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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.04.2014

AppellPflegerat: Wir brauchen mehr Geld und Personal

Forderungskatalog gegen den Pflegenotstand

Moderation: Julius Stucke

Eine junge Hand hält eine alte Hand (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
"Überbordende Dokumentation" erschweren die Arbeit, kritisiert Andreas Westerfellhaus. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Die Bundesregierung müsse schnell handeln, um den Pflegenotstand zu beseitigen, mahnt Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats. Eine bessere Finanzierung, eine Entbürokratisierung der Arbeit und mehr Personal könnten dazu beitragen.

Julius Stucke: Wir besuchen jetzt eine Dauerbaustelle der Politik: die Pflege. Allerdings ist das keine Baustelle, auf der dauernd großartig viel geschieht, sondern eher ein langes Projekt, bei dem Baupläne erarbeitet und umgeschmissen werden. Jeder werkelt etwas, während andere viel kritisieren. Derzeit baut Gesundheitsminister Hermann Gröhe von der CDU an dieser Baustelle. Klar ist bereits ein Aspekt seiner Pflegereform: Höhere Beiträge sollen mehr Geld für die Pflegekassen und damit letztlich auch für zu pflegende Menschen bringen. Aber wie sieht es mit den Menschen aus, die diese Pflege leisten? Stichwort Mangel an Pflegekräften, Ausbildung von Pflegekräften. Darüber will Gröhe heute mit den Länder-Gesundheitsministern sprechen. Wir wollen mit einem sprechen, der den Pflegeberuf aus der Praxis kennt und jetzt quasi oberster Interessenvertreter des Pflegewesens ist: Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates. Guten Morgen!

Andreas Westerfellhaus: Guten Morgen, Herr Stucke!

Stucke: Würden Sie jungen Menschen heute den Pflegeberuf, Ihren Beruf ans Herz legen?

Westerfellhaus: Na ja, in jedem Falle, immer wieder, und ich habe es auch persönlich nie bereut, denn eine unheimliche Perspektive steckt in diesem Beruf.  Der Beruf ist spannend, er ist attraktiv und interessant. Einschränkung: Die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten, müssen sich ändern – und dafür treten wir an.

Stucke: Was konkret wollen Sie denn geändert haben am Pflegeberuf?

Westerfellhaus: Na ja, die größte Herausforderung ist einfach die, das, was auch alle Kollegen immer wieder bescheinigen: Wir brauchen mehr KollegInnen, mit denen wir gemeinsam die Leistung vollbringen, mehr Zeit für den Patienten, und sehr viel bessere Verdienstmöglichkeiten.

Stucke: Dafür braucht es mehr Geld, mehr Geld will Bundesgesundheitsminister Gröhe jetzt erreichen durch eine Beitragssteigerung, vielleicht kommt davon ja auch etwas bei Ihnen an. Das reicht aber, wenn ich Sie richtig verstehe, dann nicht?

Westerfellhaus: Nein, ich denke nicht, zumal wir jetzt über Beitragserhöhungen auch im Rahmen der Pflegeversicherung sprechen. Sie müssen bedenken: Pflege, Pflege als Leistung findet nicht nur im ambulanten Sektor statt oder in der Altenpflege, sondern im Krankenhaus von Beginn des Lebens an bis eben auch zum Ende des Lebens. Und wenn wir die Leistung der Pflegenden anders ausgestalten wollen, dann braucht es insgesamt mehr Geld in dem System, und es muss vor allen Dingen sichergestellt sein, dass es bei den Pflegenden, die diese Arbeit erbringen, auch ankommt.

Stucke: Das heißt, mehr Geld ist aber schon der eine Schlüssel. Wir müssten einfach noch weiter die Beiträge erhöhen.

Wir wollen alle sehr viel älter werden

Westerfellhaus: Es lässt sich sicherlich nicht vermeiden, auch unter dem Aspekt dieser demografischen Entwicklung. Wir wollen alle sehr viel älter werden, das auch gesund, aber dann, wenn wir Pflegeleistungen brauchen, setzen wir auf professionelle Pflege. Ich denke allerdings auch daran, dass nicht alles Geld kostet. Wenn wir endlich das, was wir immer alle versprochen bekommen, die Entbürokratisierung, umsetzen, dass wir Prioritäten auch bei den Ausgaben setzen, Fehllenkungen denn dann beheben, ich glaube, dann können wir auch eine Menge Ressourcen heben.

Stucke: Was genau heißt Entbürokratisierung bei der Pflege?

Plädoyer für eine Kultur des Vertrauens

Westerfellhaus: Na ja, also nehmen Sie es mal im ambulanten Sektor oder auch in den stationären Sektoren der Krankenhäuser, der Altenpflegesituation – dann verbringen Pflegekräfte enorm viel Zeit mit der Dokumentation. Nicht, dass diese wichtig wäre, aber wir können es mittlerweile als überbordende Dokumentation, indem jede Tätigkeit, jeder Aspekt permanent, der da niedergelegt werden muss, also mehr eine Situation des derzeitigen Misstrauens als eine Kultur des Vertrauens. Aber da hat die Bundesregierung, denke ich, mit dem Projekt Entbürokratisierung richtige Schritte dann eingeleitet. Jetzt gilt es nur, sie bundesweit auch umzusetzen.

Stucke: Also wir brauchen, wenn ich das zusammenfasse, mehr Geld, weniger Bürokratie, mehr Fachkräfte. Dann wünschen Sie sich natürlich auch, dass Ihr Berufsbild ein besseres wird, dass viele junge Menschen Lust haben auf diesen Pflegeberuf, damit diese Stellen, die man braucht, gefüllt werden. Glauben Sie, das ist alles in den nächsten Jahren möglich, oder ist das eine Aufgabe, mit der wir noch die nächsten 10, 20 Jahre beschäftigt sind?

Westerfellhaus: Ehrlicherweise muss man sagen: Wir hätten es schon längst erledigen müssen, diese Arbeit. Leider Gottes haben wir auch Zeiten erlebt, in denen diese Notwendigkeiten des Bearbeitens ignoriert worden sind. Wenn es erkannt ist und wenn der Wille besteht in der Politik, das zu tun, kann man gemeinsam mit der Ressource aus der Profession der Pflegenden selber dieses sehr schnell in Einzelschritten angehen, das heißt, die kurzfristigen Ziele umzusetzen, die mittelfristigen sofort auch anzupacken und die langfristigen nicht aus dem Auge zu verlieren.

Stucke: Das heißt aber, die Schritte, die jetzt gemacht werden, sind auch richtig, sie jetzt zu tun – also erst mal mehr Geld und zweite Punkt ist, auszuprobieren, ob man die ganze Pflegebeurteilung, also die Pflegegrade umbaut, damit mehr Menschen in das Recht auf Pflege kommen?

Menschen, die dem Beruf den Rücken kehren

Westerfellhaus: Das ist schon richtig, nur, wie gesagt, wenn man nur die Pflegeleistung anschaut, also was bekommt der Patient mehr, wie wird das finanziert, aber nicht gleichzeitig, wer wird diese Leistungen erbringen – wir stehen vor einer riesigen Fachkräftemangel-Situation. Also wir brauchen jetzt sofort eine bessere Ausstattung an Personal. Die Menschen sind ja da, die diese Leistungen erbringen wollen. Wir haben viele Menschen ja dann verloren oder die tagtäglich dem Beruf den Rücken kehren, weil sie einfach nicht mehr können. Wir brauchen Ausbildung, die kostenlos ist, die flächendeckend angeboten wird, die genügend finanziert wird. Es kann nicht sein, dass in einigen Ländern immer noch Schulgeld bezahlt wird für Pflegeausbildung –, also (…)* Ausbildung, Finanzierung auch für eine qualifizierte Ausbildung. Das kann man alles sofort machen. Ein neues Berufsgesetz Pflege – das geht sofort. Das Eckpunktepapier aus der letzten Legislaturperiode liegt vor. Jetzt brauchen wir schnell diesen Referentenentwurf in diesem Jahr. Herr Gröhe hat es angekündigt.

Stucke: Dann ist aber die Frage: Wenn das alles sofort geht, warum passiert es nicht sofort?

Westerfellhaus: Das ist eine gute Frage. Nun mag ich nicht prognostizieren, ob nicht auch hinter den Kulissen zumindest am Referentenentwurf gearbeitet wird. Die Zeichen dafür stehen positiv, das weiß ich. Wir haben jetzt mit einer neuen Bundesregierung eine neue Chance. Herr Gröhe als Bundesgesundheitsminister und ich, wir haben uns in die Hand versprochen: Jedes Jahr wird Resümee gezogen auf dem Weg, auf dem wir in den nächsten vier Jahren gehen wollen. Also wir müssen uns alle gemeinsam an unserer Leistung messen lassen. Es gibt keine Alternativen. Also los geht's! Und wir werden als Vertreter der Pflegenden selber hier keinen Tag Ruhe geben, bis nicht erkennbare Ergebnisse erreicht sind.

Stucke: … das sagt Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats. Ich danke Ihnen fürs Gespräch, Herr Westerfellhaus!

Westerfellhaus: Sehr gerne, Herr Stucke!

*) Schwer verständlich im Hörprotokoll

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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