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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 07.07.2016

AngolaWeiße Farmerfamilie erobert sich ihr koloniales Erbe zurück

Von Jan-Philippe Schlüter

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Ein Hirte mit seinen Rindern auf einem Viehmarkt in Angola (picture-alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Nach Experimenten im Gemüseanbau und Holzkohlegeschäft hat sich die Familie von Krosigk jetzt auf Rinderhaltung spezialisiert. (picture-alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Vor 90 Jahren ist die Familie von Krosigk aus Deutschland in die damalige portugiesische Kolonie Angola ausgewandert. Zwei Enkel erinnern sich an ihre herrliche Kindheit - bis zum Beginn des Bürgerkiegs. Nun versuchen sie dort hartnäckig ihr koloniales Erbe wiederzubeleben.

Die jungen Bullen sind nervös. Adrenalin pumpt durch ihre gestressten Körper. Hektisch schieben sie sich durch den mit Holzbalken abgesperrten Treibgang über die Metallrampe in den wartenden LKW. Die mächtigen Körper springen wie überdimensionierte Flummibälle über die Ladefläche. Prallen donnernd und krachend gegen die Stahlstreben des Aufbaus. Fritz von Krosigk steht mit beigem Schlapphut, Safarihemd und kurzen Hosen in sicherer Entfernung und gibt kurze Kommandos.

"Das Problem ist immer, wenn man Bullen lädt. Die fangen dann an, sich zu schieben und dann ist da viel Adrenalin. Es ist immer ein bisschen Glücksfall, wie man die Bullen in einem Abteil zusammenstellt, dass es nicht zu wild wird. Und dann beruhigen sie sich. Wenn das Fahrzeug läuft, wenn Bewegung ist, das kennen sie nicht. Dann sind sie unruhig und abgelenkt. Insofern versuchen wir, das Laden relativ zügig fertig zu kriegen, dass wir in Gang kommen."

Von Krosigk und die Tiere haben noch einen langen Weg vor sich: 800 Kilometer aus dem angolanischen Hochland in Richtung Süden nach Lubango, wo eine Zuchtbullen-Auktion stattfindet. Zwei ganze Tage dauert die Fahrt. Der Verkauf der Bullen soll Geld in die Kasse der Familienfarm Fazenda Quitila spülen. Dass die Farm nach ihrer wechselvollen und spannenden Geschichte überhaupt wieder bewirtschaftet wird, ist ein kleines Wunder – und das Ergebnis harter Arbeit von zwei hartnäckigen Brüdern, die ihr koloniales Erbe wiederbelebt haben.   

Es ist ein Höllenritt, den die Brüder von Krosigk mehrmals im Jahr auf sich nehmen. Knapp 400 Kilometer quälende Autofahrt. Die Straßen von der angolanischen Hauptstadt Luanda ins Hochland sind katastrophal: Schlaglöcher, die so breit und tief sind, dass der Fahrer den allradgetriebenen Pickup im Schritttempo und Zickzack über die Straßen manövrieren muss. Verschlammte Lehmpisten, in denen die Reifen sich festfahren. Mit Regenwasser gefüllte Krater, bei denen man nicht sicher sein kann, ob das Auto absäuft. Sechs bis sieben Stunden dauert die Fahrt. Bei schlechtem Wetter auch gerne mal länger. Und all das, um eine heruntergekommene Farm im Nirgendwo Angolas wieder aufzubauen? 

"Gute Frage. Die stellen wir uns selber manchmal. Wir sind hier groß geworden. Wir sind hier aufgewachsen. Wir hängen an diesem Stück Land, an dem Betrieb. Da ist sicher eine große Portion Sentiment dabei. Andererseits – der Betrieb hat auch einen Wert. Und den einfach aufzugeben wäre auch traurig. Insofern hoffen wir, ihn langsam wieder zum Laufen zu bekommen und dass er vielleicht im Bereich Rinderhaltung vielleicht Erträge erwirtschaften wird und dann muss man sehen, was in zehn oder 15 Jahren ist."

Alles wie auf einem deutschen Bauernhof

Fritz von Krosigk steht mitten in der Hofstelle, dem Zentrum der Farm. Über ihm die charakteristisch ausladende, halbkugelförmige Krone eines uralten, gewaltigen Flammenbaums. Um ihn herum alte, teilweise ziemlich heruntergekommene Hofgebäude.

"Die Wirtschaftsgebäude da waren früher der Hühnerstall und der Taubenschlag. Alles wie auf einem deutschen Bauernhof von meinem Großvater gebaut. Natürlich zum Teil schon zerfallen – mit Tischlerei. Und der Schuppen ist nur noch zum Teil in Schuss. Früher war das hier hauptsächlich Kaffeeanbau, dann die rinderweiden, die landwirtschaftlichen Flächen usw."

Die von Krosigks sind ein obersächsisches Adelsgeschlecht. Der Stammbaum reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Fritz' Großvater Vollrat von Krosigk wurde 1893 geboren und ist im familieneigenen Schloss auf Gut Hohenerxleben in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Doch die Verhältnisse in der Familie und in seiner Heimat haben dazu geführt, dass Vollrat Ende der 20er-Jahre ins saftig-grüne Hochland der damaligen portugiesischen Kolonie Angola ausgewandert ist.

"Mein Großvater war mit Leib und Seele Landwirt. War aber nicht Erbe. War zweiter Sohn, hatte dann ein Gut in Pommern bewirtschaftet als landwirtschaftlicher Verwalter. Dann kam die Weltwirtschaftskrise. Der Gutsherr konnte ihn dann nicht mehr bezahlten und sagte 'Herr Krosigk, tut mir leid'. Das war 1926/27. Das hat dann den Ausschlag gegeben auszuwandern. Nach Angola kam er, weil die Portugiesen am wenigsten Probleme hatten mit deutschen Siedlern."

Mit dem Dampfer fahren Vollrat von Krosigk, seine Frau Minette und die drei Kinder Eberhard, Illi und Krafft in drei Wochen von Bremerhaven nach Luanda. Von dort mit Zug in das portugiesische Kaff Calulo in der Provinz Kwanza Sul. Dann weiter in die buschige und holzige Hochsavanne, wo von Krosigk von der Kolonialverwaltung 1000 Hektar Land pachtet. 

"Das Dorf oben gab es schon noch. Es gab lokale Bevölkerung. Dann hat man die Menschen angeheuert. Dann wurde der Busch gerodet. Dann wurde der erste Traktor angeschafft, dann wurden die ersten Kaffeeschläge angesetzt. Das hat schon mehrere Jahre gedauert. Die ersten Jahre waren sehr spartanisch. Es gab einen Deutschen in der Gegend. Da sind sie die ersten Monate untergekommen, bis sie hier eine einfache Lehmhütte gebaut hatten. Da sind sie dann reingezogen. Wasser wurde aus der Senke geholt. Das war schon ein Pionierdasein, was man geführt hat."

Mit der Zeit blüht die Farm auf und wächst auf 2600 Hektar an. Neben Kaffee bauen von Krosigks Mais und Baumwolle an. Halten Rinder, Schafe und Schweine. Eberhard von Krosigk, der Vater von Fritz, übernimmt die Fazenda Quitila. Ein ganzer Maschinenfuhrpark hilft beim Bewirtschaften des hügeligen Farmlandes. Die spartanischen Lehmhäuser werden zu komfortableren Wohnhäusern ausgebaut. Ein Stromgenerator löst die Petroleumlampen ab. Sogar einen richtigen Pool für die Kinder gibt es. Überhaupt hat Fritz von Krosigk wunderbare Erinnerungen an seine Kindheit hier. Wo er mit den Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern die Natur als Spielplatz entdeckt.

"Da sehen sie so eine Granitkuppe. Dann wird einfach eine Bananenstaude gekappt. Und da hat man so einen meterlangen Stamm und die sind sehr schleimig und glitschig und mit denen rutschen die die Granitkuppe runter. Das war – würde man heute sagen – nicht ganz ungefährlich. Aber gottseidank ist nie was passiert und es hat viel Spaß gemacht. In dem Haus haben wir die ersten Jahre verbracht, herrlich, so viel Freiheit, wie wir hier hatten, hat man sonst wenig. Das hat uns sicher auch so geprägt, weshalb wir an dem Platz auch so hängen."

Die Farm lag zwischen den Bürgerkriegsfronten

Aber dann kommt die Zeit der angolanischen Kriege. Erst der erfolgreiche Befreiungskampf gegen die portugiesischen Besatzer. Dann der blutige Bürgerkrieg – einer der längsten auf dem afrikanischen Kontinent. Die Farm der von Krosigks liegt praktisch zwischen den Fronten der Befreiungsbewegungen MPLA und UNITA. Es ist nicht mehr sicher hier. Fritz und sein Bruder Vollrat gehen nach Namibia aufs Internat. Ihre Eltern wohnen im eine Stunde entfernten Städtchen Calulo und sind nur noch sporadisch tagsüber auf der Farm, um nach dem Rechten zu sehen. Im April 1983 beschließt Vater Eberhard nach einem langen Tag, auf dem Hof zu übernachten – und wird prompt von der UNITA entführt.

"Das war an einem Wochenende und mein Vater hat die Lohnzahlungen gemacht. Es war ziemlich spät geworden und da hat mein Vater gesagt, heute pennt er hier, da wird schon nix passieren – und das war natürlich ein Fehler. Dann haben sie nachts angeklopft und standen sofort im Zimmer und haben gesagt, sie müssen mitkommen.

Am Anfang muss es heftig gewesen sein. Es gab Märsche von 30, 40, 50 Kilometer am Tag, die sie zurücklegen mussten, weil sie aus der Region rausmussten. Der Marsch selber ging schon einige Wochen. Entführt waren sie mehrere Monate. Es haben sich dann in Deutschland mehrere Stellen für ihn eingesetzt. Dann wurde ihm irgendwann signalisiert, er würde mit dem roten Kreuz ausgeflogen."

Wiederwillig geben die von Krosigks ihre Fazenda Quitila auf. Die Gebäude werden geplündert und verfallen. Gras überwuchert das gesamte Farmgelände.

Seit 2002 herrscht wieder Frieden in Angola. Und Fritz und Vollrat von Krosigk, die mittlerweile in Namibia leben, haben eine fixe Idee: Sie wollen die Fazenda Quitila wieder aufbauen – und fangen fast bei Null an.

"Wir haben dann nur eine sehr dürftige Skizze erhalten aus der tiefsten portugiesischen Zeit und später hier von der Regierung. Die alten Anwohner, die mit unserem Großvater hier angefangen haben, die haben uns die Grenzsteine gezeigt. die sind mit uns hin, haben gesagt, guck hier, auf der Granitkuppe ist ein Vermessungspunkt. Und dann kletterst du da drauf und dann haben wir ihn tatsächlich auch gefunden, zumindest die Reste davon und dahinten ist wieder einer... und so haben wir dann die alten Grenzmarkierungen wieder entdecken können.

Unser Schwerpunkt ist jetzt die Rinderhaltung. Wir hatten jahrelang ein bisschen im Gemüseanbau experimentiert. Dann haben wir im Holzkohlegeschäft experimentiert, auch Ackerbau, aber letztendlich hat sich abgezeichnet, dass für und die Rinderhaltung die einfachste Lösung ist. Vor allem dann, wenn man nicht permanent im Betrieb ist."

Das alte Farmgebäude ist jetzt eine Schule

Im ehemaligen Buchhalter-Häuschen haben sie spartanische Schlafzimmer, eine Toilette mit Dusche und eine Küche eingerichtet. Fritz und sein Bruder Vollrat kommen abwechselnd mehrmals im Jahr für zwei bis drei Wochen her. Acht Mitarbeiter aus den umliegenden Dörfern kümmern sich um das Alltagsgeschäft.

Aber die Fazenda Quitila ist seit einigen Jahren nicht mehr nur ein landwirtschaftlicher Betrieb. Das größte Gebäude auf dem Gelände ist renoviert. Auf dem blauen Blechdach sind Solarkollektoren. Die Fassade erstrahlt frisch gestrichen in hellem Ocker mit bunten Bildern drauf. Aus den Räumen dringen Kinderstimmen: Das alte Farmgebäude ist zu einer Schule umgebaut worden.

"Das war unser Wohnhaus früher. Von unserem Großvater erbaut und dann in den 50er-Jahren neu gebaut. Da bin ich zum Teil groß geworden. Das ist für uns viel zu groß und das instand zu halten, wäre kaum möglich gewesen. Und irgendwann ist die katholische Mission an uns rangetreten und hat gefragt, ob es nicht denkbar  wäre, daraus eine Schule zu machen. so hat sich das entwickelt. Da haben wir Zuschüsse von der deutschen Botschaft in Luanda bekommen, um den Dachstuhl zu reparieren. Das ist jetzt seit sechs, sieben Jahren eine funktionierende Schule."

Mehr als 100 Kinder aus den Dörfern in der Gegend werden hier unterrichtet. Von jungen, motivierten Lehrern in weißen Kitteln. Eine Nonne aus Mexiko beaufsichtigt das Ganze.  

Nach einem langen, harten Arbeitstag: Es ist still geworden auf der Fazenda Quitila. Fritz von Krosigk sitzt am Feuer, trinkt ein Bier und kommt ins Grübeln. Was machen er und sein Bruder hier eigentlich? Fühlen sie sich verpflichtet, das Familienerbe zu retten? Ist die Farm gar ein Vermächtnis?  

"Wurden wir manchmal gefragt. Ich weiß es nicht. Ich würde nicht sagen, dass es keine Rolle spielt. Aber dass ich ganz konkret jeden Tag eher eine Verpflichtung fühle – eher nicht. Also unser Vater hat uns nie dahingehend zu beeinflussen versucht, dass wir den Betrieb weiterführen. Im Gegenteil. Er hat ein paar Mal gesagt: Leute, das wird nichts. Aber dass es uns als Vermächtnis vielleicht beeinflusst will ich nicht ausschließen. Es gibt natürlich auch Momente, wo man sich fragt: wir sind jetzt Mitte 50. Wie lange machen wir das und worauf zielt das ab?"    

Aber am liebsten denkt er gar nicht so weit in die Zukunft. Sondern genießt den Moment auf dem Stück Land, das sein Großvater vor 90 Jahren im angolanischen Nirgendwo erobert hat. 

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