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Lesart | Beitrag vom 23.03.2019

Ariadne von Schirach über "Die psychotische Gesellschaft""Die Krise ist eigentlich eine innere Krise"

Moderation: Maike Albath

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Flüchtige Schatten auf der matten Metallfassade eines Bürohauses in der Hamburger HafenCity (imago/CHROMORANGE)
Der innere Ausnahmezustand sei auch eine Einladung, die Welt neu zu erzählen, meint die Philosophin Ariadne von Schirach. (imago/CHROMORANGE)

Die Philosophin Ariadne von Schirach erzählt in "Die psychotische Gesellschaft" Geschichten von Menschen, die viel haben, aber nicht mehr wissen, wer sie sind. Ihre Diagnose: Wir brauchen keine neue Welt, aber ein neues, sinnstiftendes Bewusstsein.

Maike Albath: Das Buch von Ariadne von Schirach hat erst mal einen einschüchternden Titel. Es heißt nämlich "Die psychotische Gesellschaft". Sie verwenden einen Fachbegriff aus der Medizin, aus der Psychiatrie – warum?

Ariadne von Schirach: Also ich muss dazu sagen, das ist wirklich ein schwieriger Titel. Er trägt auch den Titel "Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden", weil eine Psychose sich eigentlich als Angst und Ohnmacht zeigt, als Unfähigkeit, mit seinem Leben umzugehen, sich mit ihm zurechtzufinden und mit den anderen.

Das Problem bei dem Buchtitel, das ist ein Club, in den keiner rein will. Die Generation Golf, da machen wir alle noch gerne mit, auch bei der Müdigkeitsgesellschaft, irgendwie Entspannung, aber die psychotische Gesellschaft, bitte ohne uns.

Was mich zu dem Titel gebracht hat, ist die Tatsache, wir hatten das letztes Jahr im "Spiegel", glaube ich, wo die gesagt haben, Deutschland ist so zufrieden wie nie. Also wir haben so viel Geld, es ist alles in Ordnung, es gibt keinen Krieg, die Leute sind so glücklich, und gleichzeitig denken wir über die Gründung von einem Einsamkeitsministerium nach wie in England, und gleichzeitig haben wir Probleme des Aufkommens von Populismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und das mit den Frauen.

Ariadne von Schirach im "Lesart"-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019 (Deutschlandradio / Andreas Wünschirs)Ariadne von Schirach im "Lesart"-Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019 (Deutschlandradio / Andreas Wünschirs)

Die Frage ist, diese Probleme müssen innerer Natur sein, weil an Äußerlichkeiten in unserem, einer der reichsten und sichersten Länder der Erde kann es nicht reichen, und um das zu verstehen, ein Blick auf innere Zustände, wo man sich nicht mehr im Leben zurechtfindet, und da ist die Psychose eine Metapher, die sehr vieles fasst.

"Wir wissen nicht mehr, wie das Zusammenleben funktioniert"

Albath: Das trifft auch auf die Fallgeschichten zu, denn was die Lektüre sehr lebendig macht von Ariadne von Schirachs Buch ist, dass es immer Geschichten gibt. Es werden eigentlich dauernd Geschichten erzählt aus der Mitte des Lebens, viele Berliner Geschichten. Da fällt einem auf, es gibt so einen Widerspruch zwischen einer kompletten Saturiertheit und einer inneren Verwahrlosung. Wie äußert sich das?

Schirach: Also ich glaube, fangen wir mal mit einem philosophischen Satz an, der sagen würde, der Mensch ist das unbestimmte Tier. Wir müssen uns anders als die bestimmten Tiere unsere Lebensumstände selber schaffen. Da gibt es keine verbindliche Weise, das zu tun, aber die Weise, wie wir uns im Leben einrichten, ist auch der Sinn, dem wir dem Leben geben.

Das ist eine innere Arbeit, sich als man selbst zu fühlen und gleichzeitig zu wissen, wer die anderen sind, was man im Leben will, wo man hinwill. Also die Krise ist eigentlich eine innere Krise, und die Geschichten, die ich erzähle, erzählen von Leuten, die eigentlich viel haben, aber innerlich nicht mehr wissen, wie sie sich zurechtfinden, wie sie sind.

Das sind natürlich so auch Übertreibungen. Ich habe drei Typen gezeichnet in dem Buch. Das habe ich nachgezeichnet beim Nachdenken von Sören Kierkegaard, das ist ein existenzialistischer Philosoph, den ich wirklich fantastisch finde, und der hat so gute Sachen über den Menschen gesagt und über das, was uns alle angeht. Der redet nicht von Typen, sondern von Bewusstseinszuständen. Das finde ich ganz schön, weil das, was wir von der Welt sehen, bestimmt, wie wir sie empfinden und was für eine Bedeutung wir ihr geben.

Das geht jetzt nicht darum, der ist so, der ist so, der ist so. Das ist genau das, was wir gerade vermeiden müssen, inklusive Hetzjagd auf die Rechten oder die Linken oder die alten weißen Männer und so weiter, sondern zu sagen, wir kennen alle ignorante Bewusstseinszustände und offene Bewusstseinszustände.

Illustration des Messegeländes in Leipzig mit fliegenden Büchern, die auf das Messegebäude zufliegen. Darauf steht der Text: Leipziger Buchmesse. Die besten Bücher des Frühlings. © Foto: Bianca Schaalburg

Ich habe also drei Formen von etwas ignoranten Bewusstseinszuständen beschrieben. Das erste ist der Kurator, der einfach nur mitmacht in diesem Ausstellen des Lebens, wo man das so zeigt in sozialen Medien und sich so bewerten lässt. Die zweite Form ist der Spirituelle, der schon das Gefühl hat, irgendwas stimmt hier nicht, aber ich will eigentlich gar nicht Teil der Lösung sein, sondern ich ziehe mich so in meine Innenwelten zurück und arbeite am Yoga.

Die dritte Figur ist der Fanatiker, das ist eigentlich die gefährlichste Figur, der in dieser Überforderung …, also Regeln gelten nicht mehr, wir wissen nicht mehr, wie das Zusammenleben funktioniert, Filterbubbles, alles driftet so auseinander - der zieht sich auf den festen Grund der Verachtung des anderen zurück.

Also der Kurator, der lässt sich bewerten, aber für den fanatischen Bewusstseinszustand sind die anderen eigentlich etwas, wo er runterguckt und dadurch Identität findet. Das ist mit Geschichten begleitet, die alle so Storys erzählen, wie Leute aussehen könnten, die sowas machen.

"Das Schlimmste sind einfache Urteile über andere"

Albath: Eine hat sich mir besonders eingeprägt. Es ist ein Buch, das dieses Doppelspiel hat. Also auf der einen Seite arbeiten Sie mit philosophischen Texten und knüpfen daran an. Französische Strukturalisten und Poststrukturalisten spielen eine Rolle.

Schirach: Ja, das Wort ist auch schon so unattraktiv. Also gut, aber ich versuche, es nett zu erzählen.

Albath: Genau, aber es wird immer wieder sehr anschaulich, zum Beispiel durch eine Frau, die zwar Seminare gibt, Coachings macht und sich mit Mindfulness beschäftigt …

Schirach: Der Spirituelle, ja.

Albath: … sehr erfolgreich ist, ein kleines Kind hat und dieses Kind regelmäßig vermöbelt, also dieses Kind immer wieder züchtigt. Das ist natürlich ein Beispiel, da stockt einem der Atem. Das ist also so eine Zustandsbeschreibung, wie Sie sie für typisch halten für Deutschland halten. Warum?

Schirach: Nein, das würde jetzt wirklich zu weit gehen. Es geht einfach darum, dass wir gerade auch gesellschaftlich sehr viele Widersprüche haben. Auf der einen Seite Naturschutz und Naturzerstörung. Dann sozusagen gibt es immer mehr Parallelgesellschaften und Leute, die nicht zueinanderkommen.

Auf der anderen Seite vermischt sich alles mit allem: Arbeit und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatheit, Selbstwert und Marktwert, und ich glaube, diese Widersprüche sind ein Teil, wie ich auf so eine Diagnose komme, wo nix mehr zusammenpasst, aber alles total unausweichlich erscheint.

Dido, das ist die Figur in der Geschichte, das ist ein Typ für diese Spirituelle, du kannst dir sehr gut in deinem Kopf einen Ort suchen, wo du ein guter Mensch bist, aber wie Sokrates schon sagte, das erweist sich nicht im Denken, sondern im Tun. Das war nur die Beschreibung von so Widersprüchen, obwohl sie auch eine sympathische Figur ist, die auch Leuten hilft.

Also das geht auch darum, das Schlimmste, was gerade passiert, sind so einfache Urteile über andere. Diese Wurzeln des fanatischen Denkens, die können sich auch dann gegen Identitäre richten. Was es zu verteidigen gilt, ist unsere Komplexität, dass wir auch immer anders sein können, dass selbst so jemand, dem mal die Hand ausrutscht beim Kind, jetzt kein schlechter Mensch ist, aber auch nicht unbedingt ein guter, sondern halt nur ein Mensch, und wir sind die, die immer wieder entscheiden müssen, wer sie sein wollen.

Das ist vielleicht so das, worum es in der Tiefe in dem Buch geht und wo es so verschieden Lebensentwürfe gibt, die sich damit rumschlagen wie wir alle, denke ich.

"Jeder ist aufgerufen, an der Weltdeutung mitzumachen"

Albath: Sie haben Begriffe, an denen Sie sich entlanghangeln – das Tier fiel schon, auch der Bezug zur Dingwelt ist ein wichtiger Gegenstand, und dann gibt es das Motiv des Übergangs. Das wäre ja eine Chance, das ist auch philosophisch etwas, das in einer offene Richtung zu weisen scheint.

Schirach: Ja, also sozusagen eine Psychose, es gibt Unterschiede zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, aber es ist essenziell ein Moment, wo das eigene Identitätsproblem, das der Mensch hat, weil er nicht weiß, wer er ist und sich deshalb immer wieder neu bestimmen muss, sozusagen virulent wird, also kurz schmerzhaft aufbricht.

Das erzeugt Angst angesichts dieser Auflösung und Ohnmacht, weil man gerade nicht weiß, wer man ist und wie man damit umgeht. Eine Psychose ist aber ein Übergangszustand. Das ist wie, wenn die Matrix kollabiert. Früher mussten wir immer alle raus aus der Matrix, es bricht irgendwie kurz die Matrix zusammen.

Das ist so ein Moment, wo jeder aufgerufen ist, noch mal selber an der Weltdeutung mitzumachen. Die Idee ist, wir brauchen also keine neue Welt. Die Welt, die da ist, ist genug, die ist auch schön genug. Jetzt fängt der Frühling an. Es gibt Möglichkeiten irdischen Glücks trotz allem. Das gilt es zu verteidigen. Diese Idee, wir brauchen also keine andere Welt, sondern ein neues Bewusstsein der Welt.

Heilung ist das Finden eines neuen Sinns, und dieser Übergangszustand ist eine Einladung, unser Verhältnis zur Erde, zur Natur, zu den Tieren, zu anderen Völkern, also anderen Kulturen, aber auch zu den Frauen, zu unseren Körpern neu zu denken, angemessener zu denken und uns endlich als eine mächtige Spezies unter Spezies zu begreifen und nicht als selbstherrlich und größenwahnsinnige Krone der Schöpfung. Ich glaube, dass uns das in diese Lage gebracht hat.

Deshalb ist für mich diese sozusagen schwierige Situation oder dieser innere Ausnahmezustand eine Einladung, die Welt neu zu erzählen, und weil das Leben eine persönliche Angelegenheit ist, geht das jeden Einzelnen selber an.

Albath: Besteht dann nicht die Gefahr, wenn man es sehr auf den Einzelnen zurückführt, dass das Individuum wieder die Verantwortung trägt und nicht politische, gesellschaftliche Strukturen, die sich insgesamt auch ändern müssen, wird dann nicht wieder die Verantwortung zurückgegeben, dass man sozusagen selber schuld ist an seinem gestörten Weltbezug?

Schirach: Ja, das ist ja auch dieses neoliberale Problem. Wenn du es irgendwie nicht schaffst, hast du dich nicht genug angestrengt. Wir haben gerade ein Problem, und das wäre auch so ein philosophisches Erbe: Wir machen die Gesellschaft, die Gesellschaft macht uns.

Die eine Position, die eher linke, sagt, die Strukturen sind schuld, die eher rechte sagt, nein, das Individuum muss alles. Ich glaube, eine Psychose ist eine Geisteskrankheit, wir überwinden sie, indem wir unseren Geist endlich benutzen, und unser Geist ist der Ort, an dem wir diese Widersprüche sehen, aushandeln und vermitteln können.

Ich denke, es geht sowohl darum, was jeder Einzelne tut, als auch darum, unsere Gesellschaft als ein Ganzes zu begreifen. Deshalb ist es auch eine zärtliche Metapher. Es geht jetzt nicht um den bösen Kapitalismus oder alles kaputt, Apokalypse, sondern unsere liebe Gesellschaft ist gerade innerlich brüchig geworden, irgendwie erkrankt, und das gemeinsam, auch politisch auf einer gemeinsamen Ebene zu verantworten, von Institutionen, die gerade ausgehöhlt sind, von Kinderbetreuung, die Pflegekatastrophe.

Also wir haben so viele Probleme, die unsere Gesellschaft betreffen und nicht nur den Einzelnen, dass ich denke, dass wir – und das schaffen wir, dafür sind wir gemacht – ein paar Dinge gleichzeitig in den Blick nehmen müssen.

Wissen, was man mit den anderen gemeinsam hat

Albath: Das leuchtet mir sehr ein, Sie schildern das auch und finden einen Begriff, Rückkehr zur poetischen Praxis des Lebens. Das klingt natürlich für jemanden, der gerade seine Wohnung verloren hat oder der Probleme im Job hat, erst mal sehr abgehoben. Wie ist das Zusammenspiel mit den Realien, also jemand, der wirklich in Not ist. Was soll der damit anfangen mit dieser poetischen Praxis?

Schirach: Also ich weiß nicht, ob jemand, der in Not ist, mein Buch liest und lesen sollte, ehrlich gesagt. Das ist überhaupt nicht der Punkt, sondern der Punkt ist, wenn man verrückt wird, verliert man nicht die Realität, sondern den Kontakt zur Realität, und die Realität unseres Lebens hat was damit zu tun, dass wir einander brauchen, dass wir Institutionen brauchen, die den Kindern etwas beibringen, die den Geist fördern, die uns daran erinnern, dass wir nicht nur unsere Leistungskraft sind.

Das konkrete Leben ist genau da, wo man jetzt ist. Das betrifft jeden, ob es ihm gerade gut geht oder nicht. Das kann man poetische Praxis nennen oder einfach nur Aufmerksamkeit. Jemand, der gerade Probleme hat, weil er seinen Job verloren hat, der ist sehr aufmerksam auf sein Leben. Ich glaube, wir sollten alle gerade aufmerksam auf unser Leben sein, und ob Sie das jetzt in dem Buch lesen wollen oder nur empfinden, das überlasse ich wirklich Ihnen.

Albath: Und wie würden Sie umgehen mit der Frage nach dem Gemeinwohl? Das ist ja auch etwas, was sehr deutlich wird in Ihrem Buch, dass die Verankerung in den Familien häufig nicht funktioniert und dass aber das gerade – es gibt das Beispiel einer Frau, deren Eltern aus der Türkei kommen – etwas Gesundendes hat, als sie dorthin zurückkehrt und auf einmal ihren Platz findet, also so einen Platz zu finden. Wie könnte man das Gemeinwohl in dem Zusammenhang dann stärken, so wie Sie es sich vorstellen?

Schirach: Also ich denke, es gibt gerade viele Momente, wo die Leute zusammenkommen, um für ihre Interessen einzutreten. Wenn wir begreifen, wenn der Einzelne weiß, wer er ist, dann weiß er auch, was man mit den anderen gemeinsam hat und verteidigt den Hambacher Forst oder die "Fridays for Future". Ich glaube, wir müssen aneinander glauben, dass wir schon wissen, dass wir gemeinsame Interessen haben, und ich finde es sehr schön, dass Politik entsteht, wenn Leute sagen, wir sind nicht alleine hier, wir brauchen einander, wir wollen etwas Gemeinsames. Das liegt als Chance in diesem Zustand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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