird.
Er arbeitet bei dem einzigen großen Lieferdienst, der seine Mitarbeitenden direkt anstellt – und nicht wie die Konkurrenz über Subunternehmen. Raj wird dabei der Mindestlohn gezahlt. Klar, dass ein Auskommen damit schwierig ist.
Hinzu kommt: Als Student darf Raj wöchentlich maximal 20 Stunden arbeiten. Allerdings nur in der Theorie. Praktisch sind es oft nur zwölf. So verhindert sein Arbeitgeber, dass er Boni für längere Arbeitszeiten am Stück bekommt, die eigentlich mit der Gewerkschaft vereinbart sind.
Wie bei allen Ridern läuft auch für Raj das Liefergeschäft nur bei wirklich schlechtem Wetter richtig gut. Zudem hat der Transport von Essen feste Stoßzeiten: mittags und abends. Radkuriere müssen sich enorm beeilen, um genügend Aufträge an Land zu ziehen.
Ihre Räder müssen sich die Rider selbst mieten. Um möglichst schnell und lange fahren zu können, nutzen sie meist E-Bikes. Aber das wird mitunter zur schmerzlichen finanziellen Belastung. Denn erstattet wird nur der Preis eines leichten Freizeitrades.
Online-Text: Jan-Martin Altgeld



















