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Kompressor | Beitrag vom 07.10.2020

Architektur für Hunde in LondonObszön oder genial?

Von Robert Rotifer

Ein Pudel sitzt auf einem weißen Podest. Drumherum befinden sich leuchtende Glühbirnen. (Japan House London/Hiroshi Yoda)
Konstantin Grcic hat das Objekt "Paramount" für einen Pudel designt. (Japan House London/Hiroshi Yoda)

Katzen haben Kratzbäume, Hunde bekommen Körbe. Dem japanischen Designer Hara Kenya reicht das nicht. In der von ihm initiierten Ausstellung „Architecture for Dogs“, die in London gezeigt wird, sind Designs für Dackel und Pudel zu sehen. Aber wozu?

Im Untergeschoss des Japan House an der Kensington High Street läuft eine elektronische Version von Chopins Minutenwalzer in Dauerschleife. Wo man normalerweise Schaukästen erwartet, stehen weiße Podeste, darauf Objekte aus Holz und Stoff, die sichtlich mehr sind als bloß abstrakte Skulpturen, auch wenn man ihnen ihren Zweck zunächst nicht ansieht.

Manche sehen ein wenig nach Abenteuerspielplatz im Kleinformat, andere mehr wie die launige Fingerübung eines verspielten Innendesigners aus. Eine Dame hält einen Rauhaardackel an der Leine, der sich enthusiastisch auf dem weißen Boden der Galerie wälzt. Sie stellt ihn dem fürsorglichen Personal als Wiggy vor.

Simon Wright, der Programmdirektor des Japan House beugt sich zu Wiggy hinab, um ihn zu streicheln, und rät ihm und seiner Besitzerin dabei zum Besuch des Nebenraums. Dort stehen ein paar Exponate der Ausstellung "Architecture for Dogs" zum Ausprobieren bereit. Darunter auch ein vom Atelier Bow Wow speziell für kurzbeinige Dackel entworfenes Kletterobjekt.

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Die Präsenz der vierbeinigen Zielgruppe bietet eine willkommene Ablenkung von der klinischen Atmosphäre des Social Distancing in der Galerie.

"Wenn die Hunde hier hereinkommen, bringt das die Leute zum Lächeln. Welche Galerie oder welches Museum lässt Hunde zu?"

Hütten für Hunde in der Stadt der Obdachlosigkeit

Der überall in Londons Undergroundstationen plakatierte Ausstellungstitel "Architecture for Dogs" ließe sich leicht als Provokation missverstehen. Gerade in dieser Stadt, wo Obdachlosigkeit, Wohnungsnot und Platzmangel für Menschen ein in Zeiten des Lockdowns akut spürbar gewordenes Problem bedeuten. Aber was hier ausgestellt ist, sind nicht etwa schicke Designerhundehütten, sondern bescheiden dimensionierte Objekte, die in menschengerechter Umgebung hausenden Hunden dringend gebrauchte Zerstreuung bieten.

"Es ist Architektur für Hunde von Architekten oder Designern, die sonst Objekte für menschliche Größenordnungen kreieren. Hier arbeiten sie auf Hundegröße, aber so, dass Menschen damit interagieren können. Es ist also zur Freude beider da."

Fast wie in einem kleinen Labyrinth läuft ein kleiner Hund läuft zwischen gewellten Papierstücken umher. (Japan House London/Hiroshi Yoda)Fast wie in einem kleinen Labyrinth. Ein Papierschmetterling – “Papier Papillon” – zum Spielen für kleine Hunde von Shigeru Ban. (Japan House London/Hiroshi Yoda)
Ein populäres Produkt der Schau ist der "Wanmock", ein vom Architektenduo Torafu auf die Vorlieben des Jack Russell Terrier zugeschnittenes Kleinmöbel, über das man seine T-Shirts oder Pullover wie eine Art Mini-Hängematte spannen kann. Zwecks Beschnüffelung in Hundenasenhöhe.

"Der Jack Russell liebt den Körpergeruch seiner Besitzerin. Das reduziert also seine Angstgefühle."

Wenn der Abbau von Angstgefühlen bei Menschen bloß so einfach und zielführend zu bewerkstelligen wäre. Der deutsche Designer Konstantin Grcic hat einen beleuchteten halbrunden Garderobenspiegel im Art-Deco-Hollywood-Stil für Pudel entworfen, der mehr über die Neurosen der Herrchen und Frauchen als deren am eigenen Spiegelbild üblicherweise uninteressierten Hunde sagt.

Eine Wohnlandschaft für Hunde

Manche der Kreativen stellen sich dagegen gleich selbst in den Mittelpunkt ihres Werks. Das speziell für die Londoner Ausgabe von "Architecture for Dogs" angefertigte Stück des britischen Architekten Asif Khan spielt auf seinen zur maximalen Absorption von Sonnenlicht in tiefschwarzes Pigment getauchten Hyundai Pavillon bei den Olympischen Spielen von Pyongyang an. Es heißt "I see you" und ist aus fünf Quadratmeter schwarzem Filz gefertigt, als Wohnlandschaft für Hunde mit schwarzem Fell.

"Er beschreibt es als den Blickmittelpunkt eines Raumes. Man kann es sowohl als Tisch als auch als Teppich verwenden, und der Hund kann dabei auch die Bühnenmitte einnehmen. Als wir das Stück fotografierten, ermutigten wir einen schwarzen Boston-Terrier, auf das Objekt zu klettern und sich oben drauf in die Mulde zu setzen. Doch wann immer wir eine Pause einlegten, legte er sich in die Kurve am Bodenende des Objekts. Das war nicht, was Asif Khan erwartet hatte, aber der Hund beschloss, das Stück auf eine andere Art zu verwenden."

Asif Khans "I See You" steht symbolisch für den Erfolg von "Architecture for Dogs": Ungeachtet ihres etwas prätentiösen Titels entpuppt sich die Schau als eine sehr praktische Inspiration für die Unterhaltung von Hunden im Zeitalter des erzwungenen Zuhausebleibens. Und wer aus ebendiesen Gründen nicht nach London reisen will, kann online über die Website der Ausstellung die Bauanleitungen für alle dort ausgestellten Stücke zum eigenen Nachbau herunterladen.

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