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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.03.2019

Arbeitszeit früher und heuteDie hohe Anzahl von Feiertagen im Mittelalter trügt

Von Thilo Schmidt

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Eine Frau und ein Mann sind bei der Feldarbeit dargestellt. (imago / UIG)
Landwirtschaftliche Szene auf einem Holzschnitt: Die meisten Menschen im Mittelalter waren selbständige Landwirte, erklärt Thomas Ertl. (imago / UIG)

War man früher weniger fleißig? Die hohe Zahl von bis zu 80 Feiertagen im Mittelalter täuscht: Zum einen waren Sonntage mitgerechnet. Außerdem arbeiteten zum Beispiel Bauern auch an diesen Tagen, sagt der Wirtschaftshistoriker Thomas Ertl.

Früher war mehr Arbeit. Kann ja nicht anders gewesen sein. Da schufteten Landarbeiter ohne Maschinen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Feld, nähte ein Schneidermeister tagaus, tagein seine Röcke, um seine Familie durchzubringen. Wir sind heute viel fauler und bequemer als unsere Vorfahren im Mittelalter. Oder?

"Das stimmt mit Sicherheit nur bedingt", sagt Thomas Ertl, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der FU Berlin. "Es gibt einerseits große Parallelen und Kontinuitäten zwischen dem Mittelalter und der frühen Neuzeit und der Gegenwart – eine ist beispielsweise: Selbstständige arbeiten sehr viel. Bei Landwirten hat das zusätzlich noch das Element, dass sie sehr abhängig sind von der Witterung und dass ihr Arbeitsrhythmus sehr stark angepasst ist an die unterschiedlichen Phasen der Arbeitsprozesse in einem Jahr hindurch."

Ein alter Film, Schwarzweiß über den Hauberg, eine uralte, genossenschaftliche Form der Waldbewirtschaftung im Siegerland:

"Und während der Köhler die Luftzufuhr regelt und den Meiler zum Verkohlen gut unter Feuer hält, wird der Waldboden im kahlgeschlagenen Hauberg mit Hacken gewendet. Denn wo der Wald mit den Saatbäumen unter den wiederaustreibenden Wurzeln neu aufwächst, wird der Berg als Feld benutzt und zur Aussaat von Roggen vorbereitet." (Filmausschnitt)

Menschen verladen kleine Bäume von Hand auf Wagen, die von Pferden und Ochsen gezogen werden.

"Und wie in der ältesten Eisenzeit wird dann die ausgestreute Saat mit Holzpflügen eingekratzt", sagt Thomas Ertl.

2000 Stunden im Jahr, früher wie heute

Das sieht nach viel Arbeit aus. Tatsächlich aber, so Thomas Ertl, haben selbständige Landwirte früher und heute in etwa gleich viel gearbeitet: nämlich ungefähr 2000 Stunden im Jahr, Frondienste inbegriffen.

"Das ist auch eine Zahl, die in etwa so für Selbständige in anderen Berufen für heute in der Bundesrepublik gilt", erläutert Thomas Ertl. "Das ist ein Maß, das sich auch nicht wesentlich unterscheidet von der Arbeitszeitbelastung von selbständig tätigen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit."

Was zu der Annahme verleiten könnte, dass seinerzeit weniger gearbeitet wurde als heute, ist die hohe Anzahl der Feiertage: Bis zu 80 waren es inklusive der Sonntage.

"Ja. Theoretisch war das so", sagt Thonas Ertl. "Das gilt aber nur sehr eingeschränkt. Denn einerseits waren selbständige Handwerker und Landwirte immer in der Lage, auch an diesen Tagen zu arbeiten, wenn sie wollten. Und andererseits sehen wir durch Übertretungen der Feiertagsruhe und auch durch Ausnahmeregelungen, dass Menschen in bestimmten Berufen sehr wohl an diesen Tagen gearbeitet haben."

Die meisten Menschen im Mittelalter waren selbständige Landwirte, die zwar oft abhängig von ihren Lehnsherren und damit "unfrei" waren, aber in beträchtlicher Weise für sich selbst wirtschaften konnten. Die vergleichsweise wenigen Angestellten, für die zwar Sonnenauf- und untergang Anfang und Ende des Arbeitstages markierten, nahmen sich ihre Freizeit.

"Es gab gestaffelte Bußtaxen, also Strafkataloge für Personen, die zu spät kamen", sagt Thomas Ertl. "Eine Stunde zu spät kamen, zwei Stunden zu spät kamen, die an manchen Tagen überhaupt nicht erschienen. Das heißt, die Rechtstexte suggerieren eine enorme Arbeitszeit, die in der Realität aber mit Sicherheit nicht eins zu eins umgesetzt worden ist."

"Blau machen" hat eine lange Geschichte

Eine Erklärung für die Herkunft des Bonmots "Blau machen" übrigens ist die Sitte des "Blauen Montags" – Arbeiter verlängerten das Wochenende um einen Tag und erschienen am Montag nicht zur Arbeit. Denn schon damals war die soziale, die politische und die wirtschaftliche Kraft der Arbeiter so stark, sagt Thomas Ertl:

"Dass sie auch mit den Füßen abstimmten und sich gewissen Arbeitsverpflichtungen nicht unterziehen wollten und auch nicht unterziehen mussten."

Grundsätzlich also unterscheiden sich die Arbeitszeiten einst und jetzt gar nicht so sehr. Bei Selbständigen ohnehin kaum, bei Angestellten auch nicht besonders, wenn man zum Vergleich nicht gerade die komfortablen Arbeitszeiten der gegenwärtigen Bundesrepublik heranzieht. Allerdings versuchten Unternehmen immer, ihre Arbeiter möglichst effektiv zu nutzen. Darum haben die jährlichen Arbeitsstunden wohl im Zuge der industriellen Revolution einen Höhepunkt erreicht, sagt Thomas Ertl. Ein Prozess, der sich aber mit dem Erstarken der Gewerkschaften auch wieder abschwächt.

Arbeitswelt entscheidender als Arbeitszeit

Viel entscheidender als die Frage nach den Arbeitszeiten ist aber vielleicht ohnehin die nach den Arbeitswelten. Früher wohnte der Geselle beim Bauern, das Gesinde beim Dienstherren. Und ein großes Freizeitangebot nach heutigen Maßstäben gab es auch nicht. Eine Trennung zwischen Freizeit und Arbeit – daher kaum möglich.

"Die Trennung war in mehrfacher Hinsicht unscharf", erklärt Thomas Ertl. "Die Arbeitsverhältnisse, das Verhältnis von Arbeit zu Freizeit, alles das sind Faktoren, die sich massiv geändert haben, und die es schwierig machen, die gesamte Frage nur darauf zu verkürzen: Haben Menschen früher mehr oder weniger gearbeitet. Das ist ähnlich schwierig zu beantworten wie: Waren Menschen früher glücklicher oder weniger glücklich."

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