Andrej Seuss: "Der Vice-Malik"

Berliner Bohème und Pariser Exil

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"Vom Stammtisch im Café des Westens": Else Lasker-Schüler-Ausstellung "Die Bilder" im Hamburger Bahnhof.
Hier traf Baron von Maltzahn vermutlich Franz Marc und Gottfried Benn: Else Lasker-Schülers legendärer Stammtisch im Café des Westens. © picture-alliance / POP-EYE / POP-EYE / HEINRICH
Andrej Seuss im Gespräch mit Shelly Kupferberg · 19.11.2022
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Fast vergessen: Hans-Adalbert von Maltzahn wuchs in konservativen, adligen Kreisen auf. Nicht zuletzt seine Freundschaft mit Else Laske-Schüler veränderte seine Perspektive. Autor Andrej Seuss über einen heute weitgehend unbekannten Intellektuellen.
Kulturjournalist, Theaterliebhaber, Schöngeist: Hans-Adalbert von Maltzahn war ein enger Freund Else Lasker-Schülers und ein ausgesprochener Freigeist, der allerdings in Vergessenheit geraten ist. Wieder entdeckt hat ihn der Autor Andrej Seuss.
Der betreut in Friedberg in Hessen das Henry-Benrath-Archiv. Beim Besuch einer Ausstellung zu Andreas Walser im schweizerischen Chur 2017 weckte ein Bild sein Interesse, auf dem ein „Baron von Maltzahn" zu sehen war. Er fand heraus, dass der Porträtierte mit Else-Lasker-Schüler befreundet war. Sie widmete ihm sogar einige Gedichte. Er suchte weiter. „Mit jeder neuen Quelle wurde die Person von Maltzahn interessanter“, sagt Seuss.

Zunehmendes Interesse für Theater und Kunst

Hans-Adalbert von Maltzahn kam aus adligem Hause, er erfuhr in seiner Jugend militärischen Drill und genoss eine protestantische Erziehung. Wie wurde aus ihm ein Pazifist, der sich gegen Homophobie und Antisemitismus stark machte?
Schon sehr früh hatte von Maltzahn Probleme mit dem preußischen Drill, dazu kam seine offenbar schlechte Gesundheit. „Er war im Grunde ein schmächtiger und zarter Junge, der nicht zum Militär taugte und offenbar auch nicht zum Staatsbeamten“, sagt Andrej Seuss. Die Beamtenlaufbahn wäre nämlich der Plan seiner Eltern für ihn gewesen.
Von Maltzahn interessierte sich hingegen für zunehmend für Literatur und Theater, er lernte Else Lasker-Schüler kennen. Sie zeigte ihm, was noch möglich war: ein Leben abseits strenger Konventionen.

Journalist und Zeitchronist

Else Lasker-Schüler führte den Freund in ihr "Wohnzimmer", das Café des Westens ein. Man könne annehmen, dass von Maltzahn mit den Intellektuellen dort bekannt war, sagt Seuss. „Nimmt man die Erzählung der Malik als Schlüsselerzählung, kann man davon ausgehen, dass er auch Franz Marc und Gottfried Benn kannte.“
Ein weiteres Schlüsselerlebnis war der Erste Weltkrieg. Bereits im Februar 1915 schrieb er dem Komiker Karl Kraus, er wolle "nicht mehr mitlügen in diesem widerlichen Menschheitstheater". Der Konflikt mit seinem Vater, einem Generalmajor, schien vorprogrammiert.
Später in Paris arbeitete von Maltzahn als Korrespondent vieler deutscher Zeitungen. Dort pflegte er Kontakte mit den ersten Exilanten wie Ivan und Claire Goll oder Rudolf Leonhard, der die Trauerrede auf seiner Beerdigung hielt. Er starb 1934 mit nur rund vierzig Jahren.
Zahlreiche Nachrufe zeigten seine Menschlichkeit und die Unterstützung für Freunde, sagt Autor Andrej Seuss. Und auch als Kulturjournalist hätte ihm "wahrscheinlich noch eine große Zukunft bevorgestanden.“

Andrej Seuss: "Der Vice-Malik"
Hans-Adalbert von Maltzahn – Berliner Bohème und Pariser Exil
Vergangenheits Verlag , Berlin 2022
332 Seiten, 24 Euro

(ros)
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