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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.01.2018

Armand Maria Leroi: "Die Lagune"Ein Denkmal für Aristoteles

Von Susanne Billig

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Buchcover Armand Maria Leroi: "Die Lagune" (Theiss Verlag / dpa)
Buchcover Armand Maria Leroi: "Die Lagune" (Theiss Verlag / dpa)

Lesbos - hier untersuchte Aristoteles Tiere und Pflanzen und war immer auf der Suche nach dem Warum. Mit "Die Lagune" begibt sich Armand Maria Leroi auf die Spuren des großen Naturphilosophen und legt eine lesenswerte Mischung aus Reisebericht, Biografie und Biologiegeschichte vor.

Gut 20 Kilometer ragt sie in die Insel Lesbos hinein, "Die Lagune", von der Armand Marie Leroi in seinem gleichnamigen Buch erzählt. Es war ein idealer, fruchtbarer Ort voller Tiere und Pflanzen, an dem sich der antike Naturphilosoph Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren niederließ, um den Grundstein der Naturwissenschaften zu legen.

Für sein Buch – einer hinreißend geschriebenen Mischung aus Reisebericht, Biografie, Biologiegeschichte und erkenntnisphilosophischer Erörterung, der man gebannt in hochfliegende Überlegungen zur Philosophie des Geistes folgt – begibt sich Armand Marie Leroi auf die Spuren des großen Griechen. Es ist die Biologie, die für Leroi bei Aristoteles alles grundiert: Das Erstaunen vor der unglaublichen Vielfalt der Lebensformen, die Bereitschaft, sich noch in die winzigste Schnecke, den schleimigsten Wurm zu vertiefen, um zu erfassen, welches Maß an Komplexität in ihrer Gestaltung steckt. Vor allem aber trieb Aristoteles die Suche nach dem Warum um: Welche Ursachen stecken hinter dem Rüssel des Elefanten, der Schwimmblase der Fische, dem Umstand, dass Kinder ihren Eltern ähnlich sehen? Während Platon mit dem Kopf in abstrakten Ideen steckte, grub Aristoteles, um die Welt zu begreifen, im Lagunenschlamm, zog Getier hervor und sezierte Gedärme.

Raum für Metaphysik

Erstaunlich modern tritt uns Aristoteles entgegen. Er beharrte darauf, dass die organische Welt in natürlichen Klassen strukturiert ist – Klassen, die wir mit unseren Einteilungen nicht auseinander reißen dürfen. Von nichts anderem war Charles Darwin, gleichfalls ein entschlossener Empiriker und Regenwurmliebhaber, inspiriert, als er nach dem inneren Zusammenhalt und der Entstehung der Arten fragte, und trotz modernster DNA-Analysen ist die Systematik der lebenden Welt längst nicht abgeschlossen, denn die Verwandtschaftsverhältnisse des Lebendigen werfen ständig neue Fragen auf.

Fremd und fern tritt uns Aristoteles entgegen; viele seiner biologischen Abhandlungen lesen sich, obwohl in sich logisch und geschlossen, für heutige Begriffe völlig abwegig, wie das Buch mit großzügig eingestreuten Zitaten auf faszinierende Weise deutlich macht. Und statt einer Entwicklung der Arten gibt es bei Aristoteles Raum für Metaphysik: In der Natur drückt sich das Göttliche aus, ewig und unverrückbar.

Verehrt und später verdrängt

500 Seiten braucht Leroi, um Aristoteles sein Denkmal zu setzen und alles das zu erzählen – den Zauber der griechischen Landschaft, die uferlose Neugier und Detailverliebtheit des Aristoteles, die Einsamkeit, mit der er in seiner Welt gestanden haben muss, seine Anatomien und Himmelskunden, sein Verhältnis zum Experiment, zur Metaphysik und wie er fortwirkte in späteren Jahrhunderten, verehrt und übergroß und dann doch verdrängt von einem mechanistischen Naturverständnis, einer Chemie und Molekularbiologie, die sich mit ihren neuen Terminologien so viel weiter wähnen – und dennoch in vielem, wie Leroi am Ende überzeugend zeigen kann, über den antiken Hünen kaum hinaus gekommen sind.

Armand Maria Leroi: Die Lagune. Oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand
Übersetzt von Susanne Schmidt-Wussow
Theiss Verlag, Stuttgart 2017
528 Seiten, 38 Euro

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