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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 28.02.2014

AntisemitismusMärz 1968 in Polen

Unruhen mit gravierenden Folgen für die dort lebenden Juden

Von Margarete Wohlan

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Blick von der Elisabethenkirche auf den mittelalterlichen Marktplatz in Wroclaw (ehemals Breslau) in Polen,  (picture-alliance / dpa)
Blick auf den mittelalterlichen Marktplatz in Wroclaw (ehemals Breslau), wo Szymon Fish 1968 lebte. (picture-alliance / dpa)

Wie lebten die Juden in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg? Das Land hat sich zuletzt intensiv mit der Aufarbeitung dieser Frage beschäftigt. Die Thematisierung der antisemitischen Hetzjagd im März 1968 gehört dazu, denn sie markierte einen bedeutenden Einschnitt.

Szymon Fish kann sich an das Jahr 1968 noch gut erinnern. Er war damals 23 Jahre alt, lebte in Wroclaw, war verheiratet, seine Frau Alfreda sollte im März ihr erstes Kind bekommen:

"Ich studierte an der Technischen Hochschule Elektronik und habe im Büro der Schule während der freien Zeit gearbeitet. Im März 1968 – als die Unruhen auf dem Höhepunkt waren – holte mich die Milicja aufs Revier. Sie fragten mich, was ich mit dem Ganzen zu tun habe – nichts, habe ich gesagt. Ich las zwar alles darüber, und half auch dabei, die Handzettel zu vervielfältigen. Ich hatte aber mit dem, was man uns Juden vorwarf, nichts zu tun! Und da sagten sie zu mir: Wir stecken Sie zwei Jahre in die Armee und da werden Sie schon geheilt! So kam ich zur Armee."

Bis dahin hatte Szymon Fish in Polen ein normales Leben geführt. Er war kein praktizierender Jude, aber – wie er sagt – ein kultureller Jude. Und diese waren im TSKZ organisiert – dem Gesellschaftlich-kulturellen Verband der Juden in Polen. Eine Organisation, die den Alltag der polnischen Juden prägte: Durch jüdische Kindergärten, Schulen, Ferienlager und genossenschaftliche Unternehmen wie Schneidereien, Druckereien und Bäckereien, wo Juden Arbeit fanden.

Jüdisches Museum im Aufbau

Das jüdische Museum in Warschau. Kamila Dabrowska ist Anthropologin und arbeitet mit am Aufbau des Museums, das im Mai 2014 eröffnet werden soll. "Tausend Jahre jüdisches Leben in Polen" sollen dargestellt werden – das letzte Kapitel ist dem sozialistischen Polen gewidmet.

Bis 1968, so Kamila Dabrowska, gab es in Polen eine jüdische Community, die für ihre Mitglieder sorgte:

"Ein jüdisches Kind konnte zuerst in einen jüdischen Kindergarten gehen, dann in eine jüdische Schule bis hin zum Gymnasium – und verbrachte so seine Kindheit und Jugend im jüdischen Umfeld. Das und die Ferienlager haben bei den Menschen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit geschaffen."

Und das, obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen immer wieder antisemitische Hetzen gab. Die erste Ausreisewelle polnischer Juden begann mit dem Pogrom in Kielce schon 1946 – es gilt bis heute für die Juden als Symbol des aggressiven polnischen Nachkriegsantisemitismus. Von den 240.000 registrierten Juden verließen damals rund 100.000 Juden das Land. Die letzte Ausreisewelle wurde 1967 durch den Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten ausgelöst. Die Sowjetunion reagierte darauf, indem sie die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbrach – und mit ihr der gesamte Ostblock, auch Polen.

Die polnischen Juden standen plötzlich unter Generalverdacht – als Zionisten, die illoyal zu Polen seien, erinnert sich Szymon Fish:

"Was um uns geschah, schockierte mich sehr. Unsere Freunde wurden in den Zeitungen als Spione bezeichnet, als die schlimmsten Elemente!"

Kamila Dabrowska, die mit vielen polnischen Juden über die Geschehnisse damals sprach, ergänzt:

"Da war auch wieder ein Gefühl der Gefahr, nach dem Motto: ich verliere meine ökonomische Existenz, und damit die Zukunft, an die ich geglaubt habe. Ich habe kein normales Leben mehr – aber vor allem: ich bin kein polnischer  Staatsbürger mehr, sondern ihr Feind. Und wenn ich ihr Feind bin, kann ich auch angegriffen werden."

Kommunist aus Überzeugung

Szymon Fish war 1968 in Polen und überzeugter Kommunist. Seine Eltern überlebten den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion, kamen 1946 zurück nach Polen und ließen sich in der Nähe von Wroclaw nieder.

Szymon Fish hat hier das Abitur absolviert, sein Studium begonnen, die Jugend verbracht und seine Familie gegründet. Polen war seine Heimat:

"Es hat lange gedauert, bis ich mir eingestand: Das ist nicht mein Land. 1968, als ich zur Armee kam, war ich noch nicht so weit – ich hätte nach Israel ausreisen können und nicht zur Armee gehen müssen – aber ich habe gezögert. Immerhin ist es ein Land, das etwas für mich getan hat, und ich habe Pflichten ihm gegenüber. Aber es wurde immer schlimmer."

Bis 1970 war er in der Armee. Seine Frau Alfreda blieb in dieser Zeit allein mit dem Sohn, der im März 1968 zur Welt kam:

"Ich bin damals zwar nicht verhungert, aber das wundert mich bis heute. Das war eine große Tragödie. Es gab hier keine Bekannten mehr, alle waren ausgereist, und zu denen, die blieben, hatte ich kein Vertrauen! Nicht jüdische Freunde, die weiterhin Kontakt zu uns hielten, mussten heimlich kommen – das konnte doch nicht gut sein!"

Justyna Koszarska-Schulz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im jüdischen Museum in Warschau. Sie hat die Zeitzeugenberichte studiert – und bestätigt die Atmosphäre von Furcht und Beklemmung, die damals herrschte:

"Man hat sie offiziell nicht gezwungen auszureisen. Aber die Regierung hat für sie eine unhaltbare Situation geschaffen, sodass die Entscheidung auszureisen die einzig mögliche war. Man hat ihnen den Job gekündigt, sie privat schikaniert. Immer öfter hat man an ihre Wohnungstüren Beleidigungen geschmiert, Studenten, die ihre Abschlüsse machen wollten, wurden von der Kommission nicht zugelassen. Die Situation war unerträglich, und so entschied sich die Mehrheit, auszureisen."

Alfreda Fish: "Wir konnten zunächst nicht ausreisen, denn als mein Mann 1970 aus der Armee zurückkam, haben sie es uns nicht erlaubt. Es war klar: Zwei Jahre geht nichts, denn er war in der Armee gewesen und kannte Staatsgeheimnisse. Also haben wir die zwei Jahre abgewartet und stellten dann einen Antrag. Es gab jedoch vorerst nur Absagen."

Ausreise nach Dänemark

Aber dann gelang es doch! Erst reiste Alfreda Fish aus, kurz darauf ihr Mann mit den beiden Kindern, denn während des Wartens wurde ihr zweiter Sohn geboren. Seit Dezember 1973 leben sie in Dänemark.

Alfreda Fish: "Ich glaube, es ist uns gelungen. Wir haben noch einen Sohn bekommen, haben sieben Enkel, die Kinder haben eine gute Ausbildung, die Enkel haben auch gute Noten. Der Jüngste ist anderthalb und der Älteste 23 Jahre alt!"

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