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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 17.07.2020

Antisemitismus in der BotanikWie mit Pflanzennamen diskriminiert wird

Von Peter Kaiser

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Aufgeschnittene Zitronenhälften liegen auf pinkem Untergrund. (Unsplash / Estudio Bloom)
Zitronen waren mal als 'Judenöpfel' bekannt. (Unsplash / Estudio Bloom)

Derzeit werden viele diskriminierende Namen überdacht. Zum Glück, denn Namen wie die „Judenkirsche“ für Hagebutte oder „Judenöpfel“ für Zitrone waren einst geläufig. Viele Pflanzen trugen früher antisemitische Beinamen oder waren darunter bekannt.

Einst wurde die Zitrone "Judenöpfel" genannt. Das lässt den Antisemitismus wieder aufkommen, der in der Botanik herrscht, oder geherrscht hat. Denn auch die Gemeine Schafgarbe war als "Judenkraut" bekannt, die gern als Aufguss getrunkene Hagebutte wurde als "Judenkirsche" bezeichnet.

Besonders im 19. Jahrhundert seien antisemitische Beinamen in der Botanik gang und gäbe gewesen, sagt Tanja Petersen.

"Wir sind hier in der Blumenthal-Akademie des Jüdischen Museums in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle, im Garten der Diaspora."

Petersen war bis vor einiger Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im Jüdischen Museum Berlin. Jetzt steht sie vor vier Plateaus mit zehn Metern Länge. Darauf stehen Pflanzenkübel.

Auf stigmatisierende Beinamen achten

"Hier haben wir zum Beispiel Pflanzen, die zu den sieben Arten Israels gehören. Feige, Granatapfelbaum. Oder Sie sehen dort, der ganze Stolz der Gartenlandschaftsarchitekten: eine Zitrone, die dort vom Ast baumelt, als sei sie angeklebt. Es gibt aber auch ein Plateau, was sich dem Umstand der Natur widmet. Also Pflanzen, die hier überall aus der ganzen Welt eingewandert sind. Das wäre also eher botanisch betrachtet das Kapitel Diaspora, Ausbreitungsbiologie."

Interessanter wird es aber bei Pflanzennamen, die Beinamen bekommen. Im Englischen oder Deutschsprachigen oft Topoi, die darauf zurückgreifen. Deshalb die Frage: Können sich auch Antisemitismen in Pflanzenbeschreibungen und Namen ausdrücken? Wir können mal nach vorn gehen, dort gibt es zwei Beispiele:  

"Wir haben hier auf dem vorderen Podest eine kleine Anzahl von Pflanzen, die mit den bewussten Beinamen tatsächlich auch bis heute zum Teil geläufig sind. Und zwar haben wir hier das sogenannte Zebrakraut, das gibt es als Zimmerpflanze in verschiedenen Varianten, und bis heute ist der englische Beiname 'The wandering Jew'. Also der wandernde Jude von einem Ort zum anderen, aber das ist nicht Gedanke des diasporischen Judentums. Man muss da ausdifferenzieren."

Unklare Ursprünge

Dann dreht sich die Mitarbeiterin und greift zu einer Frucht, die mit einer Papierhülle umwickelt ist.

"Sie wird zum Teil als Lampionfrucht bezeichnet oder eben Physalis, wie man sie auch im Obstgeschäft oder im Supermarkt kaufen kann. Die Physalis trug lange Zeit den Namen 'Judenbeere'. Wie auch viele andere Pflanze. Es lässt sich nicht ganz genau sagen, ob das nicht das Erscheinungsbild eines vermeintlichen Hutes ist, wie Juden ihn als Stigma im Mittelalter bekamen, oder ob es der Effekt einer sogenannten Scheinfrucht ist, außen sieht es viel größer aus und voluminöser, wenn man es aufmacht, ist die Beere klein. Das wären Hinweise darauf, wie dieser Namen zustande kam."

Die Liste der antisemitischen Beinamen allein im Deutschen ist lang. Dazu kommen noch die Beinamen in anderen Sprachen wie etwa dem Englischen und Französischen.

Doch die Beinamen umfassen nicht nur die botanische Welt, sondern nahezu alle Bereiche des menschlichen Lebens. Der "Judaskuss" etwa oder die ostindische Flussschnecke, die "Judasohr" genannt wird.

Heute sieht es anders aus

Da es bald einen jüdischen Garten in den Gärten der Welt in Berlin-Marzahn geben wird, wäre die Ausmerzung dieser herabsetzenden antisemitischen Beinamen sicherlich eine feine Aufgabe. Die Besucher im schönen Kladower Garten des jüdischen Bankiers Max Fränkel würden sich sicherlich erfreuen. Zumal der Garten nur ein schöner Garten ist, ohne religiöses Accessoire.

"Dieser Garten steht eigentlich für die Gartenkultur hier in Deutschland. Der Landhausgarten steht auf der Grenze der Gartenkultur. Es ist der formale, repräsentative Garten. Es war zwar Max Fränkel, der jüdische Bankier, der diesen Garten hier finanziert und hat bauen lassen, aber ob er da speziell etwas Religiöses dabei gedacht hatte, das glaube ich eher nicht."

Petra Derksen ist Landschaftsarchitektin und Betreiberin des Fränkel-Gartens in Berlin-Kladow. Hier, im sogenannten "Gartenjuwel an der Berliner Havel", wächst nahezu alles, was einen "jüdischen Garten" mit seinen speziellen Arrangements ausmacht, und zwar ohne antisemitische Beinamen und Anspielungen.    

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