Antikriegslied

„Sag mir, wo die Blumen sind“ hat Wurzeln in der Ukraine

07:09 Minuten
Junge ukrainische Frauen sitzen in traditioneller weißer und bunt gemusterter Kleidung auf einer Bank im Schatten und singen.
Das Lied "Sag mir, wo die Blumen sind" ist eigentlich kosakischer Herkunft. In der Ukraine gab es eine Rückkehr dieser Tradition, wie dieses rund zehn Jahre alte Foto zeigt. © picture alliance / JOKER / Martin Fejer
Von Olga Hochweis · 16.03.2022
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Marlene Dietrich machte die deutsche Version von „Where Have All The Flowers Gone“ 1962 berühmt. Kaum bekannt ist, dass das Lied auf ukrainische Musik zurückgeht, aber auch auf russische. Letztlich passt der Song nicht in nationale Schubladen.
Seit rund drei Wochen wütet inzwischen der Krieg in der Ukraine. Jeden Tag erreichen uns neue Meldungen von Angriffen, von Todesfällen, von Zerstörung und von geflüchteten Menschen. In diesen Zeiten haben Antikriegslieder Konjunktur. Eines wurde im Jahr 1962 weltbekannt, kurz vor der Kuba-Krise:

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Marlene Dietrich sang „Sag mir, wo die Blumen sind“ – die deutsche Version von „Where Have All The Flowers Gone“ des US-amerikanischen Songwriters Peter Seeger. Nur wenige wissen wohl, dass zentrale Passagen aus diesem Song einem ukrainischen Volkslied entstammen.

Vorbild: Das Wiegenlied im Roman "Stiller Don"

Seeger kam über den Umweg der Literatur zu diesem Volkslied. Er hatte Sympathien für sozialistische und kommunistische Ideen. In den 1950er-Jahren las er den sowjetischen Roman „Der stille Don“. Dieses Buch erzählt vom Ersten Weltkrieg, vor allem aber vom Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution. Es ist ein Mammutwerk mit 2.000 Seiten.
Der Held ist ein Donkosake, der auf beiden Seiten kämpft, ein scheiternder Held. Der Autor Michail Scholochow erhielt dafür übrigens 1965 den Literatur-Nobelpreis, obwohl es bereits damals Plagiatsvorwürfe gab, er könne so ein Werk gar nicht geschrieben haben. Das ist aber eine andere Geschichte.
Entscheidend für Pete Seegers zukünftigen berühmten Song war eine Szene im Roman, als eine weibliche Figur ein Wiegenlied für ein Kind singt. Diese Zeilen haben Pete Seeger beeindruckt, und er hat sie sich notiert. Das waren die die berühmten Worte, die den Kern seines Lieds bilden:

Und wo sind die Gänse? Sie liefen ins Schilf. Und wo ist das Schilf hin? Von Mädchen gemäht. Und wo sind die Mädchen? Verheiratet längst. Und wo die Kosaken? Sind fort in den Krieg.

Aus dem Roman "Stiller Don" von Michail Scholochow

Ein einfaches Kettenlied, bei dem die letzte Zeile der Strophe beziehungsweise die Hauptfigur immer wieder aufgegriffen und inhaltlich weitergetragen wird. Genau das hat Pete Seeger später in seinen Songtext übernommen – mit dem Folkloreforscher und Sänger Joe Hickerson, der ein paar Jahre später, 1960, weitere Zeilen hinzugefügt hat.

Lied zum Zerkleinern von Mohn

Der Legende nach hat Pete Seeger seinen Song während eines Flugs nach Ohio geschrieben, als er ein paar seiner alten Notizhefte durchsah, auf diese Worte stieß und dann noch im Flugzeug eben diesen Song geschrieben haben soll. Zunächst auf eine Melodie des amerikanischen Folksongs „Drill Ye Tarriers Drill“.
Erst später fand Pete Steeger das im Roman „Stiller Don“ erwähnte Lied zu diesem Text – im Kern sind es sogar zwei Lieder. Das erste ist ein einfaches, rhythmisches Lied aus der Ukraine, das zur Begleitung beim Arbeiten auf dem Land diente, genauer gesagt: beim Zerkleinern von Mohn. So heißt das Lied auch auf Deutsch: "Ich mahle Mohn."

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Im Video sitzen ein paar Bäuerinnen im Kreis und singen dieses Lied a cappella, mit den entsprechenden Handbewegungen. Da kommen die Blumen ins Spiel, die die Mädchen gepflückt haben. In den letzten Zeilen heißt es: Sie heiraten, die Männer gehen fort und kommen nicht mehr wieder.

Kosaken in Südrussland und der Ukraine

Das zweite Lied ist textlich eng verwandt und Pete Seeger erwähnt es als seine Quelle. „Kaloda Duda“ ist ein Wiegenlied der Kosaken.

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Dass es dieses Lied auf Russisch gibt, hängt mit den Kosaken zusammen. Das waren so etwas wie Rebellen, freie Krieger – so auch die etymologische Bedeutung des Wortes. Es waren ukrainische, russische und polnische ehemalige Leibeigene, die sich in Reiterverbänden organisierten und in der gesamten Region – in Südrussland und in der Ukraine – unterwegs waren. Daher die stilistische Nähe über nationale Grenzen hinweg.
Dadurch, dass Lieder sowohl in der Ukraine als auch in Südrussland mündlich weitertradiert wurden, konnten unterschiedliche Varianten entstehen. In der mehrsprachigen Ukraine wurde ganz selbstverständlich zwischen den Sprachen gewechselt. Man konnte beide Lieder in beiden Sprachen singen.

Ohne Grenzen zu Sowjetzeiten

Das Lied lässt sich also nicht in nationale Schubladen stecken. Entscheidender sind die regionalen und stilistischen Aspekte. Die Musik hat vor allem bäuerliche Wurzeln, jenseits von Ländergrenzen. Die gab es zudem in sowjetischen Zeiten gar nicht und es durfte sie nicht geben, etwa zwischen der Ukraine und Russland. Es war ja die Sowjetunion.
Das erklärt auch, warum Pete Seeger später mal von den ukrainischen und dann wieder von den russischen Wurzeln seines Songs sprach. Als er ihn in den 50er-Jahren schrieb, wurde da kein Unterschied gemacht.
Das bestätigt auch der Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov. Er betont dabei zwei Aspekte: die geografische Nähe zum Schauplatz des Romans „Stiller Don“, wo dieses Lied ja auftaucht, also Südrussland und die Ukraine. Und dass für Pete Seeger das Wort „sowjetisch“ damals gewissermaßen synonym für „russisch“ war.
Die nationale Identitätssuche und Selbstbehauptung der Ukrainer, die es bereits im 19. Jahrhundert und früher gab, war in sowjetischen Zeiten kein Thema und konnte sich auch erst wieder nach der Unabhängigkeit Anfang der 90er-Jahre neu entwickeln.
Zusammenfassend könnte man sagen: „Kaloda Duda“ ist ein Lied, das sowohl in der Ukraine als auch in Russland gesungen wurde. Die Klammer ist die kosakische Herkunft.

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