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Sein und Streit | Beitrag vom 20.10.2019

Antje Schrupps Essay „Schwangerwerdenkönnen“„Selbstbestimmung muss auch für Schwangere gelten“

Moderation: Simone Miller

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Eine schwangere Frau liegt auf dem Boden in einem grünen Kleid. (Eyeem/ Taki Kadr)
Sobald die Schwangerschaft sichtbar wird, gehen die Diskussionen los. (Eyeem/ Taki Kadr)

Schwanger oder nicht? Das ist im Zweifel schnell geklärt. Aber dann werde es politisch, schreibt die Publizistin Antje Schrupp: Nach der Ära der „Ernährer-Ehe“ seien Schwangere mit heiklen Fragen konfrontiert, über die wir viel zu wenig reden.

Schwangerschaft gilt als eine der natürlichsten Sachen der Welt. Aber diese Vorstellung verdecke eine ganze Reihe von Fragen, Konflikten und Entscheidungen, die hochpolitisch seien, sagt Antje Schrupp. Wir haben mit ihr auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen.

Darf die Gesellschaft in den Körper hinein regieren?

In ihrem Essay "Schwangerwerdenkönnen" spricht sich die Politikwissenschaftlerin besonders nachdrücklich dafür aus, "dass das Recht über den eigenen Körper selbst zu bestimmen, auch für Schwangere gilt". Eine Gesellschaft, die sich zu Freiheit und Selbstbestimmung bekenne, dürfe nicht mit der Begründung "Embryonen sind bereits menschliche Wesen mit eigenen Rechten" in die Körper von Schwangeren "hineinregieren":

"Man kann einen Embryo nicht losgelöst vom Körper der Schwangeren betrachten, von dem er ein Teil ist. Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung schwangerer Menschen endet dann, wenn das biologische Verhältnis zwischen einer Schwangeren und ihrem Kind in ein gesellschaftliches Verhältnis übergegangen ist. Rein biologisch könnte man argumentieren, dass das in dem Moment geschieht, wo die Nabelschnur durchtrennt wird."

Grenzen der menschlichen Autonomie

Schrupp spricht überwiegend von "schwangeren Menschen", nicht nur von "Frauen". Einerseits möchte sie Geschlechtsidentität getrennt von der Biologie diskutieren – so betrachtet, können nicht nur Frauen, sondern auch Transmänner schwanger werden. Andererseits deutet sie "Schwangerwerdenkönnen" auf diese Weise nicht als Attribut von Weiblichkeit, sondern als einen wesentlichen Aspekt der Natur des Menschen.

Porträt der Autorin Antje Schrupp. (Laurent Burst)"Schwanger werden ist im Kapitalismus nicht vorgesehen": Antje Schrupp (Laurent Burst)

"Schwanger werden zu können steht für Körperlichkeit, für Angewiesensein auf andere", schreibt Antje Schrupp. "Es führt uns vor Augen, dass die menschliche Autonomie Grenzen hat." Darin liege auch eine philosophische Herausforderung: "Schwangerschaften sind ein Stachel im Fleisch unserer gleichgestellten Gesellschaft", stellt die Autorin fest. "Es können nicht alle Menschen schwanger werden, sondern nur etwa die Hälfte, weshalb sich das Schwangerwerden nicht ‚gerecht‘ untereinander aufteilen lässt wie etwa das Einkaufen oder das Badputzen."

Schwangerschaft ist nicht nur Frauensache

Aus dieser Ungleichheit ergibt sich für Schrupp ein gesellschaftlicher Aushandlungsbedarf. "Der biologische Unterschied ist real, aber was für Auswirkungen er hat, entscheidet sich auch daran, wie wir das Schwangerwerdenkönnen sozial organisieren." In öffentlichen Debatten würden moralische, politische und juristische Fragen, die sich daran knüpfen, jedoch oft als "spezielle Frauen- und Feminismusthemen" abgetan. Auf diese Weise gerieten Themen von allgemeinem Interesse an den Rand und würden von der Politik nicht angepackt.

Dabei dränge sich die "Politikbedürftigkeit des Schwangerwerdenkönnens" geradezu auf. "Noch immer bedeuten Schwangerschaften erhebliche Karrierenachteile, Einkommensverluste sowie Konflikte in Paarbeziehungen", betont Schrupp. Nachdem die traditionelle "Ernährerfamilie" ihre vorherrschende Rolle als Lebensmodell verloren habe, stelle sich heraus: "Schwanger werden ist im Kapitalismus eigentlich gar nicht vorgesehen."

(fka)

Antje Schrupp: "Schwangerwerdenkönnen"
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2019
192 Seiten, 17 Euro

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