Arbeiten im Sicherheitssektor

Von der Außenseiter- zur Wachstumsbranche

27:03 Minuten
Jacke eines Wachmanns mit Securitas-Logo
Flüchtlingskrise, Pandemie und Ukraine-Krieg haben die Sicherheitswirtschaft zu einer Wachstumsbranche gemacht. © picture alliance / Robin Utrecht
Von Mirko Heinemann · 30.08.2022
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Übergriffe auf Asylbewerber und Eskapaden von Personenschützern haben das Image der Sicherheitsbranche negativ geprägt. Doch viele arbeiten im Wachdienst unter harten Bedingungen – und müssen aber auf unterschiedlichste Menschen einfühlsam eingehen.
Im Zentrum von Berlin, nur wenige Schritte entfernt vom Brandenburger Tor, befindet sich eine 13.000 Quadratmeter große Freifläche. Darauf stehen 2500 unterschiedlich hohe Steinblöcke. Dieses Stelenfeld bildet das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, auch Holocaust-Mahnmal genannt. Hier beginnt mein Ausflug in die Welt der Sicherheitsbranche, an einem ganz normalen Vormittag um 10 Uhr.
Nilgün Babacan trägt eine dunkelgraue Stoffhose, darüber eine graue Jacke. Auf Brusthöhe drei rote Punkte. Das Markenzeichen der Firma „Securitas“, bei der sie arbeitet. Die größte private Sicherheitsfirma in Deutschland. „Auch, wenn wir von oben die Leute anschreien müssen, laut werden müssen, damit die runterkommen – trotzdem müssen wir immer Bitte und Danke sagen“, erzählt die Mitarbeiterin. „Dann kommen wir auch nie in einen Konflikt oder in Stresssituationen. Also: Höflichkeit. Oder, wie sagt man: Der Ton macht die Musik.“

Am Wochenende ist immer was los

Die Sicherheitsleute haben den Auftrag, das Mahnmal zu schützen und die Hausordnung durchzusetzen. Man darf zwischen den Stelen umherlaufen, aber nicht auf sie hinaufklettern, nicht mit dem Fahrrad fahren und auch nicht picknicken. Also: „Wenn zum Beispiel hier Demos stattfinden: Jeder Dritte kommt hier rein und springt oder kommt mit Bierflaschen hier rein und eskaliert. Manche tanzen hier auf dem Stelenfeld. Ich hatte welche hier, die haben Musik aufgebaut und angefangen zu tanzen.“
Touristen springen auf den Stelen des Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Springen ist auf den Stelen des Holocaust-Mahnmals verboten: Nun muss der Sicherheitsdienst eingreifen.© picture alliance / photothek / Thomas Trutschel
Nilgün Babacan ist alleinerziehende Mutter. Wenn sie arbeitet, kümmert sich ihr großer Sohn um den Kleinen. Seit vier Jahren geht die türkischstämmige Frau am Mahnmal Streife, auch zu Nachtzeiten. Da erlebt sie viel.

Keine Angst zeigen

Viele Betrunkene würden hierher kommen, sagt sie. „Die haben Tischdecken aufgebaut auf der Stele. Die wollten Party machen.“ Andere machen laut Musik oder fahren mit dem Roller. „Es ist immer was los am Wochenende, im Nachtdienst.“
Nilgün Babacan tritt resolut auf, wirkt aber nicht besonders stark oder gefährlich. Keine Angst, als Ordnungshüterin angefeindet oder angegriffen zu werden? „Nein“, sagt sie. Ihr Kollege Lutz Tänzer pflichtet ihr bei: „Angst ist ein schlechter Berater, sag ich immer. Angst darf man nicht haben. Das spürt das Gegenüber. Oder, wenn es mehrere sind, die spüren das sofort. Die versuchen das auch auszunutzen. Das ist ein psychologischer Effekt.“
Lutz Tänzer arbeitet hier seit 2005 das Mahnmal eröffnet wurde. Er kann in acht Sprachen erklären, um was für eine Art von Denkmal es sich handelt. Er hilft, verlorene Eltern, Kinder, Geldbörsen und Taschen wiederzufinden, zeigt den Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit und ruft auch schon mal ein Taxi. Herausforderungen gibt es genug, erzählt er. Jetzt, am Sonntag finde wieder eine Demonstration statt. „Dann ist schon das Stelenfeld voll. Da ist es unsere Aufgabe zu sehen, dass die Leute nicht einfach in das Stelenfeld reinrennen und dass es normal abgesichert ist. 100.000 sollen kommen am Sonntag.“

Zahl privater Sicherheitsleute steigt

Die Arbeit am Holocaust-Mahnmal ist nur eine von zahllosen Aufgaben, die das private Sicherheitsgewerbe übernimmt. Private Sicherheitsleute arbeiten als Pförtner oder im Wachschutz für Unternehmen, in Flughäfen, Museen, Banken, Bürogebäuden, als Türsteher vor Diskotheken oder der Shopping-Mall, als Kontrolleure im Nahverkehr, Ordner bei Veranstaltungen oder als Personenschützer von Prominenten.
Die Zahl wie auch die Vielfalt der Aufgaben wächst stetig, wie auch die Zahl der Sicherheitsleute. Überall sieht man sie. Dieser Eindruck hat sich in der Corona-Pandemie noch verstärkt. Sie überwachen die Einhaltung der Corona-Regeln und sorgen für einen geregelten Ablauf beim Schlangestehen in Impfzentren, Supermärkten, Kinos oder Konzerthallen.

Zusammen sind sie stark

Pausenzeit: Wir steigen hinunter in die Katakomben unter dem Mahnmal. Hier befindet sich das Dokumentationszentrum: Ausstellungen, Filmvorführungen, außerdem ein Raum für die Security, in dem Mitarbeiter auf Bildschirmen überwachen, was oben im Stelenfeld passiert, und der Pausenraum.
Tausende Menschen nehmen an der Parade des Christopher Street Day (CSD) teil und ziehen am Holocaust-Mahnmal vorbei.
Irgendwas ist am Wochenende immer in der Nähe vom Holocaust-Mahnmal los. Hier: der Christopher Street Day (CSD).© picture alliance / dpa / Jörg Carstensen
Hier wartet ein dritter Kollege als Back-up. Es ist wichtig, dass man niemals alleine ist, sagt Lutz Tänzer. „Wenn es ein paar aggressive Leute gibt, hole ich mir einen zweiten Mann dazu, damit die mich nicht angreifen können. Weil die meistens zu dritt, zu viert sind. Dann denken sie, weil sie in der Masse sind und du bist bloß ein Sicherheitsmitarbeiter allein, dass sie dich angreifen können. Wenn sie dann aber mitbekommen, da kommt noch ein zweiter Kollege, und es könnte sogar ein dritter kommen, dann wird die Sache schon langsam bereinigt.“
Und der dritte Mann in der Schicht, Mohammed Shikhov, meint: „Wenn man beleidigt wird oder so ein blöder Spruch kommt, darf man das nicht persönlich nehmen. Das ist ganz wichtig. Erstmal wird meine Dienstkleidung beleidigt. Ich kann meine Dienstkleidung ausziehen und an einen Baum hängen. Und dann: Beleidigen Sie bitte weiter meine Dienstkleidung.“ Er ist Anfang 30 und kam vor elf Jahren mit seiner Mutter aus Kasachstan.

Meine erste Lektion: Im Sicherheitsgewerbe kommt es nicht auf Körperkraft an. Auch nicht darauf, Menschen einzuschüchtern. Sondern darum, den sogenannten Aggressoren den Wind aus den Segeln zu nehmen, ruhig und sachlich zu bleiben, egal, wie heftig man angegangen wird.

Reicht das nicht aus, um die Aggressoren zu beschwichtigen, verständigen die Sicherheitsleute die Polizei. In der Praxis ist das recht selten nötig. Nervige Mahnmalbesucher kosten die drei Sicherheitsleute mehr Zeit, erzählen sie. Mit ihnen hätten sie tagtäglich Diskussionen. „Manche habe auch schon gefragt: Warum machst du die Arbeit für die Juden? Dann antworte ich: Wir arbeiten nicht für die jüdische Gemeinde, sondern für die Stiftung. Das Denkmal ist als Erinnerung gedacht. Mehr müssen Sie da nicht sagen, weil: Das bringt bei solchen Leuten nichts.“ Man könne auch weggehen, wenn man merke, dass sie laut werden oder nur auf Krawall aus sind. „Die gehen dann von selber, weil die merken: Wir lassen uns nicht auf die Diskussion ein.“

Während die Polizei hoheitliche Rechte ausübt, also in die Grundrechte der Bürger eingreifen darf, verfügen private Sicherheitsleute nur über das sogenannte Jedermannsrecht: Sie haben die gleichen Rechte wie jeder andere Bürger auch. Darüber hinaus das Hausrecht, das ihnen der Auftraggeber einräumt, für den sie oder ihre Firmen arbeiten.

Darüber Bescheid zu wissen, das ist Teil der Grundausbildung, sagt Mohammed Shikhov. „Ich kann sagen: Sie haben sich gemäß Paragraf 185 Strafgesetzbuch strafbar gemacht. Bitte unterlassen Sie das.“

Jede und jeder kann erst einmal einsteigen

Der Einstieg in die Branche steht im Prinzip jeder und jedem offen. Man benötigt nicht einmal einen Schulabschluss. Es reicht, eine Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer zu bestehen. Diese „Sachkundeprüfung 34a“, auch Security-Schein genannt, reicht als Grundausbildung für die Arbeit in der Sicherheitsbranche aus. Sie hat einen mündlichen sowie einen schriftlichen Teil.
Um zur Prüfung zugelassen zu werden, muss man 18 Jahre alt sein, Deutsch sprechen und ein Führungszeugnis ohne Einträge vorweisen können. Mohammed Shikhov hat zunächst die Sachkundeprüfung bestanden und danach drei Jahre beim Sicherheitsdienst einer Flüchtlingsunterkunft gearbeitet.
Anschließend absolvierte er bei "Securitas" die zweijährige betriebliche Ausbildung „Servicekraft für Schutz und Sicherheit“, einen von zwei anerkannten Ausbildungsgängen in der Branche.
Jetzt besucht er die Abendschule. Er möchte das Abitur nachholen, denn: „Da ich aus meiner Heimat keinen akademischen Grad mitbringen konnte, dachte ich, ich mache das hier.“ Es gebe viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden. „Du kannst zum Beispiel einen Meister für Schutz und Sicherheit machen. Aber das ist kein akademischer Grad. Ein akademischer Grad wäre Sicherheitsmanagement Bachelor oder Master. Das ist mein Ziel.“
Auch Nilgün Babacan reichte die Sachkundeprüfung nicht. Sie absolvierte zusätzlich die dreijährige Ausbildung zur „Fachkraft für Schutz und Sicherheit“, die zweite mögliche Ausbildung in der Branche. Auf die kam sie über eine Maßnahme der Arbeitsagentur.
Ein Jahr lang arbeitete sie in einem sozial schwachen Stadtviertel als sogenannte Kiezstreife, erzählt sie: „Sicherheit und Ordnung, aber nur für die Straße. Den ganzen Tag nur draußen, laufen, laufen und alles aufschreiben. Das hat mir irgendwann so gefallen, dieser Job, dass ich mir dann überlegt habe: Ich mache Sicherheitsdienst, passt ja ideal.“

Fachkräftemangel in der Sicherheitsbranche

Gregor Lehnert führt die UGL Unternehmensgruppe für Sicherheitsdienstleistungen im Saarland. Außerdem ist er Präsident des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft. „Wir sind Personaldienstleister – und Personaldienstleistung heißt eben auch, geeignetes Personal zu haben“, sagt er. „Wo kriegen wir die richtigen Menschen her?“
Die Corona-Pandemie hat seine Branche hart getroffen. Nicht, weil Umsatz weggebrochen ist, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Manche Branchen seien extrem negativ betroffen worden. „Der ganze Veranstaltungsbereich beispielsweise, das Flughafengeschehen.“ Aber es sei durch Corona auch „ein Stück weit Neumarkt“ entstanden. „Impfzentren, Testzentren, die Tätigkeit in Krankenhäusern, unsere Tätigkeit in der Pflege zur Sicherung der Einhaltung von Corona-Maßnahmen. Dort ist ein neuer Markt entstanden, bei dem es keine große Planungszeit gibt. Sie können keine Projekte auflegen, wie wir so etwas machen könnten, sondern der Unternehmer muss relativ schnell sagen: Ja, wir können – oder wir können nicht.“

Einsatz in Krisenzeiten

Damit spricht Lehnert ein Grundproblem der Sicherheitsbranche an. Sie muss schnell Personal für sehr unterschiedliche Einsatzbereiche zur Verfügung stellen: wenn eine Pandemie ausbricht, wenn Großveranstaltungen oder Demonstrationen stattfinden, wenn ein Krieg ausbricht, wie in Syrien oder in der Ukraine.
Im Hauptstadtbüro des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft bin ich mit Berthold Stoppelkamp verabredet. Er ist Geschäftsführer des Verbands, Kollege von Präsident Gregor Lehnert. Als Folge sei mehr Personal in Flüchtlingsunterkünften zu verzeichnen, sagt er. „Und dementsprechend für uns ein Problem darstellt, genug Personal auf dem Niveau, auf dem es für unsere Auffassung sein soll, zur Verfügung zu stellen. Wir haben im Jahr um die 1000, 1200 neue Ausbildungsplätze in der Branche. Aber wir würden uns natürlich über mehr freuen.“

Standards für Qualifikation gefordert

Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft möchte, dass in einem neuen Gesetz erhöhte Standards für die Qualifikation von Sicherheitsleuten in bestimmten Einsatzgebieten festgeschrieben werden. Bislang bestehen bei Ausschreibungen nur für Sicherheitsdienste an Flughäfen und in Kernkraftwerken spezielle Anforderungen.
Aber private Sicherheitsdienstleister sind heute immer öfter im öffentlichen Raum tätig – und in sensiblen Bereichen, wo Terrorgefahr besteht. Stoppelkamp sieht das kritisch. „Für andere Bereiche ist es leider so, gerade bei der öffentlichen Hand, dass die nur nach dem Preis entscheidet“, sagt er. „Und wenn Sie keine Qualitätsanforderungen stellen oder nur ganz minimale über das hinaus, was gesetzlich gefordert ist, dann kommen Unternehmen zum Einsatz, die Leute einsetzen, die nur eine Basisqualifizierung haben, aber mit diesen speziellen Aufgaben im Grunde überfordert sind.“
Sicherheitspersonal steht auf dem Gelände einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin Spandau.
Sicherheitspersonal vor einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin. 2014 sorgte das Verhalten von Wachpersonal gegenüber Geflüchteten in NRW für Schlagzeilen.© picture alliance / dpa / Michael Kappeler
2014 wurden katastrophale Verhältnisse in nordrhein-westfälischen Flüchtlingsunterkünften bekannt. Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen hatten Bewohner geschlagen, gefesselt, getreten. In anderen Fällen wurden Neonazis zum Schutz von Flüchtlingsheimen eingesetzt. Auch bei Ticketkontrollen im öffentlichen Nahverkehr kommt es immer wieder zu Übergriffen.
Ein weiteres Problem sind die sogenannten Sicherheitslücken: Wenn eine Firma nicht in der Lage ist, einen Auftrag bis zum Ende durchzuführen – weil Personal fehlt oder die Firma während des Auftrags Insolvenz anmeldet. Solche Vorfälle haben das Image der Sicherheitsbranche beschädigt, sagt Gregor Stoppelkamp, Geschäftsführer des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft. „Wir wollen einen Wettbewerb durch eine Regulierung, aber einen Wettbewerb auf einem qualitativ höheren Niveau für bestimmte sensible Bereiche: beim Schutz kritischer Infrastruktur, im öffentlichen Personenverkehr, bei Großveranstaltungen mit besonderem Gefährdungspotenzial und im Bereich Geld- und Wertdienste.“
Obwohl die Debatte bereits einige Jahre läuft, gibt es bislang kein Sicherheitsdienstleistungsgesetz. Die Ampelkoalition unterstützt den Wunsch des Verbands, genauso wie die vorige Regierung.
Marcel Emmerich ist Obmann für die Bündnisgrünen im Sicherheitsausschuss des Bundestages. „Die Polizei kann nicht alle Objekte hier schützen“, sagt er. „Es ist trotzdem wichtig, dass bei besonderen Objekten wie dem Holocaust-Mahnmal die Polizei häufig vor Ort ist und mit dazu beiträgt, das Objekt prioritär mit zu beschützen. Aber die 24-Stunden-Überwachung, die finde ich in Ordnung, dass die ein privater Sicherheitsdienst macht. Er hat natürlich eine große Verantwortung, und deswegen wollen wir hier auch gesetzlich ran, dass es bessere Qualitätsstandards gibt und bessere Anforderungen an die Zuverlässigkeit der Personen, die diese Objekte beschützen. Das ist das, was wir in dieser Legislatur umsetzen wollen.“

Bewacherregister seit 2019

Emmerich meint das kürzlich eingeführte, sogenannte Bewacherregister. Seit 2019 muss sich jedes Sicherheitsunternehmen und jede Person, die im Sicherheitsgewerbe arbeitet, registrieren. Zuvor wird sie von Polizei und – je nach Aufgabenfeld – auch noch vom Verfassungsschutz durchleuchtet. Damit soll beispielsweise gewährleistet werden, dass keine Neonazis zum Schutz von Flüchtlingsheimen eingesetzt werden oder politisch Radikale Objekte der kritischen Infrastruktur bewachen.
In der Vergangenheit offenbarte das System Lücken, etwa in der Kommunikation zwischen den Landesämtern für Verfassungsschutz. „Und deswegen wollen wir uns das Bewacherregister auch nochmal gesondert anschauen.“

Private und staatliche Sicherheitsdiensten

Die Verschränkung von privaten und staatlichen Sicherheitsdiensten wird enger. Das zeigt sich am deutlichsten bei der sogenannten Wachpolizei. Solche Einheiten gibt es in Berlin, Hessen, Sachsen und Bremen. Die Wachpolizei besteht im Gegensatz zur Polizei nicht aus Beamten, sondern aus Angestellten, die die Polizisten unterstützen.
Polizisten patrouillieren vor dem Eingang zu einem Supermarkt auf einer Einkaufsstraße in Hamburg.
Wo kontrolliert die Polizei und wo ein Sicherheitsdienst? Die Verschränkung von privaten und staatlichen Sicherheitsdiensten wird enger.© picture alliance / dpa / Axel Heimken
Wer garantiert, dass mit der Erhöhung der Standards die Grenzen zwischen staatlichen und privaten Sicherheitsdiensten nicht noch stärker aufgeweicht werden? – meine Frage an Marcel Emmerich, den Obmann der Bündnisgrünen im Sicherheitsausschuss des Bundestages. „Eine Ausweitung der Aufgaben oder Eingriffsbefugnisse oder dergleichen sehe ich überhaupt nicht. Es ist so, dass wir uns im Jedermannsrecht bewegen. Das ist, was die Sicherheitsdienste brauchen. Mehr sollten sie nicht haben.“ Für alles andere sei die Polizei da. „Da reden wir über das staatliche Gewaltmonopol, über Fragen der politischen Verantwortung, und deswegen braucht es hier eine klare Trennung.“
„Es gibt sicher einen Riesenunterschied zwischen jemandem, der im Objektschutz arbeitet und jemandem, der im Veranstaltungsschutz hauptsächlich eingesetzt wird – oder Sicherheitskräfte, die im öffentlichen Personennahverkehr eingesetzt werden, Sicherheitskräfte, die in sogenannten Citystreifen eingesetzt werden, wo es häufiger zu Auseinandersetzungen kommt. Trotzdem gehört das zu den Grundanforderungen, dass wir erwarten können, dass Sicherheitskräfte eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit haben“, sagt Kai Deliomini. Er ist Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Be-Sure in Bielefeld.

Hohe Abbruchquote bei der Ausbildung

Der Endvierziger ist ausgebildeter Polizist, arbeitet aber seit vielen Jahren nicht mehr bei der Bundespolizei, sondern im privaten Personen- und Veranstaltungsschutz. Er war einer der echten Bodyguards von Popdiva Whitney Houston, nachdem der bekannte Film mit ihr und Kevin Costner in die Kinos kam.
Seit fast 20 Jahren ist er Ausbilder, Dozent und Prüfer. Deliomini wirbt für die Ausbildung zur Fachkraft Schutz und Sicherheit. Sie dauert drei Jahre, also ein Jahr länger als die Ausbildung zur Servicekraft für Schutz und Sicherheit. Beide Ausbildungen werden im Betrieb mit begleitender Berufsschule absolviert.
Bei der Fachkraft wird zusätzlich kaufmännisches Wissen vermittelt, erklärt Deliomini. „Es ist ein sehr junger Ausbildungsberuf. Es gibt mittlerweile rund 13.000 fertig ausgebildete Fachkräfte für Schutz und Sicherheit. Das ist auch gar nicht so viel. Wenn wir wissen, dass wir in Deutschland rund 270.000 Sicherheitskräfte haben, dann ist die Quote an berufsausgebildeten Fachkräften sehr gering. Genau darin sehe ich eine riesige Chance, weil der einzelne daraus eine Karriere machen kann.“

Rund 12.000 offene Stellen verzeichnet der Branchenverband. Es ist gar nicht so leicht, geeignete Bewerberinnen oder Bewerber zu finden. Dazu kommt eine enorm hohe Abbruchquote: 50 Prozent aller Auszubildenden bringen ihre Ausbildung nicht zu Ende.

„Eine der Ursachen ist ganz bestimmt, dass falsche Erwartungen seitens der Auszubildenden entstehen oder auch, dass man den Anforderungen nicht gerecht wird“, so Deliomini. „Das erleben wir auch immer wieder. Wir erwarten einfach eine hohe emotionale Intelligenz, weil das natürlich auch zusammenhängt damit, wie sich jemand möglicherweise im Dienst verhält.“

Frauen in der Sicherheitsbranche

Diese Anforderungen führen zu einem neuen Trend in der Sicherheitsbranche, der sich absehbar noch verstärken wird, meint Deliomini. Er will nicht verallgemeinern, spricht aber aus jahrzehntelanger Erfahrung. „Gerade, wenn es um kommunikative Fähigkeiten geht, gerade wenn es um das Thema Deeskalation geht – das ist ein Schwerpunktthema in der Berufsausbildung –, dass dann Frauen oftmals das notwendige Fingerspitzengefühl eher haben, sie verschärfende Situationen manchmal besser deeskalieren können, als wenn wir eine Sicherheitsstreife mit zwei Männern haben.“
Ich sitze im Auto von Patricia Walters, Inhaberin der Firma Lloyd Security in Ratzeburg bei Hamburg. Hier lerne ich die Königsdisziplin der Sicherheitsbranche kennen: den Personenschutz. Dieses Mal ist alles nur gespielt. Eine Bedrohung gibt es nicht.
Die Personenschützerinnen holen mich einfach nur vom Bahnhof ab. Dabei werde ich überraschend zur Schutzperson. Ohne Ankündigung zeigen sie mir, wie ein echter Einsatz ablaufen würde. „Wenn wir dann sagen, Kontakt Tango 3, dann weiß jeder, es sind drei Täter. Oder Tango 3 mit Waffe, dann ist da schon eine Definition dazu da, wie gefährlich das ist“, erzählt Patricia Walters. Sie hat eine Ausbildung bei der Polizei absolviert und anschließend eine zur Personenschützerin.
2007 hat sie ihre eigene Sicherheitsfirma gegründet. Das Besondere: In der Abteilung Ladyguard arbeiten ausschließlich Frauen. „Wenn jetzt das Auto liegenbleibt oder jemand uns rammt, dann hätte Hannah Sie rausgezogen, Jule und Hannah wären mit Ihnen weggefahren, ich wäre am beschädigten Fahrzeug geblieben.“
Ein Steward kontrolliert mit Gesichtsschutz und mit medizinischem Mundschutz vor der Veltins-Arena vor dem Spiel Tickets.
Vor dem Fußball-Stadion, im Supermarkt, Freibad oder an Museen und Gedenkstätten: Überall ist mittlerweile Wach- und Sicherheitspersonal zu finden.© picture alliance / dpa / AP / Martin Meissner
Die Fahrt endet vor einem flachen Gebäude am Stadtrand von Ratzeburg, der Zentrale von Lloyd Security. Im realen Einsatz kommt es darauf an, dass alle Beteiligten immer genau wissen, was zu tun ist. Patricia Walters und ihre Kolleginnen tragen Funkgeräte und bei Bedarf auch Waffen. Sie sind im Nahkampf ausgebildet und trainieren regelmäßig den Ernstfall.
Ich werde herumgeführt. „Das hier ist die Kommandozentrale, von der wir aus alles leiten und schalten. Hinten sind die Sozialräume, Küche. Dann haben wir hier meinen Bereich“, zeigt Patricia Walters. Ihre Firma beschäftigt ein Dutzend feste und zahlreiche freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Eine weitere Niederlassung befindet sich in Süddeutschland.
Lloyd ist nicht nur im Personenschutz aktiv, sondern übernimmt das gesamte Spektrum an Sicherheitsdienstleistungen: Objektschutz, Türsicherung für Diskotheken, Sicherheitskonzepte für Großveranstaltungen. Auch Detektivarbeit: Patricia Walters hat jüngst eine vermisste Person im Ausland aufgespürt und nach Hause gebracht, gemeinsam mit ihrer Kollegin Hannah Neuling, die seit zehn Jahren bei Lloyd arbeitet.
„Ich habe in den ganzen Jahren, in denen ich an der Tür stand oder so, keine Auseinandersetzung gehabt“, erzählt sie, „und ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich ganz gut auf Menschen eingehen kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich eine Regel, die mir von dem Hausrechtsinhaber erklärt wird, und ich erkläre sie dem Kunden oder dem Gast, dass sie die auch verstehen, und es kommt gar nicht zu einer Auseinandersetzung. Wenn ich aber einfach sage: Nein! Stopp! Verboten! Dann provoziere ich ein bisschen.“
„Oder in der Diskothek“, erzählt  Patricia Walters. „Dadurch, dass wir Frauen sind. Dann hast du manchmal zwei Mädels, die sich erzürnen. Wenn du dann frühzeitig hingehst und sagst: Mensch, was ist los? Liebeskummer? Wenn du dieses Verständnis einbringst, dann nimmt Hannah jemanden, ein andere Kollegin oder ich nehme die andere Dame. Man geht einfach weg, talkt ein bisschen und kann dadurch auch schon viel bewirken.“

Waffen im Einsatz

Hannah Neuling hat nach dem Abitur und einem Intermezzo als Floristin die Sachkundeprüfung 34a absolviert. Sie hat als Türsteherin gearbeitet, als Ordnerin auf Veranstaltungen, hat Menschen observiert und stundenlang an Notausgängen ausgeharrt.
In Patricia Walters‘ Firma wird sie zur bewaffneten Personenschützerin ausgebildet. Sie macht gerade die Waffensachkundeprüfung. Eine Waffe tragen, das bedeutet für sie vor allem „Verantwortung, aber eben auch eine gewisse Sicherheit. Um die Person gut beschützen zu können, ist der Umgang wichtig. Aber schönreden muss man sich deswegen Waffen auch nicht.“
In ihrem Zweitberuf steht die 37-Jährige auch noch als Schauspielerin auf der Theaterbühne. Eine ideale Kombination, findet ihre Chefin. „Sie kann heute auf der Straße der Penner sein, der in einer Observation so tun muss, als ob wir bedürftig wären. Am nächsten Tag gehen wir mit einem Königshaus innerhalb einer Protokoll-Anordnung mit Standarte und Fahrzeug, mit BKA und LKA zusammen durch den Bundestag.“
Patricia Walters hat sich durchgesetzt, gegen anfängliche Vorbehalte von männlichen Kollegen, auch gegen den örtlichen Rockerclub. Heute ist sie eine gefragte Sicherheitsexpertin und wird von hochrangigen Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und von Prominenten gebucht, von Männern wie auch von Frauen.
Hier endet mein Ausflug in die Sicherheitsbranche. Er hat meinen Blick auf die Menschen, denen ich täglich als Security-Personal begegne, geschärft und manches Vorurteil bereinigt. Die Arbeit in der Sicherheitsbranche stets im Spannungsfeld von Provokation, Aggression, Konflikt.

Es sprachen: Marian Funk, Lisa Hrdina, Maria Lang
Autor: Mirko Heinemann
Regie: Guiseppe Maio
Redaktion: Franziska Rattei

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