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Literatur | Beitrag vom 24.01.2021

AnsteckungSeuchen in der Literatur

Von Maike Albath

Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert. (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)
Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)

Seuchen überfordern den Verstand. Je tödlicher die Epidemie verläuft, desto verzweifelter der Versuch, ihr die Stirn zu bieten. Dann wird sie zur Prüfung, zum Strafgericht oder Selbstverrat - oder zur Erfindung, die zu leugnen ist.

Krankheit nannte Susan Sontag eine von zwei Staatsbürgerschaften jedes Menschen. Sie gehöre zur "Nachtseite des Lebens". Eine gewisse Zeit im Leben seien alle Menschen gezwungen, sich als Staatsbürger dieses anderen Landes auszuweisen.

Das andere Land ist sehr fremd. Eine ernste Krankheit überfordert meist den Verstand des Einzelnen. Die Erkrankung vieler oder fast aller, die Seuche, tut es in jedem Fall. Das massenhafte, unausweichliche und tödliche Geschehen erscheint dann oft als Strafgericht Gottes, als Hinweis auf sittliches Fehlvergehen.

Der Salber

Wenn die Sittenverderbnis nicht schon gegeben ist, ruft die Seuche sie hervor. Die gesellschaftliche Ordnung wird durch sie gelockert und bricht zusammen. Nicht selten suchen die Menschen dann nach Sündenböcken.

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Während der Pest im 14. Jahrhundert werden jüdische Gemeinden in ganz Europa ausgelöscht. Alessandro Manzoni schildert im Roman "Brautleute", wie die Volkswut einen Salber anklagt, der Hauswände mit infektiösen Salben beschmiert haben soll:

"Renzo drehte sich in seiner Erregung nach rechts und links, um zu sehen, ob nicht irgendwo ein Nachbar war, von dem er eine genauere Auskunft bekommen könnte, einen Hinweis, irgendeinen Fingerzeig. Doch die erste und einzige Person, die er sah, war eine andere Frau, die vielleicht zwanzig Schritte entfernt stand. Mit einem Blick, der Entsetzen, Hass, Ungeduld und Bosheit ausdrückte, und mit verdrehten Augen, die gleichzeitig ihn betrachteten und hinter ihm in die Ferne sehen wollten, den Mund aufgerissen, als wollte sie aus Leibeskräften losschreien, aber zugleich den Atem anhaltend, hob sie zwei dürre Arme, reckte zwei runzlige, krallenartig gebogene Hände empor, schloss und öffnete sie, als versuchte sie etwas zu greifen – es war klar, dass sie hinter ihm stehende Leute herbeiwinken wollte, ohne dass er es bemerken sollte. Als ihre Blicke sich trafen, fuhr sie wie eine Ertappte zusammen, wodurch sie noch hässlicher wurde. 'Was zum Teufel …?', fing Renzo an und hob ebenfalls die Hände in Richtung der Frau, aber diese, die jetzt nicht mehr hoffen konnte, ihn zu greifen, stieß endlich einen Schrei aus, den sie bis dahin zurückgehalten hatte: 'Ein Salber! Packt ihn! Packt den Salber!' 'Wer? Ich? Ha, lügnerische Hexe! Sei still!', schrie Renzo und sprang auf sie zu, um ihr Angst zu machen und sie zum Schweigen zu bringen."

Die Suche nach Schuldigen, die Ausbrüche von Massenpanik, dazu Gerüchte, Wahnsinn und Paranoia begleiten den Ausbruch von sich schnell verbreitenden, tödlichen Krankheiten. Das drohende Chaos fördert jedoch auch schwarzen Humor und Sarkasmus. Und weil in neuerer Zeit die Annahme göttlichen Zorns viel an Wahrscheinlichkeit verloren hat, tragen die Individuen, so scheint es, eine größere Last als je zuvor. Maike Albath liest Seuchenliteratur von Thukydides bis zu Philip Roth. 

(pla)

Eine Wiederholung vom 24.5.2020.

Das Manuskript der Sendung können Sie hier herunterladen.

Mit Eva Meckbach, Sabine Falkenberg und Felix von Manteuffel
Regie: Beatrix Ackers 
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Jörg Plath

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