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Lesart | Beitrag vom 10.12.2018

Anke Stelling: „Schäfchen im Trockenen"Schonungslose Milieu-Beschreibung

Von Gesa Ufer

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Die Autorin und Schriftstellerin Anke Stelling in ihrer Wohnung in Berlin Prenzlauer Berg, fotografiert im August 2015 (Picture-Alliance / Doris Spiekermann-Klaas)
Anke Stelling wohnt im Prenzlauer Berg. Eine Umzug kommt für sie nicht in Frage, bei ihrer Romanfigur schon. (Picture-Alliance / Doris Spiekermann-Klaas)

Anke Stellings Roman wird von der Kritik bejubelt: „Schäfchen im Trockenen" nimmt die steigenden Berliner Innenstadt-Mieten ins Visier. Dabei lebt die Schriftstellerin selbst im hochpreisigen Prenzlauer Berg und möchte dort auch nicht weg.

Wir treffen Anke Stelling dort, wo man sie treffen muss – ihr Schreibtisch steht in der Wohnung eines Freundes im Prenzlauer Berg, in dem Bezirk also, der vor dem Mauerfall heruntergekommen war, aber berühmt für seine widerständige Kunst- und Dissidenten-Szene. Heute gilt er als das Mekka spießiger Zahnanwälte aus Schwaben - wahrscheinlich hat diesen Berliner Bezirk niemand schärfer, gnadenloser aber auch differenzierter beschrieben als Anke Stelling.

Ob sie jemals überlegt hat, den hippen Prenzlauer Berg hinter sich zu lassen?

"Nee, ich glaub ich interessier‘ mich viel zu sehr für Trends, für Zeitgeist, für gesellschaftliche Entwicklungen. Ich will da dabei sein, und ich will das auch spiegeln, beleuchten – durch das Schreiben!"

Scheitern oder in die eigene Tasche lügen

Anke Stelling, 1971 im schwäbischen Ulm geboren, kam Anfang der 90er-Jahre nach Berlin - nach einigen prekären Jobs und einem Studium am legendären Literaturinstitut in Leipzig. Der literarische Erfolg ließ auf sich warten. Nach drei zu wenig beachteten Romanen flog sie bei Agentur und Verlag raus. Das Manuskript zu ihrem Missbrauchsroman "Fürsorge" wollte niemand verlegen. Inzwischen lebt sie mit Mann und drei Kindern in einer Art Baugruppenprojekt, ihre Bücher haben eine Heimat im engagierten Berliner Verbrecher Verlag gefunden. In der Retrospektive, so Anke Stelling, hatten die mageren Jahre ihr Gutes:

"Ich glaube, dass ist so ein Kampf, dass es nicht so gut läuft – ich hatte wirklich eine schlimme Durststrecke – dass das zur Schärfe beiträgt und eben auch den eigenen Zugang oder Wunsch, was ich da mache, hat das nochmal gestärkt."

Tatsächlich hält sie ihrer eigenen Generation radikal den Spiegel vor: Midlfe-crisis-geschüttelte vermeintlich Linksliberale sind das, die einst mit einem Koffer voller Träume angereist kamen und sich nun entweder eingestehen müssen, gescheitert zu sein, oder sich etwas in die eigene Tasche lügen. Die Protagonistin im neuen Roman "Schäfchen im Trockenen" heißt Resi, benannt nach der Kynikerin Parrhesia und dem griechischen Wort für Redefreiheit. Einen schonungslosen Bericht adressiert Resi an das älteste ihrer vier Kinder, die 14-jährige Bea, die nicht in die gleichen Fallen tappen soll wie ihre Mutter.

Konsequenz: Der Umzug an den Stadtrand

Viele Ähnlichkeiten gibt es zwischen Anke Stelling und ihrer Hauptfigur Resi: Beide haben einen Roman über das wohlstandsverwahrloste Baugruppen-Milieu geschrieben, zu dem sie - wenigstens an den Rändern – selbst gehören. Die darin porträtierten Freunde haben das sehr übel genommen. Bei Anke Stelling haben sich die Wogen gut drei Jahre nach dem Romanerfolg von "Bodentiefe Fenster" wieder halbwegs geglättet, Resi hatte weniger Glück. Sie wird als Nestbeschmutzerin hart abgestraft: Ein einstiger Kumpel kündigt ihrer sechsköpfigen Familie eingeschnappt den Untermietvertrag. Und weil Einlenken Resis Sache nicht ist, bleibt nur der Umzug an den äußersten Rand der Stadt.

Resi erinnert an rigorose Frauenfiguren, wie wir sie von Ingeborg Bachmann oder A.L. Kennedy kennen. Sie ist wütend, verbittert, und sie will ihr Recht. An Virginia Woolf und deren Forderung nach einem "Zimmer für sich allein" erinnert sie, wenn sie in ihre kleine Schreibkemenate stürzt, ein Zwei-Quadratmeter-Verschlag neben der Küche.

"Für mich und Resi ist Schreiben Zugriff auf Welt, sich klar werden, Erkenntnisgewinn, über das, was passiert, was man selber fühlt, auch wie die anderen einem begegnen, was man selbst für eine Rolle darin spielt, also auch ordnen. Und dann übers Erzählen etwas rauszufinden, was sich auch tatsächlich nur übers Erzählen herausfinden lässt, indem man es durchspielt mithilfe von Figuren."

Für die Leserinnen und Leser kann das mitunter ziemlich ungemütlich werden. Denn auch in dieser Hinsicht ist Anke Stelling wie die Resi aus "Schäfchen im Trockenen": Sie ist überzeugt, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist.

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