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Lesart | Beitrag vom 12.06.2019

Anne Frank Vorbild für Jugendliche

Von Carolin Born

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Ein junge Frau mit Stoffbeutel vor einem Graffiti, das Anne Frank zeigt, vor dem Anne Frank Zentrum im Hinterhof an der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte (imago images / Joko)
Eingang zum Anne Frank Zentrum in Berlin-Mitte - hier vermitteln junge Erwachsene die Geschichte der berühmten Tagebuchschreiberin. (imago images / Joko)

Das "Tagebuch der Anne Frank" gehört zu den meistgelesenen deutschen Büchern auf der ganzen Welt. Junge Menschen, die heute so alt sind wie Anne Frank war, als sie ihr Tagebuch schrieb, verraten, was sie daran berührt.

"Ich hätte sie auch wirklich sehr, sehr gerne mal getroffen und mich mit ihr unterhalten und vielleicht mit ihr angefreundet. Und dann wären wir vielleicht ganz gute Freunde geworden."

Antonia ist zwölf Jahre alt und kommt aus Friedenau: "Ich hätte sie gefragt, wie sie das findet, dass sie da mit so vielen Leuten auf so engem Raum eingepfercht ist." Das "Tagebuch der Anne Frank" hat sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen – allerdings nicht in der klassischen Form, sondern als Graphic Novel.

"Es ist fast wie ein Comic, es gibt auch Sprechblasen, es ist sehr genau gezeichnet. Und es gibt häufig so eine Doppelseite, wo Ausschnitte aus ihrem Tagebuch drauf sind. Es wurde für Kinder gemacht, dass es auch interessant ist und nicht so langweilig wie ein normales Buch. Da gibt auch viele schöne Bilder."

Tagebuch als einzige richtige Freundin

Die Graphic Novel hat sie ihrer Freundin Sophie ausgeliehen, die auch zwölf Jahre alt ist. Auch die konnte sich gut mit Anne Frank identifizieren.

"Wenn meine Schwester zuhause irgendwie Stress mit mir hat, dann geht sie meisten zu meinen Eltern und dann sagen sie halt: 'Du bist doch die Große, du musst freundlich zu deiner Schwester sein'. Dann ist man manchmal ein bisschen traurig, weil einen niemand verstehen kann. Und dann brauch man jemand, mit dem man reden kann."

Am 13. Geburtstag kriegt sie ein Tagebuch. Dann beschreibt sie, wie sie sich darüber freut und auch merkt, dass das jetzt vielleicht ihre einzige richtige Freundin sein könnte.

"Ihr Tagebuch hat ja auch verschiedene Spitznamen bekommen in der Zeit, als sie es geschrieben hat. Das war sozusagen ihr Gesprächspartner in der Situation, vor allem in der Zeit des Verstecks."

Jugendliche finden sich in Familienkonflikten wieder

Carl aus Charlottenburg ist 18 Jahre alt und begleitet im Anne Frank Zentrum Jugendgruppen durch die Ausstellung. Er hat sich deswegen intensiv mit dem Tagebuch beschäftigt. Genau wie der ein Jahr jüngere Gunnar aus Berlin Mitte. Auch für ihn spielt Anne Franks Einsamkeit eine wichtige Rolle.

"Generell hatte sie halt auch keine anderen Möglichkeiten sich jemanden anzuvertrauen außer ihrer Schwester oder ihrem Vater. Beispielsweise wenn sie jetzt Themen besprechen wollte. Das war mit Gleichaltrigen ja gar nicht möglich, als sie sich versteckt haben. Deswegen war das Tagebuch ihr einziger Freund, dem sie sich anvertraut hat."

"Was ich mir am besten merken kann, ist tatsächlich etwas, das mit ihrer Mutter zu tun hat. Sie waren nicht wirklich grün miteinander. Da gibt es einen Ausschnitt, wo sie die Mutter als Vorbild bezeichnet, aber so eines, wie sie es niemals machen will. Das ist einer meiner Lieblingsauszüge aus dem Originaltagebuch, weil man sich egal welches Alter darin wiederfindet in den Konflikten, die man so mit seinen Eltern hat."

Die Einsamkeit macht die Jugendlichen betroffen

"Sie hat nachts ziemlich viel Angst und ist oft zu ihrem Vater ins Bett gegangen. Der Vater war einer der Einzigen, der sie verstehen konnte und mit dem sie sich unterhalten konnte. Mit ihrer Schwester und ihrer Mutter hat sie sich nicht so gut verstanden. Und sie wurde richtig oft mit ihrer Schwester verglichen."

"Auch das Versteck, das muss man sich mal vor Augen führen, wie klein das letztlich war für acht Personen, dort zu leben, auf engstem Raum."

"In der Zeit im Versteck teilt sie sich ja ein Zimmer mit Fritz Pfeffer. Das sind vielleicht acht Quadratmeter oder so. Zwei Betten, ein Schreibtisch, ein Fenster, Ende."

Die Vorstellung vom Versteckt-Sein und Annes Einsamkeit macht die Jugendlichen betroffen. Gunnar war ungefähr so alt wie Anne Frank, als er ihr Tagebuch in der Schule gelesen hat. 

Beeindruckt vom Reflexionsvermögen

"Erstmal hat mich die Perspektive beeindruckt, die sie hatte. Sie war erst 13 Jahre alt und war schon so reflektiert über die Gesellschaft, über die Probleme und die zwischenmenschlichen Beziehungen, als sie im Versteck gelebt haben. Das hat mich beeindruckt."

"Ich finde, sie schreibt auch sehr schön. So wie ich vielleicht auch ein Tagebuch schreiben würde. Und ich finde, man kann sich sehr gut in sie reindenken und sie verstehen, weil man häufig das Gleiche fühlt und die gleichen Situationen hat."

Den Jugendlichen geht das Tagebuch besonders nah, weil es eine gleichaltrige Person geschrieben hat. Dadurch teilen sie bestimmte Erfahrungen, wie Konflikte mit der Familie. Auch heute noch können sie die Gedanken der Erzählerin gut nachvollziehen – 90 Jahre, nachdem Anne Frank geboren wurde.

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