Interview / Archiv 25.10.2017

André Heller zur Eröffnung des Weltmuseums in Wien "Ort, an dem mein Bewusstsein verändert werden kann"Moderation: Dieter Kassel

Einblick Saal "Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!" im Weltmuseum Wien (Copyright KHM-Museumsverband)Blick in den Saal "Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie" im Weltmuseum Wien (Copyright KHM-Museumsverband)

In Wien eröffnet nach drei Jahren Umbau das neue Weltmuseum. Der Künstler André Heller, der die Show am historisch belasteten Heldenplatz verantwortet, will ein Zeichen setzen für ein weltoffenes Österreich. Für Heller und das Museum heißt das Motto: weg vom Eurozentrismus.

Dieter Kassel: Wie viele andere europäische Städte besaß auch Wien bislang ein Völkerkundemuseum. Nach gut drei Jahren Umbauzeit wird an seiner Stelle, nämlich mitten in der Wiener Hofburg, heute Abend das neue Weltmuseum eröffnet. Natürlich nicht einfach so. Es gibt dazu - nicht in der Hofburg, sondern auf dem Heldenplatz in Wien - eine große Eröffnungsveranstaltung, eine feierliche Veranstaltung. Eine Show  gehört auch dazu. Das Ganze kuratiert von André Heller. Ich habe mich  mit André Heller deshalb über dieses neue Museum vor der Sendung unterhalten, und ich habe André Heller gefragt, wo denn für ihn eigentlich der Unterschied liegt zwischen einem Völkerkundemuseum und diesem neuen Weltmuseum.

André Heller: Na ja, das traditionelle Völkerkundemuseum in meiner Jugend war aufgrund des Namens ein Anziehungspunkt, wo ich mich informieren konnte darüber, was es an Zwischentönen, an kulturellen Traditionen, an Schönheiten, an Merkwürdigkeiten außerhalb von der engen, mich sehr, sehr einschränkenden Welt in Wien gegeben hat. Und mittlerweile war das dann geschlossen, viele Jahre, das sogenannte Völkerkundemuseum, und jetzt sperren sie es auf unter dem Titel Weltmuseum. Und das halte ich für einen richtigen Titel, denn es ist der Ort, wo die Kulturen der Welt zu Hause sind, zumindest in Stichproben, sagen wir so.

Andre Heller bei einer Lesung zu seinem neuen Buch "Das Buch vom Süden" in Gmunden (imago/Rudolf Gigler)Kurator Andre Heller (imago/Rudolf Gigler)

Es spielt eine gewaltige Rolle in einer Zeit, wo das Fremde bei vielen Menschen so ein schlechtes Ansehen hat. Einer der Gründe, warum etwas so ein schlechtes Ansehen hat, ist, weil man nichts darüber weiß. Und weil es erstaunlich ist, dass in einer Welt, in der es immer mehr Informationen gibt, immer mehr Menschen ganz schlecht informiert sind.

Epizentrum der Stadt

Auch vor dem Hintergrund des letzten österreichischen Wahlergebnisses, finde ich, dass es nicht Zufall ist, dass jetzt gerade dieser Ort eröffnet wird, der ein Epizentrum der Stadt ist, auf dem Platz, wo sich immer schon Geschichte abgespielt hat, wo der Hitler den Eintritt Österreichs ins Deutsche Reich bekanntgegeben hat, wo wir unsere großen Demonstrationen gemacht haben, die wir gegen Rechts aufgetreten sind seit Jahrzehnten, damals gegen den Jörg Haider und andere oder gegen den Waldheim. Da findet dann dieses Museum statt, dort findet aber allerdings auch eine Open-Air-Veranstaltung statt, die ich kuratiere.

Das Gebäude des Weltmuseums Wien  (Copyright KHM-Museumsverband)Weltmuseum Wien (Archivaufnahme) (Copyright KHM-Museumsverband)

Kassel: Diese Eröffnungsveranstaltung, wie politisch wird die denn sein? Es wird natürlich – ich glaube, das erwarten alle von Ihnen, das ist auch angemessen – auch eine große Show, die die Menschen auch über den Bauch erreicht, über ihre Gefühle. Aber wie viel Kopf wird da sein?

Heller: Wir haben nicht sehr viel Geld dafür und alle meine Mitarbeiter und ich machen das gratis. Wir wollen einfach unseren Beitrag auch an Freude dazu leisten, dass das jetzt endlich wieder aufgesperrt ist und zum Beispiel die Generation meines Sohnes zum ersten Mal in Wien dann in so ein Museum hineingehen kann – oder in so einen Ort der Begegnung, das ist eigentlich ein besserer Ausdruck als ein Museum.

Die Veranstaltung am Heldenplatz, da wird der Bundespräsident sprechen, den wir Gott sei Dank haben in der Situation, der der einzige europäische grüne Bundespräsident ist. Und wir lesen auch noch Gedichte vor und Literatur aus fremden – unter 100 Anführungszeichen – Ländern. Der Karl Valentin, einer der fantastischsten Deutschen, die je gelebt haben, hat ja diesen herrlichen Satz gesagt: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde. Und insofern beginnt ja die Fremde auch ganz woanders. Wenn ich in Wien oft um mein Eck gehe im Ersten Bezirk und ich höre ein Ehepaar miteinander reden, dann habe ich aufgrund des Gesprächsinhalts schon häufig das Gefühl, ich bin total in der Fremde. Dieses Gefühl habe ich aber zum Beispiel in Marokko oder in Papua-Neuguinea so nicht. Also jeder hat was anderes, wo er keinerlei Zugehörigkeitsgefühl hat.

Hören Sie zur Eröffnung des Weltmuseums auch unser Gespräch mit dem Kunstwissenschaftler und Journalisten Nikolaus Bernau der Sendung "Fazit" vom 24.10.2017:

Kassel: Und zeigt nicht auch das, was da jetzt ja fast parallel passiert in Österreich, diese Eröffnungsveranstaltung, dann dieses neue Museum, das dann ab diesem Abend und auch natürlich danach jedem zugänglich ist auf der einen Seite, wo man ja auch versucht wegzukommen von diesen alten völkerkundlichen Darstellungen, die oft ja sehr eurozentristisch waren, zu mehr Zusammensein, zu mehr inter…

Heller: Kolonialistisch waren sie häufig.

Kassel: Das natürlich auch … Wo man also davon aktuell weg will, gerade an diesem speziellen Ort, und wenn man sich die politischen Verhältnisse anguckt, dann haben natürlich in Österreich ungefähr 60 Prozent der Menschen Parteien gewählt, die wieder mehr Nation wollen, die weniger Europa, weniger Internationalität wollen. Zeigt das nicht auch, wie gespalten nicht nur, aber eben auch die österreichische Gesellschaft gerade ist?

Gespaltene Gesellschaften

Heller: Ja, das ist ja gar keine Frage, aber das ist in ganz Europa so. Und das ist in Amerika so. Und was wir brauchen, ist ein Wissen um einander und einen Respekt vor dem, was woanders stattfindet. Mich hat das immer, immer, immer beschäftigt: Was ist woanders das Selbstverständliche, und wie wenig wissen wir darüber? Und die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander und Voraussetzung für einen Respekt vor Menschen in Not und vor Flüchtlingen und auf der Flucht befindlichen Erwachsenen und Kindern, die ist: Was weiß ich, warum machen die das, was ist bei denen zu Hause los? Ich muss was wissen über Politik, ich muss was wissen über Geografie, ich muss wissen, was der Klimawandel in Syrien bewirkt hat, warum Hunderttausende und Hunderttausende vom Land in die Stadt gezogen sind, weil es jahrelang nicht geregnet hat und die Landwirtschaft keine Chance mehr gehabt hat. Wir sind verpflichtet und dazu aufgerufen, wirklich informiert zu sein über die Umstände, in denen andere leben, über die Ursachen von Nöten, aber auch über das, was ihre Gewohnheiten, was ihre Traditionen, was ihre Rituale sind.

Kassel: Wir müssen das wissen, wir sind dazu aufgerufen, wir sind dazu verpflichtet, das haben Sie alles gerade gesagt. Aber zwei Dinge dazu: Haben Sie wirklich den Eindruck, dass viele Menschen diese Verpflichtung empfinden, das wissen wollen? Und zweitens: Kann man das nicht sogar alles wissen und trotzdem sagen, mir egal, ich möchte sichere Grenzen?

Heller: Ja, man kann natürlich immer einen ignoranten Grundstandpunkt einnehmen oder sich manipulieren lassen, in Ängste zu kommen, wo plötzlich alles, was wahr ist, anrüchig wird. In Amerika sehen wir das ja mit großer Macht stattfinden, jeden Tag unter der Regierung Trumps, wie das Informiertsein keine Relevanz mehr hat für Hunderttausende und für Millionen. Und es ist auch auffallend, dass es eine große Gruppe von Menschen gibt, auch in unserer Gesellschaft, die direkt verliebt sind in den Glauben an etwas, was nachweislich vollkommen falsch oder verrückt ist.

Mexiko, Azteken, frühes 16. Jahrhundert Federn von Quetzal, Kotinga, Rosalöffler, Cayenne-Fuchskuckuck, Eisvogel; Holz, Fasern, Papier, Baumwolle, Leder, Gold, Bronze, vergoldet H. 116, B. 175 © KHM-Museumsverband (© KHM-Museumsverband)Altmexikanischer Federkopfschmuck aus dem 16. Jahrhundert (© KHM-Museumsverband)

Kassel: Lassen Sie uns noch mal, Herr Heller, kurz zum Schluss auf das Weltmuseum zurückkommen. Sie haben ja schon so schön beschrieben, wie gerne Sie früher – früher, die Zeit vergeht, vor 60 Jahren ungefähr – in das alte Völkerkundemuseum gegangen sind. Nach dem, was Sie jetzt schon über dieses neue Museum, über die neue Dauerausstellung, über die jetzt für den Anfang geplanten Sonderausstellungen wissen: Wird das Weltmuseum ein Ort sein, an dem Sie – so Sie die Zeit ab und zu mal haben – viel Zeit verbringen werden in Zukunft?

Spannend, lehrreich, inspirierend

Heller: Natürlich, ich werde dort mit meinen Enkeln hineingehen, ich werde mit meinem Sohn, der jetzt 29 ist, hineingehen, weil das vorher in Wien nicht da war. Es ist ja auch so spannend und so lehrreich und so inspirierend, was andere an Zwischentönen in ihrer Kultur haben. Und wir müssen uns vollkommen abgewöhnen, dass unsere Kultur was Wichtigeres, Kostbareres oder Ehrenwerteres ist als die von Aborigines in Australien oder von irgendwelchen Ritualen in Neuseeland oder von aztekischen, noch immer vorhandenen Traditionen in Südamerika. Wir sind nichts Besseres. Wir sind ein Teil in diesem gigantischen Puzzle, das wir Welt nennen, aber da sind wir ein Steinchen. Und man hat auch gesehen, dass auch die Kultur, selbst dort, wo sie weit verbreitet ist und in den Köpfen der Menschen eine Rolle spielt, nicht davon abhält, dass so was wie die Nazi-Jahre passiert.

Kassel: Kann tatsächlich so ein Museum uns vor irgendwas bewahren?

Heller: Nein, das ist ein Ort mehr, wo ich hingehe und mir den Trost aus der Fremde holen kann und wo ich mich verfeinern kann eigentlich, wo mein Wissen aufgeforstet wird, wo mein Bewusstsein verändert werden kann. Es zahlt sich aus, hinzugehen. Was dann mit einem passiert, wird sehr unterschiedlich sein von Fall zu Fall. Vielleicht geht einer rein und spuckt auf eine bestimmte Maske und ein anderer geht rein und begreift was, und begreift, dass zum Beispiel Gott bei keinem Verein ist und dass jede Religion, die sich anmaßt, dass sie Gott als exklusiven Spieler in ihrer Mannschaft hat, einen gewissen Verrücktheitsgrad hat. Gott spielt nicht für den FC Vatikan oder für den FC Klagemauer oder für den FC Buddha oder den FC Bahai oder was auch immer, sondern er spielt für uns alle und er ist in uns und wir sind in ihm. Auf solche Sachen kann man in solchen Museen drauf kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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