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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 26.04.2021

Andres Veiel zu #allesdichtmachen"Der Empathiemuskel muss bei uns allen trainiert werden"

Anders Veiel im Gespräch mit Anke Schaefer

Illustration: Eine Person in der Krankenpflege schiebt eine Liege den Korridor entlang. (imago / Ikon Images / Pascal Fossier)
Sich in die hineinversetzen, die in der Pandemie "an der Front" stehen: Andres Veiel vermisst das bei vielen. (imago / Ikon Images / Pascal Fossier)

Die Kritik an der Video-Aktion #allesdichtmachen reißt nicht ab. Regisseur Andres Veiel attestiert den beteiligten Schauspielerinnen und Schauspielern mangelnde Empathie. Seine Befürchtungen gehen aber noch weiter.

Viel Empörung haben die Schauspielerinnen und Schauspieler auf ihre Videos unter #allesdichtmachen geerntet. Was angeblich als ironische Aktion gegen die Coronapolitik gemeint war, ruft immer mehr Gegenreaktionen hervor. So auch von medizinischem Personal, das unter #allemalneschichtmachen oder #allenichtganzdicht auf die Dramatik der Pandemie aufmerksam macht - zu Recht, wie Regisseur Andres Veiel findet. 

Andres Veiel im Porträt (imago / Future Image)Der Regisseur und Filmemacher Andres Veiel (imago / Future Image)

Die ursprünglich 53 beteiligten Schauspieler seien "aus einem Mangel an Empathie, einem Mangel an Erfahrungen" vorgeprescht. Er selbst habe nach einem Unfall erlebt, wie die Beschäftigten im Krankenhaus alle am Limit seien. Dennoch versuchten sie "mit der Kraft, die ihnen noch bleibt, einen Rest von Menschlichkeit" in der Pflege zu ermöglichen.

Veiel macht dabei auf ein "fast symptomatisches" Ungleichgewicht aufmerksam: Ein erfolgreicher Schauspieler verdiene 40 oder sogar 100 Mal mehr als eine erfolgreich arbeitende Krankenschwester. "Ich will den Schauspielern überhaupt nicht ihr Honorar streitig machen", betont er. "Sie sind großartige Menschen, die einem auch sehr viel geben können mit ihrer Kunst und ihren Möglichkeiten. Aber es zeigt umgekehrt, wie das auseinanderdriftet, wie eine Verhältnismäßigkeit auseinanderdriftet." Veiel zeigt sich besorgt im Hinblick auf die gesamte Gesellschaft: "Ich glaube, der Empathiemuskel muss bei uns allen dringend trainiert werden."

Verlust an Empathie: der größere Schaden der Pandemie?

Auch durch die Pandemie seien alle in ihren Blasen: "Wir bewegen uns nur in unseren eigenen Kreisen. Es fehlt das Sich-Hineinversetzen in diejenigen, die jemanden verloren haben, in diejenigen, die tagtäglich an der Front stehen. Das ist etwas, was ein genereller Verlust ist und vielleicht der viel größere Schaden der Pandemie: dass uns immer mehr Empathie verloren gegangen ist." Wenn wir den Empathiemuskel nicht trainierten, kämen wir wohl "richtig beschädigt" aus der Pandemie heraus.

(bth)

Der Filmemacher, Regisseur und Autor Andres Veiel (*1959 in Stuttgart) studierte Psychologie und absolvierte parallel eine Ausbildung in Regie und Dramaturgie am Künstlerhaus Bethanien in Berlin, unter anderem bei dem polnischen Filmregisseur Krzysztof Kieślowski. Einem großen Publikum wurde Veiel 2001 durch den Dokumentarfilm "Black Box BRD" bekannt, der zahlreiche Preise bekam. 2011 lief sein erster Spielfilm "Wer wenn nicht wir", dem weitere Filme folgten. 2005 wurde sein Theaterstück "Der Kick" uraufgeführt und feierte große Erfolge. 2017 hatte der Dokumentarfilm "Beuys" auf der Berlinale Premiere. Zuletzt lief sein Film "Ökozid" im Ersten.

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