Die Entwurzelten

Judenfamilie im polnischen Jedrzejow, um 1900 © picture alliance / IMAGNO/Austrian Archives
Von Marta Kupiec · 28.06.2013
Vor der nationalsozialistischen Besatzung lebten etwa 3,3 Millionen Juden in Polen. Nur 380.000 von ihnen überlebten den Holcaust. Nach der politischen Wende 1989 entstanden vor allem in Großstädten wieder neue jüdische Gemeinschaften. In Krakau hilft der Verein "Czulent" jungen Juden bei der Entdeckung der eigenen Identität.
Der Krakauer Stadtteil Kazimierz: Touristen schlendern durch die schmalen Gassen, mit unzähligen Kneipen und Kunstgalerien. Acht Synagogen liegen auf ihrer Route und mehrere Restaurants, die jüdische Küche anbieten. 1939 lebten hier sechzigtausend Juden, geblieben sind gerade mal 150. In Kazimierz treffe ich Klaudia Klimek. Sie hat einen jüdischen Vater. Mit 13 hat sie ihre Wurzeln entdeckt, trägt ab und zu einen David-Stern, doch als gläubig bezeichnet sich die 24-jährige Soziologin nicht. Vor einem Jahr hat die junge Krakauerin ihre eigene Stiftung "Journalism" gegründet - ein Projekt, das zum Umdenken anregen soll.

Klimek: "Wir wollen Reporter vernetzen, Blogger, die schreiben oder Kurzfilme über die jüdische Community drehen. Unsere Mitglieder leben in Österreich, Ungarn, Italien, Deutschland und in Bulgarien. Sie sind Botschafter der jüdischen Community vor Ort. Ihre Arbeiten werden ins Englische übersetzt, in die USA und nach Israel geschickt. Mit einem Ziel: die dortige Wahrnehmung des jüdischen Europas zu verändern."

Nach wie vor gilt Polen als ein Land, in dem Antisemitismus herrscht. Viele junge Israeli verbinden das Land ihrer Großväter nur mit dem Holocaust. Das ist ein falsches Bild, sagt Klaudia Klimek:

"Der Antisemitismus in Polen ist nicht größer als in anderen Ländern. Jetzt hat er mehr damit zu tun, wie die alten Polen die Juden sehen, welche Witze man über sie erzählt. In Frankreich gab es körperliche Attacken auf Juden, man denke nur an das Attentat in Toulouse. In Polen hatten wir keine Vorfälle dieser Art. Der Sitz des Jüdischen Gemeindezentrums wird nicht bewacht, auch nicht die Synagogen. Das sagt schon was."

Und das hat vermutlich auch damit zu tun, sagt die junge Jüdin, dass es in Polen keine arabische Community gibt, so wie sie in Frankreich oder anderen europäischen Ländern existiert. Ihre Heimatstadt Krakau sei sehr judenfreundlich, doch auch hier haben die jungen Juden ihre Probleme

Klimek: "Wir alle kennen uns gegenseitig. In allen Organisationen trifft man fast dieselben Leute. In Westeuropa, wo es jüdische Schulen gibt, werden sowohl die Geschichte, Kultur als auch die Sprache unterrichtet. Das alles müssen sich junge polnische Juden erst mühsam erkämpfen. Wir müssen nach entsprechenden Büchern suchen oder den Rabbiner bitten, einen Vortrag zu halten. In Krakau gibt es erst seit Kurzem Sprachkurse."

Wie mühsam es sein kann, sich das Judentum auf eigne Faust anzueignen, das hat Piotr Kwapisiewicz, 34 Jahre alt, schon oft erlebt. Von der Herkunft seines Vaters hat er erst erfahren als dieser tot war. Auch die Mutter hüllte sich in Schweigen, obwohl bei ihr zu Hause jiddisch gesprochen wurde.

Kwapisiewicz: "Meine Mutter wollte nicht darüber sprechen, eher schon ihre Schwester. Also meine beiden Elternteile sind Juden, aber zu Hause hat keiner den Glauben gelebt. Meiner Mutter lag jedoch daran, die jüdische Kultur zu pflegen. Wenn wir in Polen oder im Ausland waren, haben wir als erstes das jüdische Viertel oder den jüdischen Friedhof besucht. Aber meine eigene Identität, die verdanke ich mir selbst."

Warum bei Kwapisiewiczs so lange geschwiegen wurde, dafür gibt es mehrere Gründe. Nach dem Holocaust glaubten besonders ältere Juden, die Geschichte könnte sich wiederholen. Sie hatten Recht: Im Polen der Nachkriegszeit kam es zu mehreren Pogromen. Auch der kommunistische Staatsapparat übte Druck aus, um die jüdischen Überlebenden zum Auswandern zu zwingen.

Die letzte und die größte Auswanderungswelle war im Jahr 1968. Geblieben sind nur noch wenige Familien, die ihre Religion und Kultur entweder gar nicht mehr oder nur im Privaten ausgelebt haben. Piotrs Familie gilt als Beispiel für diese Entwurzelung. Doch in der mittlerweile zweiten Nachkriegsgeneration der polnischen Juden zeigt sich ein großer Wandel.

Gemeinsame Suche
Vor acht Jahren wurde in Krakau ein Verein namens "Czulent" gegründet. Eine bunte Mischung von Leuten, genauso wie die beliebte Shabbat-Speise "Czulent" aus Fleisch und Bohnen. Der Verein setzte sich zum Ziel, seine Mitglieder bei der Suche nach der eigenen Herkunft zu unterstützen. Dazu wurden polnische und internationale Archive durchforstet. Piotr Kwapisiewcz war von Anfang an dabei.

"Dank dieser Recherche konnte ich die Identität meiner Mutter bestätigen. An sich suchte ich Informationen über meinen Vater, aber nebenbei tippte ich die Daten meiner Mutter ein. Beim Durchforsten des Bildbestandes aus dem gemeinsamen Projekt von google und Yad Vashem entdeckte ich das Foto meines Großvaters aus der Vorkriegszeit. Dort fand ich eine Notiz bezüglich seiner Parteizugehörigkeit. Er sei schuldig, weil er den Mitgliedsbeitrag nicht bezahlt hat. Das ist unglaublich."

Über den Verein hat Anna Makowka, Piotrs Ehefrau und Vorsitzende von "Czulent", Verwandte in den USA entdeckt. Was Czulent schafft, sei revolutionär, sagt die 31-jährige Historikerin

Makowka: "Die älteren Gemeindemitglieder in Krakau dachten sicherlich, dass sie die letzten Juden seien. Als ich in Pommern lebte, dachte ich genauso. Doch die Kultur und Tradition lebt irgendwie weiter. Die Menschen kommen zu uns und zeigen ihr Interesse. Bei "Czulent" gibt es sowohl Zionisten als auch Menschen, die politisch eher linksorientiert sind, religiöse Personen und einige, die davon nichts halten."

Das Interesse an der Vergangenheit brachte Anna Makowka dazu, Judaistik zu studieren. Sie lernte jiddisch, hebräisch und versucht es, ihrer 4-jährigen Tochter Nina beizubringen. Auch bei "Czulent" ist nach acht Jahren Bildungsarbeit angesagt. In den Vereinsräumen finden vermehrt Sprachkurse und Freizeitangebote für Kinder statt.

Makowka: "Wir ändern uns, der Verein ändert sich. Wir haben eine Tochter bekommen und suchten nach Büchern, um ihr die Kultur und die Tradition beizubringen. Da wir nicht nur englische Bücher benutzen wollten, gaben wir ein polnisch-hebräisches Buch heraus. Jüdische Kinder haben es zum Hannuka-Fest bekommen. Wir machen Projekttage für Kinder, organisieren literarische Abende. Bei uns gibt es auch einen jüdischen Filmklub. Besonders an Feiertagen organisieren wir gemeinsame Freizeitangebote, Fahrten und Feiern für ältere Gemeindemitglieder. Das dient der Integration."

Auch die koschere Küche muss bei "Czulent" Mitgliedern mühsam erlernt werden. Oft ist es die Frau des Rabbiners, die das nötige Wissen vermittelt. Kwapisiewiczs kochen aber am liebsten Italienisch, mit einigen wenigen Ausnahmen . Oft ist es die 4-jährige Nina, die sich das geflochtene Schabbat-Brot, die Chala wünscht und ihre Eltern zum Backen auffordert. Ähnlich sieht es mit dem Beten aus, obwohl sie weiß, dass nur der Vater religiös ist

Makowka: "Wir gehen zusammen in die Synagoge. Wir wollen ihr die Tradition und die Kultur zeigen. Sie soll aber selbst die Wahl treffen. Wir sind die letzte Generation, die das Trauma übernommen hat. Aber an unserer Tochter sehen wir, dass ein Jude zu sein, keine Stigmatisierung bedeuten muss. Für sie ist alles normal. Sie geht in die Sonntagsschule und weiß genau, dass ihr Schulfreund es nicht macht, weil er kein Jude ist. Bei ihr ist das ganz natürlich."
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