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Länderreport | Beitrag vom 26.04.2021

Archäologischer SensationsfundDas älteste stille Örtchen Berlins

Von Christiane Habermalz

Archäologen arbeiten zwischen alten Mauern und Siedlungsresten. (imago / pemax)
Das muss ein wohlhabender Haushalt gewesen sein: Fundort auf der Berliner Fischerinsel. (imago / pemax)

Auf der Baustelle für ein neues Wohnhaus entdeckten Archäologen alte Siedlungsreste. Eine gemauerte Konstruktion mit einem Schacht in der Mitte weckte ihr Interesse. Dabei handelt es sich um die älteste Toilette Berlins. Archäologen sind begeistert.

Auf der Berliner Fischerinsel sieht es nicht sehr geschichtsträchtig aus. Auf der sechsspurigen Leipziger Straße braust der Verkehr vorbei, Hochhäuser ragen in die Höhe – zum großen Teil sanierte Plattenbauten aus DDR-Zeiten, ergänzt durch hässliche Bürobauten der Nachwendezeit. Der Krieg hat wenig von der früheren Bebauung übrig gelassen.

Historischer Hotspot

Und dennoch ist der Erdboden ein heißes Pflaster für Archäologen, ein historischer Hotspot sozusagen. Denn genau an diesem Ort wurde im 13. Jahrhundert die Doppelstadt Berlin und Cölln gegründet. Wer hier gräbt, stößt irgendwann auf die frühesten Besiedelungsreste der Hauptstadt.

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"Das war der höchste und trockenste Bereich hier in direkter Spreenähe. Da haben die Menschen natürlich gesiedelt", sagt Grabungsleiter Matthias Antkowiak. "Und es war auch der beste Bereich, um einen Übergang über die Spree zu bauen, um die beiden Städte Berlin und Cölln zu verbinden."

Bauland auf sumpfigem Grund

Antkowiak steht am Rand einer etwa fünf Meter tiefen Baugrube. Bis vor kurzem war hier noch ein Parkplatz, jetzt will die Wohnungsbaugesellschaft Mitte dort ein neues Wohngebäude errichten. Zuvor durften sich die Wissenschaftler noch einmal durch 800 Jahre Berliner Siedlungsgeschichte graben.

Schicht für Schicht trugen sie Erdreich ab, bis hinunter auf das Bodenniveau des Mittelalters. Mit Scherben und Hausmüll aufgefüllte Holzbohlen zeigen noch heute, wo die Häuser standen und wie die ersten Siedler dem sumpfigen Grund das Bauland förmlich abgerungen haben.

Gemauerte Reste einer alten Siedlung im Boden einer Baugrube. (imago / Kraehn)Die ersten Siedler haben dem sumpfigen Boden den Baugrund regelrecht abgerungen. (imago / Kraehn)

Dort stießen sie auch auf einen etwa zwei Meter großen, unförmigen Block aus Ziegelsteinen mit einem runden Schacht in der Mitte. Schnell war klar, worum es sich handelt: eine mittelalterliche Toilette.

"Wir haben das ganze Objekt komplett freigelegt", so Antkowiak. "Das ist ungefähr 1,90 Meter hoch erhalten, und die innere Schale ist ganz sauber gemauert", schwärmt er. Die ist jetzt aber nicht mehr zu sehen, weil sie schon für den Transport eingeschalt ist.

Eine kleine Kulturrevolution

Erhalten sei natürlich nur der untere Teil. Der Aufbau aus Holz, wahrscheinlich mit einem Donnerbalken und einem kleinen Häuschen darüber, ist über die Jahrhunderte weggefault. Dennoch, ein gemauertes Klo war eine kleine Kulturrevolution in einer Zeit, in der die Häuser selbst noch aus Holz gebaut waren.

Steinhäuser habe man erst 30 bis 40 Jahre später begonnen zu bauen, erzählt Antkowiak. "Und in diesem Zuge müssen wir auch diese Toilette sehen. Das scheint ein reicherer Bürger gewesen zu sein, der es sich eben leisten konnte, sich eine funktionale und repräsentative Toilette bauen zu lassen, die wahrscheinlich in einem ebenso repräsentativen Haus stand", mutmaßt der Grabungsleiter.

Man schlug sich in die Büsche

Jens Henker vom Landesdenkmalamt Berlin ergänzt, dass noch bis ins 19. Jahrhundert der Müll in den Dörfern irgendwie entsorgt wurde:

"Alles was organisch war kam auf die Felder. Es gab auch keine Toiletten, man schlug sich in die Büsche", so Henker. Und in der Stadt, wo Menschen sehr dicht beieinander lebten, habe man sich Gedanken machen und ein System der Entsorgung entwickeln müssen. So habe jedes Grundstück im Prinzip mindestens eine Toilette gehabt.

"Dass es ein wohlhabender Haushalt gewesen sein muss, sieht man nicht nur am Grundriss des Hauses, der noch erkennbar ist, sondern auch anhand der Dinge, die in seiner annähernd 200 Jahre währenden Nutzungszeit im Toilettenschacht entsorgt wurden", sagt Henker. Darunter seien nicht nur Essensreste gewesen, sondern auch Gefäße, Keramik und andere Gegenstände.

Das älteste Steingebäude Berlins

Der Fund ist für die Archäologen so bedeutsam, dass er als einziger die Bebauung des Areals überdauern wird. Die restlichen Funde werden dokumentiert und kartiert, bevor die Bagger anrücken, um die Baugrube für die geplante Tiefgarage noch tiefer auszukoffern und die mittelalterlichen Strukturen damit endgültig zerstört werden.

"Für künftige Generationen, die hier vielleicht einmal graben werden, wird dieses historische Stück Erde nicht mehr lesbar sein", bedauert Antkowiak und zuckt mit den Achseln. Jede Generation brauche ihren Raum, reiße Altes ab, um Neues zu bauen, sagt er. Bleiben wird von den Mühen und Leistungen der Pioniere Berlins ausgerechnet eine Toilette.

Eine Baugrube, in der archäologische Reste mit einer Plastikplane abgedeckt wurden. (imago / Dirk Sattler)Die archäologischen Reste wurden für den Abtransport gesichert. (imago / Dirk Sattler)

"Es ist eben eines der ältesten Steingebäude Berlins", sagt der Denkmalpfleger. Und sie wollten alle Lebensbereiche repräsentieren wozu neben Kirchen, dem Rathaus und Profankellern eben auch der Teil des ganz normalen Lebens gehöre.

Das Klo wird wieder zugänglich

In zwei Tagen wird das älteste Klo Berlins als Paket verpackt, mit einem Kran aus der Baugrube gehoben. Später soll es etwas versetzt wieder aufgestellt, restauriert und für interessierte Besucher öffentlich zugänglich gemacht werden. Wo es vorher stand, wird ein achtgeschossiges modernes Wohngebäude mit Kita und Ladenzeile entstehen.

Das innerstädtische Leben wird weitergehen, so wie an dieser Stelle schon seit fast 1000 Jahren, verkündet Christoph Lang von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte feierlich. Und die Toiletten? "Die Toiletten werden nicht mehr in der Form sein, sondern es wird jeder seine eigene Toilette haben", so Lang.

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