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Buchkritik | Beitrag vom 12.07.2021

Andreas Speit: "Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus"Alternativ und rechts

Von Philipp Schnee

Das Cover des Buches von Andreas Speit, "Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus", auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Ch. Links Verlag)
Andreas Speit ist ein Kenner der rechten Szene. In seinem neuen Buch analysiert er die "Querdenken"-Bewegung. (Deutschlandradio / Ch. Links Verlag)

Auch sich selbst eher als links verstehende Milieus sind anfällig für rechtes Gedankengut. Der Experte für Rechtsextremismus Andreas Speit analysiert die Gruppen, die nicht zuletzt bei den "Querdenkern" den Zusammenschluss mit Rechts gefunden haben.

Die "Querdenken"-Bewegung wird heute vom Verfassungsschutz beobachtet. Fast vergessen ist, wie zu Beginn der Anti-Corona-Maßnahmenproteste von einer "bunten Mischung", von einem "Völkchen aus Regenbogen- und Reichskriegsflaggenträgern, aus Meditierenden im Schneidersitz" die Rede war. Darin eine ernsthafte Gefahr zu sehen, dagegen verwahrten sich zunächst viele Beobachter.

Linke Selbstverortung und rechtes Gedankengut

Der Journalist und Publizist Andreas Speit analysiert den "Querdenken"-Protest und seine Einzelteile, wobei er sich hier insbesondere auf die als "alternativ" oder tendenziell eher als "links" wahrgenommenen Milieus konzentriert. Ihn, als langjährigen Beobachter der rechtsextremen Szene, überrascht die Überraschung vieler, dass eben auch diese Milieus für rechte Gedanken und rechtsextremes Gedankengut offen und anfällig sind und waren.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Aber, alternativ und rechts zu sein, ist eben kein Widerspruch, genauso wenig wie eine linke Selbstverortung und rechtes Gedankengut, zum Beispiel Umweltliebe und Verschwörungsglaube. Andreas Speit tritt an, dieses Milieu genauer auszuleuchten.

Freiheitsliebe postulieren und dabei die körperliche Unversehrtheit vieler Mitmenschen ignorieren – für Speit zeigt sich bei den Corona-Protesten eine starke Ich-Bezogenheit, Folge einer "Entkultivierung des Bürgertums", einer neuen rohen Bürgerlichkeit. Von links kommen, nach rechts gehen, so beschreibt er die Entwicklung der "Querdenken"-Proteste, die auch Demonstranten aus der gut ausgebildeten, gut verdienenden Bio-Boheme mit ihrer Offenheit für Homöopathie, Waldorf-Pädagogik, Esoterik und Anthroposophie anzog.

Eine neue "Lebensreformbewegung"

Speit beschreibt dies als eine dritte Lebensreformbewegung, die eben auch das problematische Erbe des Antimodernismus und Irrationalismus mit ihren Vorläufern Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts, den Lebensreformern der 20er-Jahre und den 68er-Lebensreformern, teilt. Eine Such- und Gegenbewegung zur industriellen Moderne, teilweise auch zu Humanismus und Emanzipation.

Diese verfolgt er dann in einzelnen Kapiteln über Impfkritikerinnen, Alternativmedizin, Waldorfschulen und Anthroposophie bis hin zur Tierrechts- und Veganszene. Dabei schält er ihre Ambivalenzen und Fragwürdigkeiten, aber auch eindeutig rechte Tendenzen heraus.

Holocaust-Vergleiche

Etwas zu kurz kommt die Analyse dessen, was solche Milieus so anfällig machen kann für rechten Verschwörungsglauben. Ein Beispiel: Speit schreibt ausführlich über die Vegan- und Tierrechtsszene, beschränkt sich dabei aber vor allem auf einzelne Aspekte, insbesondere die immer wieder provozierend eingesetzten Holocaust-Vergleiche.

Holocaustverharmlosung also, etwas das nachweislich in die rechtsextreme Richtung geht. Dadurch wird aber das Milieu als Ganzes, die Art des Denkens, aus der die Anschlussfähigkeit und Gefahr droht, nicht so gut beschrieben. An diesem Punkt hätte man sich mehr Zusammendenken der einzelnen Strömungen gewünscht.

So bleibt das Buch konzeptionell etwas inkonsequent: einerseits eine Analyse der "Querdenken"-Bewegung, andererseits eine Untersuchung rechter Tendenzen in alternativen Milieus, beides aber nicht bis zum Ende durchgeführt.

Dennoch: Speits Buch ist wichtig, weil es zeigt, was zu oft aus dem Blick gerät: dass rechtes Denken, rechte Gedanken nicht erst mit der NPD-Mitgliedschaft beginnen, sondern auch in alternativen, sich als links verortenden Milieus auftauchen können.

Andreas Speit: "Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus"
Ch. Links Verlag, Berlin 2021
240 Seiten, 18 Euro

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