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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2017

Anna Gavalda: "Ab morgen wird alles anders"Junge Großstädter auf Sinnsuche

Von Dirk Fuhrig

Paris (Hanser Verlag/picture alliance/Foto: Friedel Gierth)
Buchcover "Ab morgen wird alles anders" und der Eiffeltum in Paris. (Hanser Verlag/picture alliance/Foto: Friedel Gierth)

Irgendwo zwischen Smartphone-Seligkeit und Startup-Euphorie muss es doch sein – das private Glück. Mit "Ab morgen wird alles anders" hat die französische Schriftstellerin Anna Gavalda einen ziemlich treffenden Erzählband über die Gemütslage der 20- und 30-Jährigen geschrieben.

Die französische Erfolgsschriftstellerin Anna Gavalda taucht in ihrem neuen Band wieder tief in die Selenzustände der französischen Gesellschaft ein. Ihre fünf Erzählungen werden lediglich durch den Titel zusammengehalten: "Ab morgen wird alles anders". Es sind Geschichten über einsame Fernfahrer, orientierungslose junge Frauen, an der Karriere verzweifelnde Endzwanziger oder One-night-stand-Sammler(innen). Sie zeigen Menschen, die in ihrem Leben, in Routinen gefangen und in öden Beziehungen gefesselt sind.

Mathilde, Protagonistin einer der beiden Haupt-Erzählungen, ist Studentin der Kunstgeschichte – weil man sich schließlich in irgendeinem Fach einschreiben muss, um an die kleinen Vorteile des Studentenstatus zu gelangen. Sie taumelt so lange durch den (sie) depressiv machenden Pariser Alltag, klickt sich durch Single-Börsen, "liket" sich durchs Netz und trinkt sich durch die Nächte, bis sie das Glück in Gestalt eines dicklichen, traurigen Küchenchefs gefunden zu haben glaubt. Natürlich nicht in der hektischen Metropole, sondern in einem Städtchen in der französischen Provinz.

Eliteschule-Absolvent mit wenig Chancen

Yann ist erfolgreicher Absolvent einer Eliteschule, besitzt allerdings wenig erfolgreiche Berufsaussichten. Die wirtschaftliche und mentale Krise Frankreichs zwingt ihn dazu, sich in einem mittelmäßigen Job als Vertreter für autonome Staubsauger zu verdingen. Als er seine unkonventionellen Nachbarn kennenlernt, die sich den Zwängen eines auf Karriere ausgerichteten Lebens erfolgreich entziehen und deswegen glücklich und lebendig wirken, beginnt Yann, darüber nachzudenken, ob er seine sinnentleerte Existenz fortsetzen soll.

Die Momentaufnahmen aus dem Universum junger Großstädter erscheinen auf den ersten Blick holzschnittartig und klischeehaft. Anna Gavalda lässt darin jedoch einen Sound anklingen, der die Gemütslage der 20- und 30-Jährigen offenbar genau trifft. So erklärt sich der Erfolg der 1970 geborenen Autorin, die bislang mehr als ein Dutzend äußerst beliebte Prosabände veröffentlicht hat. Die neuen Erzählungen sind im französischen Original alle noch vor den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und den Musikclub "Bataclan" entstanden, den Ereignissen, die das öffentliche Leben in Paris und das Lebensgefühl der Pariser so stark geprägt haben. 

Sprachlich ganz nahe an ihren Charakteren

Auch sprachlich ist Anna Gavalda ganz nahe an ihren Charakteren. Für die inneren Monologe verwendet sie einen jugendlichen Jargon, der der Alltagssprache entlehnt ist. Ein solcher Konversationston ist in aller Regel schwer in eine Fremdsprache zu übersetzen. Und so wirkt auch Ina Kronenbergers Übertragung ins Deutsche an vielen Stellen bemüht flapsig und künstlich locker, gelegentlich sogar unverständlich.

Dennoch kommt in diesem Gavalda-Band wieder dieses spezielle Lebensgefühl zum Ausdruck, das die Geschichten letztlich so eindringlich und gegenwärtig macht: die Zerrissenheit der jüngeren Generation (nicht nur in Frankreich) zwischen den Zumutungen der Moderne und der Sehnsucht nach "Sinn"; zwischen Smartphone-Seligkeit, Startup-Euphorie – und dem melancholischen Gefühl, das "wahre Leben" spiele sich woanders ab: im privaten Glück, auf dem Land, in der Langsamkeit.

Anna Gavalda: Ab morgen wird alles anders
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Hanser, München, 2017
300 Seiten, 20,00 Euro

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