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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.09.2015

Annette Pehnts "Briefe an Charley"Ein Briefroman des 21. Jahrhunderts

Annette Pehnt im Gespräch mit Frank Meyer

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Abgesperrte Briefkästen (Horst Galuschka/dpa)
Die "Briefe an Charley" werden nicht abgeschickt - stehen aber in einem Buch. (Horst Galuschka/dpa)

Charley ist weg. Zurück bleibt eine Frau, die sich der verlorenen Liebe in Briefen nähert: nicht nur trauernd, sondern auch ironisch. Im Zeitalter von digitalen Botschaften feiert die alte Form des Briefes hier ein Comeback.

"Briefe an Charley" heißt der neue Roman Annette Pehnt. Der Gefährte ist weg – nun wird die verlorene Liebe in Briefen noch einmal heraufbeschworen: Sie sammelt Fundstücke für ihn, liest ihm Texte vor und schreibt ihm Geschichten.

Annette Pehnt, deutsche Schriftstellerin, am 12.10.2007 auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Erwin Elsner +++ (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)Die Schriftstellerin Annette Pehnt (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Neben der Trauer über den Verlust gebe es in dem Buch auch noch ganz andere Elemente, sagte Pehnt im Deutschlandradio Kultur:
 
"Es gibt Beobachtungen. Es gibt eine Art Vergnügen über das, was jetzt noch ist. Es gibt Ironie. Es gibt auch, wie ich finde, komische Stellen. Also es ist eigentlich eine wilde Mischung, so wie man sie sich ja in Briefen auch leisten kann. Das ist nicht nach Gefühlsschubladen geordnet."

Zu den komischen Stellen gehöre etwa das Nachdenken der Erzählerin über das Älterwerden. Sie spricht auch davon, dass man als Frau entweder nach dem Modell "Kuh" oder dem Modell "Ziege" altern könne:

"Also die Kuh, die steht ja prall auf der fetten Wiese. Auch wenn sie alt wird, ist sie noch rund, aber dafür auch fett. Und die Ziege ist mager und sehnig. Sie wird vielleicht schlanker alt, ist dafür dann aber dünner und dürrer. Und dementsprechend ausgetrockneter. Und diese beiden Alternative, so ganz grob gesprochen, gibt es ja für Frauen. Vielleicht gibt es ja noch etwas dazwischen."  

Das Erschaffen von Wirklichkeit über die Sprache  

Der Roman sei aber auch ein Buch über Sprache, meinte die Autorin. Im Schreibprozess erschaffe die Erzählerin eine bestimmte Wirklichekit:

"Und deswegen ist es eigentlich auch ein Fest der Sprache und des Schreibens. Im Laufe des Buches gibt es eine Art Entwicklung. Sie löst sich zunehmend von diesem Charley. Irgendwann ist es fast schon egal, was jetzt mit dem war und was da gewesen sein könnte. Irgendwann geht es nur noch ums Schreiben. Und dann geht es irgendwann auch darum, damit wieder aufzuhören."

Eine Feier der romantischen Liebe?

Ist das Buch auch eine Feier der romantischen Liebe? Auf der einen Seite sei es durchaus eine totale Überhöhung, so Pehnt. Auf der anderen Seite führe sich die Schreiberin aber auch selber vor:

"Man kann ihr das eigentlich nicht abnehmen. Man muss schon annehmen, dass viele Jahre verstrichen sind, seitdem dieser Charley weg ist. Und es kann ja nicht sein, dass sie seitdem in Sachen Liebe nichts erlebt hat. Sie steigert sich elegisch in diese Hymne auf Charley hinein. Und dabei schaut man ihr zunehmend distanziert zu."  

Annette Pehnt: Briefe an Charley
Piper Verlag, München 2015
176 Seiten, 18 Euro


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