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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.01.2020

Architektin Margarete Schütte-LihotzkyMehr als die Erfinderin der Einbauküche

Mona Horncastle im Gespräch Andrea Gerk

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Salini, Lino, Bildnis im Sitzen nach links der Grete Schütte-Lihotzky, erste Architektin am Hochbauamt der Stadt Frankfurt, Frankfurt am Main, 1927, Buntstift. (Historisches Museum Frankfurt)
Eine Architektin, die sich auch politisch engagiert hat: Margarete Schütte-Lihotzky, gezeichnet von Lino Salini. (Historisches Museum Frankfurt)

Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ist vor allem für die "Frankfurter Küche" bekannt, mit der sie die Einbauküche erfunden hat. Eine neue Biografie erzählt, wie viel mehr sie geleistet hat, auch als Widerstandskämpferin gegen die Nazis.

Frauen und Küche – das ist ein Klischee, von dem auch Margarete Schütte-Lihotzky nicht losgekommen ist. Allerdings nicht als Hausfrau, sondern als Architektin. Sie hat 1926 die "Frankfurter Küche" entworfen, eine kompakte und praktische Küche, die dann 10.000 Mal in die Ernst-May-Häuser des Neuen Frankfurt verbaut worden ist. "Sie hat die Einbauküche erfunden", sagt die Autorin Mona Horncastle. Aber dass Schütte-Lihotzky auf die Küche reduziert worden sei, habe sie geärgert. "Ich bin keine Küche!", hat sie gesagt.

Horncastle hat dieser "Jahrhundertgestalt" eine Biografie gewidmet und würdigt sie darin als "Architektin, Widerstandskämpferin, Aktivistin". Ursprünglich sei Schütte-Lihotzky eine Spezialistin für Rationalisierung im Wohnungsbau gewesen. Dann habe sie für die neuen Häuser von Ernst May die passende Küche konzipiert. Systematisch sei sie herangegangen, mit Stoppuhr und habe dabei ihre Schritte gezählt.

Küche zur Befreiung von Hausarbeit

"Für sie ging es in der Küche vor allem darum, dass Frauen arbeiten gehen", sagt Horncastle. "Sie hat vorausgesagt, dass die Berufstätigkeit von Frauen Standard wird und dass man deswegen im Haushalt möglichst wenig Zeit aufwenden sollte, um zum Beispiel die Küche sauber zu halten."

Erste Einbauküche von Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 im Ernst May Haus /Frankfurt a. Main /Deutschland  (imago images / Sandra Weller)Die erste Einbauküche von 1926 kann man heute noch im Ernst-May-Haus in Frankfurt am Main besichtigen. (imago images / Sandra Weller)

Schütte-Lihotzky habe die charakterlichen Anlagen gehabt, um Architektin zu sein. "Sie war sehr gradlinig und sehr charakterstark. Das Credo bei ihr zu Hause, von den Eltern ausgegeben, war: Du kannst nie auf dich stolz sein, sondern immer nur auf etwas. Und sie hat es geschafft, in diesen wechselvollen Zeiten, für sich immer ein Ziel zu schaffen. Das Ziel war immer die Verbesserung von Lebensqualität."

Späte Anerkennung

Während des Zweiten Weltkriegs hat sie als Kommunistin Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geleistet und wurde dafür inhaftiert. In den ersten Jahren nach dem Krieg hat sie aus politischen Gründen keine Aufträge mehr erhalten. Erst spät wurde sie für ihre Arbeit gewürdigt und in ihrer österreichischen Heimat rehabilitiert. "Sie ist eine Entdeckung", sagt Horncastle. "Man kennt sie leider nicht, noch nicht mal in Architektenkreisen."

Schütte-Lihotzky hat sich später eher bescheiden über ihre bekannteste Errungenschaft geäußert: "Was ich gemacht habe, ist nicht eine Küche, die besonders gut oder vorbildlich war, sondern dass diese Küchen mit den Wohnungen zusammengebaut worden und vermietet worden sind."

Der österreichische Musiker Robert Rotifer hat der Frankfurter Küche sogar ein eigenes Lied gewidmet.

Mona Horncastle: "Margarete Schütte-Lihotzky: Architektin, Widerstandskämpferin, Aktivistin"
Molden Verlag 2019
304 Seiten, 28 Euro

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