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Länderreport | Beitrag vom 19.05.2020

Angeschlagene Verwaltung in BerlinPankow am Rande des Nervenzusammenbruchs

Von Wolf-Sören Treusch

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Baugerüst vor einem neu erbauten Wohnhaus in Pankow, Berlin 2020. (imago/Thomas Seeliger)
Eine wachsende Stadt braucht Neubau: Auch in Pankow müssen neue Wohnungen errichtet werden. (imago/Thomas Seeliger)

Pankow ist mit mehr als 400.000 Einwohnern der bevölkerungsreichste Stadtteil Berlins - und soll weiter wachsen. Doch in Ämtern und Behörden sind hunderte Stellen nicht besetzt. Schule, Wohnungsbau, Verkehr - wer soll das alles regeln?

Zwei junge Frauen setzen sich in Szene: Lasziv mit Kussmund die eine vor einer LED-Pyramide, die andere räkelt sich auf einer riesigen goldenen Mondsichel und wirft einen schwarzen Zylinder in die Luft. Dabei fotografieren sie sich gegenseitig. Ort des Geschehens: "The Wow", Berlins erstes interaktives Selfie-Museum.

Wobei der Begriff "Selfie" in die Irre führt, erklärt einer der Macher, Torsten Künstler. Denn die Besucher kommen meist als Gruppe, wenigstens zu zweit:

"Es ist wie ein kleines professionelles Fotoshooting. Das war auch der Sinn und Zweck der ganzen Aufgabe, dass wir jedermann die Möglichkeit geben, ein professionelles Shooting zu machen."

Berlins erstes Pop-Up-Selfiemuseum. An 25 Sets stehen analoge und digitale Installationen für Instagramer, selfie-freaks und Fotografen zur Verfügung . Die Gründer Torsten Künstler links , Saskia van de Calseijde und Christian Pralle, 13. Februar 2020. (imago)Pankow macht es vor: In dem Bezirk ist Berlins erstes Pop-Up-Selfie-Museum. (imago)

In einem ehemaligen Warenhaus am Rande des Berliner Szenekiezes Prenzlauer Berg hat der Filmregisseur gemeinsam mit Kollegen ein gutes Dutzend Fotosets geschaffen. Es gibt einen Späti- und einen Clubraum, grelle Lichtinstallationen und poppige Bildmotive, Glitzerkonfetti und Bällebäder. Alles in allem eine quietschbunte Erlebniswelt für die Generation Instagram.

Der Bezirk mit dem Selfie-Museum

Das Selfie-Museum "The Wow" steht für den Pioniergeist, der den Prenzlauer Berg über die Grenzen Berlins hinaus bekannt gemacht hat. Gleichermaßen attraktiv für innovative Geschäftsideen wie für junge hippe Neuberliner. Kaum ein Ort in der Hauptstadt hat sich seit dem Fall der Mauer 1989 so verändert wie dieser.

"Natürlich ist Prenzlauer Berg verbürgerlicht, aber Bürgertum ist jetzt auch nicht an sich was Schreckliches", meint Sören Benn von der Linken. Er ist Bürgermeister von Pankow, dem Bezirk, zu dem die Stadtteile Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee im Jahr 2001 im Rahmen der Verwaltungsreform fusionierten.

Seitdem ist Pankow der bevölkerungsreichste Bezirk Berlins: 410.000 Einwohner. Tendenz stark steigend. Denn längst ist er auch der geburtenstärkste Bezirk.

"Die Siedlungsstruktur in Pankow und auch die Grünflächeninfrastruktur ist für Berlin schon relativ einmalig. Sie haben eben sowohl das Zentrum bis fast zum Alex als auch Brandenburg. Also wir sind schon Teil der Barnimer Feldmark."

Je attraktiver Pankow wird, umso stärker der Bezirk wächst, desto mehr Aufgaben kommen auf die Ämter und Behörden zu. Schulbildung, Wohnungsbau, Verkehrsinfrastruktur – das alles will gemanagt werden.

Vor der Fusion 2001 waren in der Bezirksverwaltung etwa 4.000 Menschen beschäftigt, heute etwas mehr als die Hälfte: 2.300. Die Einwohnerzahl ist im gleichen Zeitraum um 50.000 gestiegen.

Bürgermeister will mehr Angestellte

Neues Personal muss her, fordert Pankows Bürgermeister Sören Benn: 

"Verwaltung ist kein Motor, wo du einfach mehr Sprit reintust und dann fährt der schneller. Ein Verwaltungsabbau geht relativ schnell, das kriegt man hin. Aber ein Verwaltungsaufbau auf veränderte Anforderungen, das ist nichts, was von heute auf morgen funktioniert, also da auch nochmal deutlich zu machen: 'Liebe Leute, der Personalaufbau, die Ressourcenausstattung in den Bezirken, die ist noch lange nicht da, wo sie eigentlich sein müsste, damit ihr und wir vor unser aller Wähler treten können.'"

Nach einer aktuellen Prognose wird Pankow schneller wachsen als andere Bezirke in Berlin. Von 14 neuen Stadtquartieren der Zukunft plant die Senatsbauverwaltung allein vier in Pankow. Bis zu 20.000 Wohnungen könnten insgesamt entstehen. Wohlgemerkt könnten. Denn es fehlt nicht nur an qualifizierten Mitarbeitern in der Verwaltung.

Bevölkerungswachstum und Stadtverdichtung

"Also die Pankower haben nicht die Wahrnehmung, dass in Pankow nichts passiert, sondern der Eindruck wächst, das gesamte Bevölkerungswachstum Berlins solle im Nordosten abgeladen werden und woanders passiere zu wenig."

Die Brandmauer eines alten Wohnhause in Berlin-Pankow im Bereich der ehemaligen Mauer, die bei Renovierungsarbeiten freigelegt wurde und Spuren früherer Anbauten zeigt.  (picture alliance/Konrad Weiß)Brandmauer eines alten Wohnhauses Pankow: Der Bezirk braucht dringend Wohnungen, denn Berlin wächst. (picture alliance/Konrad Weiß)

Beispiel: das neue Quartier in der Michelangelostraße nahe der Bezirksgrenze zu Lichtenberg. Zwei Großsiedlungen mit Plattenbauten aus DDR-Zeiten stehen hier. Nun soll nachverdichtet und so die frei stehenden Flächen zwischen den Gebäuden bebaut werden.

Das Gebiet entlang der fast einen Kilometer langen Straße ist eines der größten innerstädtischen Wohnungsbauvorhaben Berlins. 2.500 Wohnungen waren hier ursprünglich geplant, dann 1.500, mittlerweile Stand heute: 1.200. Der Blick von oben aus einem der Elfgeschosser zeigt: Es ist viel Luft zwischen den Hochhäusern.

"Wir waren nie gegen eine Bebauung, weil wir gesagt haben: Ja, wir wissen alle, jeder braucht Wohnungen, in Berlin werden Wohnungen gebraucht, es ist Zuzug nach Berlin' usw. usf. Also ja: Eine gewisse Anzahl von Wohnungen könnte rein theoretisch hier entstehen", sagt Karin Spieker. Sie wohnt seit 1977 hier und ist Vorsitzende im Verein für Lebensqualität an der Michelangelostraße e.V., einer Initiative von Anwohnern, die seit 2015 am Beteiligungsverfahren teilnimmt.

"Wir als Verein haben damals angefangen mit 650 Wohnungen maximal. Aber auf keinen Fall 1.500. Jetzt haben wir immer noch den Gegensatz: 1.200 ist das letzte Wort, das letzte öffentliche Wort des Bezirksamts, des Senats. Wir haben uns dann inzwischen so ein bisschen breitschlagen lassen, muss ich mal sagen, wobei ich mich auch schon wieder drüber geärgert habe, auf 850 Wohnungen zu gehen."

Der Verein will vor allem verhindern, dass die Zahl der Pkw-Stellplätze durch die Nachverdichtung reduziert wird. Aus dem elften Stock sind die enormen Flächen gut zu erkennen, ein Relikt aus DDR-Zeiten. 3.650 Autos finden entlang der Michelangelostraße Platz. Wenn gebaut werden sollte, nur noch die Hälfte, befürchtet die stellvertretende Vorsitzende Gabriele Ahnis: 

"Wir reden ja von Lebensqualität, so nennt sich auch unser Verein. Die meisten Menschen, die hier groß geworden sind - ich rede jetzt hier von unserem Karree und angrenzenden Gebieten -, haben ein Grundstück außerhalb Berlins: in Brandenburg, die berühmte Datsche. Man kommt ohne Auto dort gar nicht hin. Deshalb wollen wir natürlich auch unsere Autos behalten. Die müssen wir auch vor der Haustür, zumindest in der Nähe unterbringen. Deshalb ist unser Kampf auch ein bisschen: Auto ist auch ein Teil der Lebensqualität."

Zweistufige Verwaltung als Problem

Die komplizierten Planungsabläufe der Berliner Verwaltung spielen den Rentnerinnen in die Karten. Das Bezirksamt wird mit dem Bebauungsplanverfahren warten müssen. Das neue Wohnquartier, bestätigt der Bürgermeister, wird frühestens 2035 fertig.

"Aber was heißt fertig? Sie bauen eine Stadt nie fertig. Das Problem daran war in dem Fall nicht, dass der Bezirk nicht in der Lage war, die Planungen voranzutreiben, sondern dass jetzt tatsächlich am Ende des ganzen Bürgerbeteiligungsverfahrens, als man dann fertig war, die Botschaft aus der Verkehrsverwaltung kam: Das kriegen wir so schnell aber nicht hin, wie ihr das jetzt machen wollt."

"Das Hauptproblem besteht in dieser zweistufigen Verwaltung. Der eine schiebt es zum anderen: 'Ich bin es nicht!' Und dann hoch und runter, und links und rechts - das dauert immer ewig."

Auch beim Schulplatzausbau in Pankow hakt es, weiß Juliane Bartel, Vorsitzende des Bezirkselternausschusses für die allgemeinbildenden Schulen: 

"Wenn man für eine Turnhalle eine Genehmigung braucht, um die abzureißen und eine größere hinzubauen, und uns der Stadtrat berichtet, er braucht dafür 15 Monate Planungsarbeit, für eine Turnhalle, und wir haben 37 davon in Pankow, dann verstehe ich die Welt nicht mehr."

24 Schulneubauprojekte für Pankows Kinder

Die Statistik ist eindeutig. Jedes Jahr steigt die Schülerzahl in Pankow um 1.000 bis 2.000. Neue Grundschulen werden gebraucht, zudem sollen temporäre Schulen in modularer Bauweise für Entlastung sorgen.

"Es entwickelt sich was. Wir haben die Schulbauoffensive daraufhin in die Gänge bekommen, aber für uns, für Pankow, ist es nicht ausreichend schnell genug."

Der Bezirk plant 24 Schulneubauprojekte, die meisten davon weiterführende Schulen, denn auch das ist ein Problem: Immer mehr Pankower Oberschüler müssen in andere Bezirke ausweichen, wenn sie ihr Abitur machen wollen – aktuell sind es 3.000.

Verkehrsinfrastruktur, der Bau von Wohnungen und Schulen: Pankow boomt und leidet dabei unter erheblichen Wachstumsschmerzen. Die Coronapandemie tut ein Übriges.

Angesichts steigender Ausgaben und schrumpfender Steuereinnahmen will Berlins Finanzsenator die Mittel für die Bezirke zusammenstreichen. Pankow wäre davon besonders betroffen.

Schon melden sich erste kritische Stimmen: "Die Bezirke kaputt sparen und sich dann wundern, dass die Stadt nicht mehr funktioniert."

Pankows Bürgermeister Sören Benn bleibt gelassen: "Man kann ja nicht in Dauerpanik verfallen."

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