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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.04.2018

"Antwort 2018" gegen "Erklärung 2018"Der Kampf der Listen spaltet das Land

Von Arno Orzessek

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Der Stift als Waffe im Kampf um eine bessere Zukunft: Werbeplakat für den Füllfederhalter "Ideal" der Firma Waterman aus dem Jahr 1919 (imago)
Der Stift als Waffe im Kampf um eine bessere Zukunft: Werbeplakat für den Füllfederhalter "Ideal" der Firma Waterman aus dem Jahr 1919 (imago)

Unterzeichnen Sie jetzt! Aber wo? Deutschland werde durch illegale Masseneinwanderung beschädigt, heißt es in der "Erklärung 2018". Doch die "Antwort 2018" kontert, dass die Menschenrechte an keiner Grenze endeten. Arno Orzessek hält beide Initiativen für unterkomplex.

Falls Sie bislang weder hier noch dort unterzeichnet haben, dann sollten wir jetzt mal überlegen, welche der beiden Erklärungen eigentlich Ihre Zustimmung verdient.

Nehmen wir zunächst die "Erklärung 2018", zu deren Erst-Unterzeichnern Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin, Vera Lengsfeld und Uwe Tellkamp gehören.

Die Aktion begann als reines Eliten-Projekt. Unterzeichnen sollten Publizisten, Künstler, Wissenschaftler und sonstige Akademiker. Kaum aber hatten das, und zwar ratzfatz, genau 2018 getan, wurde die Liste für jedermann geöffnet und sogleich gestürmt – bis heute von mehr als 100.000 Menschen.

Wenn Sie da mittun wollen, dann liegen Sie also im Trend, der – vorsichtig gesagt – nicht nach links tendiert.

Und Sie müssen damit rechnen, dass sich Götz Kubitschek die Hände reibt. Der rechte Publizist hatte kürzlich eine "Bekenntnislust" zu AfD, Pegida und deren Inhalten prophezeit.

Jetzt sagen Sie vielleicht: "Moment mal, in der Erklärung ist von Pegida oder so doch gar keine Rede."

Das stimmt! Aber der zweite Satz lautet nun einmal: "Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird."

Und wenn man sich fragt, wer da demonstriert, kommt man an Pegida kaum vorbei.

Im übrigen, so unser persönlicher Eindruck, ist es feige, sich selbst hinter Demonstranten zu verstecken, nach dem Motto: "Wir sind für die, die das Volk sind."

Aber vielleicht gefällt Ihnen ja der erste Satz der Erklärung, in dem es heißt, Deutschland werde durch "illegale Masseneinwanderung beschädigt".

Keine Frage, das 'illegal' ist polemisch und überwiegend unzutreffend – aber nicht immer. Ob wiederum 186.644 Asylsuchende im letzten Jahr als "Masse" zu bezeichnen sind oder nicht, unterliegt keiner gesetzlichen Regelung.

Nein, die Kernfrage lautet: Glauben Sie, dass Deutschland durch Einwanderung beschädigt wird?

Wenn ja – dann werden wohl auch Sie eine Unterzeichnung in Erwägung ziehen und die erwähnten, eher hässlichen Nebeneffekte inklusive anschwellender Fremdenfeindlichkeit in Kauf nehmen.

Das kann Ihnen niemand verwehren. Aber überlegen Sie doch noch mal!

Phrasenhaft und politisch naiv

Tja! Und jetzt die schlechte Botschaft: Die konkurrierende Erklärung "Unsere Antwort für Demokratie und Menschenrechte", kurz "Antwort 2018" hat ebenfalls starke Schwächen.

Vor allem ist sie phrasenhaft und politisch naiv.

Es heißt darin: "Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen." Je nachdem, was man genau unter "solidarisieren" versteht, könnte das heißen: Wir wollen ein ewiges 2015, Willkommenskultur ohne Limit.

Wenn Sie das für wünschenswert halten und sicher sind, dass uns dann, pardon, der Laden nicht alsbald um die Ohren fliegt, dann sollten Sie unterzeichnen.

Auf jeden Fall bekommen Sie etwas für ihre Unterzeichnung, nämlich die Lizenz, sich moralisch tipptopp zu fühlen.

Außerdem können Sie den ersten Satz der "Antwort 2018" - "Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt" - prima als rhetorischen Joker einsetzen, der immer sticht!

Oder finden Sie das etwa obskur? … Dass man sich jetzt in Deutschland hinter unterkomplexen Zwei-Satz-Erklärungen versammelt und auf Listen setzen lässt, die das Land ostentativ in Lager spalten.

Nun, wir wollten es Ihnen nicht gleich verraten – aber unser Tipp lautet: Pfeifen Sie auf einen Listenplatz, ob hier oder dort. Bewahren Sie sich lieber das Vermögen, differenziert zu urteilen.

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