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Religionen | Beitrag vom 19.09.2021

Anfänge der optischen IndustrieEin Pfarrer sorgt für Durchblick

Von Gunnar Lammert-Türk

Nahaufnahme einer alten Brille im Optik Industrie Museum Rathenow. (picture alliance / ZB / Nestor Bachmann)
Rückschau: Ein Museum in Rathenow dokumentiert die Geschichte der optischen Industrie und die Rolle, die ein technisch versierter Pfarrer dabei spielte. (picture alliance / ZB / Nestor Bachmann)

Glas zu schleifen, lernte er bei der Arbeit mit Kindern. Doch dabei beließ es ein Pfarrer aus Brandenburg nicht. Er entwarf eine Maschine, um Brillengläser zu schleifen, und ermöglichte so schon vor über 200 Jahren ihre industrielle Fertigung.

Dass die Stadt Rathenow an der Havel ein "Optik Industrie Museum" beherbergt, ist einem erfinderischen Pfarrer zu verdanken. "Johann Heinrich August Duncker ist 1767 hier in Rathenow geboren", erzählt Bettina Götze, die Leiterin des Museums. Duncker, Sohn eines Pfarrers, habe, wie es damals oft üblich gewesen sei, die Laufbahn seines Vaters eingeschlagen und ein Theologiestudium aufgenommen. "Das war für unsere Region dann in Halle an der Saale, gehörte ja zu Preußen, an der dortigen Universität."

Einsatz in einem Armenviertel

In Halle befasste sich Duncker nicht nur mit Theologie. Wer damals dort studierte, dem wurden auch naturwissenschaftliche Kenntnisse sowie handwerkliche und pädagogische Fertigkeiten vermittelt. Die Absolventen der Universität wurden so auch auf den Einsatz als Missionare vorbereitet. Und für die Arbeit in sozialen Notstandsgebieten.

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"Es ging darum, die Kinder von der Straße zu holen, gerade auch Waisenkinder und sehr arme Kinder", sagt Götze. "In Glauchau, das war ein ganz armes Viertel vor den Toren der Stadt, da lernten die Theologiestudenten es auch, junge Leute zu unterrichten, Kinder zu unterrichten. Und Duncker fand Drechseln und Glasschleifen interessant und hat das im Prinzip erst mal selber erlernt und dann an die Kinder weitergegeben."

Eine bahnbrechende Erfindung

Duncker hatte sich das Glasschleifen auch deshalb angeeignet, weil er sich für die Herstellung optischer Instrumente wie Mikroskope und Brillen interessierte. Als er mit 22 Jahren nach Rathenow zurückkam, um als Pfarrer an der Stadtkirche Sankt Marien und Andreas zu arbeiten, experimentierte er neben seiner Pfarrtätigkeit auf diesem Gebiet. Vor allem befasste er sich mit dem Schleifen von Brillengläsern. Und machte schließlich eine bahnbrechende Erfindung: die Vielschleifmaschine.

Nachbau der Vielschleifmaschine im Optik Industrie Museum Rathenow. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)Mit der Vielschleifmaschine wurde es möglich, Brillengläser und andere optische Linsen schnell und effizient herzustellen. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)

Im Rathenower Optikmuseum steht ein Nachbau der Maschine. Bettina Götze erläutert, wie sie aufgebaut ist:

"Duncker ordnet auf einer quadratischen Grundplatte elf Schleifschalen an. In diesen Schleifschalen bewegen sich dann die Brillengläser, die auf einen Metallkern aufgeklebt werden mit Pech, damit die also wirklich auch fest drauf sind. Und Längsstäbe sind dann dafür zuständig, dass das Glas sich in der Schale bewegt. Das kommt so zustande, dass es an der Seite eine Kurbel gibt, die wird bewegt, von der Kurbel geht ein Riemen auf eine Spindel in der Mitte, und von dieser Spindel gehen zu diesen elf Stäben wiederum Riemen, die dann diese elf Stäbe antreiben."

Aus Handwerk wird Industrie

Zuvor wurde jeweils nur ein Brillenglas in einer Schale mit Sand per Hand bewegt und geschliffen – das Ergebnis war allerdings oft eher unscharf. Nun waren es elf Gläser, und sie wurden über die mit der Spindel verbundenen Metallstangen in gleichmäßiger Bewegung bearbeitet. Um mehrere Stärken herzustellen, wurden verschiedene Schleifschalen verwendet. Damit war die Grundlage für die industrielle Fertigung von Brillengläsern geschaffen.

Historische Darstellung von Samuel Christoph Wagener und Johann Heinrich August von Duncker neben der Vielschleifmaschine. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)Zusammen mit dem Garnisonspfarrer Samuel Christoph Wagener eröffnete Duncker die Königlich privilegierte optische Industrie-Anstalt, die späteren Rathenower Optische Werke. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)

Duncker war der Fachmann, das nötige Kapital gab der in Rathenow tätige Garnisonspfarrer Samuel Christoph Wagener. Am 10. März 1801 erhielten sie vom preußischen König die Konzession zum Betreiben der "Königlich privilegierten optischen Industrieanstalt". Und lieferten gute Arbeit. Duncker war sich dessen bewusst, sagt die Museumschefin:

"Er stempelt seine Brillen mit seinem Namen, sodass er wirklich sagt: Meine Produkte sind von guter Qualität – da können Sie sozusagen sicher sein, der die kauft, der hat dann eine ordentliche Brille."

Linsen auch für Fotoapparate, Fernrohre und Leuchttürme

Brillen wurden zuvor nur in Nürnberg hergestellt, aus gegossenen Brillengläsern. Ob und wie viel dadurch gesehen werden konnte, war eher Glückssache. Dunckers präzise Sehhilfen wurden zunächst im Pfarrhaus und seinen Nebengelassen gefertigt. Von armen Kindern der Stadt, von Militärwaisen und Militärinvaliden.

Nahaufnahme einer alten Brille, auf deren Bügel der Name "Duncker" eingeprägt ist. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)Markenbewusstsein: Auf die Bügel der in Rathenow produzierten Brillen, ließ Pfarrer Duncker seinen Namen prägen. (Archiv Optik Industrie Museum Rathenow)

Und nicht nur Brillen, auch Mikroskope und Fernrohre entstanden hier. Dunckers Sohn Eduard und sein Enkel Emil Busch stellten auch Linsen für Fotoapparate und Leuchttürme her. Sie erweiterten die Firma und führten sie zu Weltruhm. Längst fand die Produktion nicht mehr im Pfarrhaus statt. Neben der "Rathenower optischen Industrieanstalt", wie die Fabrik inzwischen hieß, gab es viele kleine "Waschküchen-" oder "Kellerbetriebe".

Das Museum hat durchgezählt. Bettina Götze: "Am Ende des 19. Jahrhunderts gibt es hier 163 verschiedene optische Betriebe. Die Zahl können wir nachweisen. Und die Zahl der Einwohner ist von 1800 bis 1900 von 4000 auf 20.000 gewachsen."

Spuren der Vergangenheit

Bis in die DDR-Zeit blieb Rathenow von der optischen Industrie geprägt. Nach dem Fall der Mauer ging die Zahl der hier Beschäftigten rapide zurück, mit ihr auch die Zahl der Einwohner der Stadt.

Büste von Johann Heinrich August Duncker in Rathenow. (Deutschlandradio / Gunnar Lammert-Türk)Auf dem Bahnhofsvorplatz von Rathenow erinnert ein Denkmal an den Pfarrer und Erfinder Johann Heinrich August Duncker. (Deutschlandradio / Gunnar Lammert-Türk)

Mehr als 200 Jahre nach der Entwicklung der Vielschleifmaschine erinnert in Rathenow eine Porträtbüste am Bahnhofsvorplatz an ihren Erfinder, den Pfarrer Johann Heinrich August Duncker. An seinem Geburtshaus gibt es eine Gedenktafel. Auf Spuren der durch seinen Erfindungsgeist ausgelösten großen Vergangenheit trifft man überall. Verblasste Aufschriften auf Häusern deuten auf ehemalige optische Werkstätten.

Optisches Handwerk über Generationen hinweg

Und auf dem Friedhof findet sich nicht nur Dunckers Grab und das seines Enkels Emil Busch. Daneben gibt es eine ganze Reihe, jeweils mit einer Brille markierten, sogenannte "Optikergräber" von Unternehmerfamilien, die an der optischen Industrie von Rathenow beteiligt waren.

Dort pflegt gerade Sabine Benndorf das Familiengrab: "Karl Scharnbeck, mein Urgroßvater, hat diese optische Firma einmal gegründet. Mein Großvater Georg Scharnbeck hat sie dann weitergeführt seit den 20er-Jahren und mein Vater, nachdem mein Großvater verstorben ist 1969. Dann wurde diese Firma verstaatlicht, musste 1972 verkauft werden. 1990 konnten meine Eltern die Firma zum Verkaufspreis von 1972 wieder zurück erwerben, und mein Bruder führt die optische Firma heute weiter an demselben Ort."

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