Plattform "Angry Cripples"

"Wir haben jedes Recht, wütend und laut zu sein"

30:58 Minuten
Alina Buschmann, Evilina Enfer und Luisa L'Audace
Empowerment für Menschen mit Behinderung: Das wollen die "Angry Cripples" mit ihrer Plattform schaffen. © Angry Cripples
Alina Buschmann im Gespräch mit Ramona Westhof · 03.12.2021
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Immer noch werden behinderte Menschen benachteiligt und ausgeschlossen. Die Initiative "Angry Cripples" will das ändern. Auf einer Internetplattform sollen sich Betroffene vernetzen und austauschen können, um sich gegenseitig zu stärken.
"Angry Cripples", das klingt erst mal nicht so nett. "Wütende Krüppel" – das ist höchstens ein Schimpfwort für behinderte Menschen. Doch die Initiatorinnen dahinter haben ihn bewusst gewählt, um aus der Defensive zu kommen: "Der Begriff wird von Menschen dafür genutzt, um behinderte Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen, stillzuhalten", sagt Alina Buschmann, eine der Gründerinnen. "Sie werden als verbittert, als zu laut und zu unangenehm bezeichnet."
Um dieser strukturellen Diskriminierung etwas entgegenzusetzen, will man sich den Begriff zurückholen. Empowerment durch Reclaiming. "Wir haben jedes Recht, wütend und laut zu sein", sagt sie.
Mit angrycripples.com soll eine Plattform geschaffen werden, auf der sich alle Menschen mit einer Behinderung austauschen und vernetzen können. Auch sogenannte Allies, also Unterstützer, sind willkommen. "Es wird laut und mutig", sagt Buschmann. "Wir starten mit Briefen an unser früheres Selbst." Weiterer Content ist geplant.
Auf Instagram kann man bereits Bildkacheln sehen mit Sätzen wie: "Behinderte Menschen brauchen keine Charity, sie brauchen Rechte." Der Vorwurf: Obwohl Deutschland bereits im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, wurde seitdem wenig daraus umgesetzt. Einem Zehntel der Bevölkerung werde strukturelle Teilhabe verwehrt. "Angry Cripples" will sich dafür einsetzen, dass sich das ändert.
"Ich denke, dass wir uns in unserer Arbeit als Aktivistinnen sehr oft darauf konzentrieren, nichtbehinderte Menschen abzuholen, weil wir in diesem 'ableistischen' System leben", sagt Buschmann. "Wir brauchen Allies. Da ist es in den letzten Jahren zu kurz gekommen, Empowerment zu schaffen, also die behinderten Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Ich glaube, dass niemand hier in Deutschland auf die Idee gekommen ist, dass wir erst mal lernen müssen, mit dieser Diskriminierung umzugehen. Das ist ein sehr empowerndes Gefühl zu wissen: Ich bin nicht das Problem, sondern das System." Man wolle Menschen helfen, das schneller durchschauen zu können. Dazu soll die Plattform ein "Safer Space" sein.
"Ich musste 22 Jahre alt werden, um mich endlich als behinderte Frau zu identifizieren, obwohl ich bereits behindert geboren wurde", so Luisa L'Audace, eine der Mitinitiatorinnen. "Das muss man sich mal vorstellen. Behinderung wird in unserer Gesellschaft so sehr tabuisiert und stigmatisiert, dass es kein Wunder ist, dass ich mich so lange dafür geschämt habe. So geht es vielen Mitgliedern unserer Community bis heute. Mein Ziel ist, dass sich niemand jemals wieder so allein mit seiner Situation fühlen muss, wie ich mich gefühlt habe.”

Die Inhalte der "Angry Cripples" sind auf angrycripples.com und auf Instagram zu sehen.

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