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Profil / Archiv | Beitrag vom 11.06.2012

Anders sein

Die Documenta-Künstlerin Judith Hopf im Portät

Von Eva Hepper

"Wie ein Ei dem anderen" sagt man - gegen diese Gleichschlatung des Individuums kämpft Judith Hopf. (dpa)
"Wie ein Ei dem anderen" sagt man - gegen diese Gleichschlatung des Individuums kämpft Judith Hopf. (dpa)

Poetische bisweilen schräge Bilder sind Judith Hopfs Spezialität. Die an der Frankfurter Städelschule als Gastprofessorin lehrende Künstlerin arbeitet mit verschiedensten Medien. Sie dreht Filme und Videos, sie macht Skulpturen, Zeichnungen und Performances.

Es passt einfach nicht. Das Ei kann sich drehen und wenden, wie es will. Es passt nicht durch diese Tür. Was für ein merkwürdiges Szenario.

"Was ich an diesem Ei eben so gerne mochte, war, dass es halt wirklich nicht geht. Also, ein Ei kann nicht irgendwie sich einpassen, weil es gibt keine Flexibilität. Das Ei hat halt einfach so ne lustige Dramatik, weil man's einfach weiß: das ist so, oder kaputt."

Das Ei, das Judith Hopf in ihrem Video "Some End of Things: The Conception of Youth" durch ein modernes Gebäude aus Stahl und Glas laufen lässt, ist wirklich fehl am Platze. Es passt nicht durch die Tür und nicht ins System. Ein zartes und doch machtvolles Bild für Nicht-Kompatibilität, Andersartigkeit - für ein Einzelnes, Besonderes in einer genormten Umgebung. Tatsächlich sind gesellschaftliche Festschreibungen und Machtverhältnisse im Politischen wie im Privaten zentrale Themen für Judith Hopf:

"Ich erlebe den schon sehr direkt, den Druck. Es ist einfach interessant, dass wir so starke Druckverhältnisse die ganze Zeit gegeneinander aufbauen. Scheinbar, um Erfolg zu erleben. Ich bin auch wahnsinnig ehrgeizig, sonst würde ich das nicht machen mit der Kunst, das schafft man sonst auch nicht. Aber gleichzeitig habe ich so einen gewissen Widerstand dagegen, dass man so gleichgemacht wird, das ist tyrannisch, weil doch jeder anders tickt! Das ist dann schade, wenn überall dasselbe Maß angelegt wird. Ich würde mich immer für das Besondere aussprechen."

Die Tür zum Atelier von Judith Hopf, in einem typischen Kreuzberger Hinterhof, steht häufig offen. Bemerkbar macht man sich durch Rufen. Die Begrüßung ist freundlich. Es geht vorbei an vielen Tischen, an Kartons, an Rechnern und Kabeln und einem dicken Kater, der er sich auf einem Stapel Luftpolsterfolie gemütlich gemacht hat. Es läuft Musik - "Do your thing" von Moondog. Und am großen Tisch im großen Raum kommt man schnell ins Gespräch:

"Ich finde, dass Kunst echt Leben retten kann. Ich erinnere mich noch genau, wie ich als Teenager Giacometti gesehen habe und dachte: Hey, Mann! Wow! Und so ist das mit Musiken, und so ist es mit Schauspiel... Was weiß ich, Tati zufällig im Fernsehen zu sehen, dann ist man da 21 und hängt müde vor dem Fernseher und denkt: Was ist das denn?. Ich finde das einfach ganz toll, wenn Leute was anderes hinkriegen, und was zum Ausdruck bringen können. Das habe ich mir gemerkt. Wenn man so was Tolles findet, dass man dann denkt, Ja, wenn man nur halb so was Tolles mal hinkriegen würde, dann hätte es sich ja schon gelohnt! Und das finde ich, rettet dann wieder Leben."

Judith Hopf wird 1969 in Karlsruhe geboren. Ihre Jugend fällt in die Helmut Kohl-Ära - eine Zeit, die sie als lähmend spießbürgerlich empfindet. Das konservative Gesellschaftsmodell mit fest gefügten Geschlechter- und Rollenbildern ist ihr zu eng. Die Kunst aber - und seien es nur die kleinen, subtilen Alltagsverschiebungen eines Jacques Tati - erzählt von einer anderen Welt.

1996 nach einem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Bremen geht Judith Hopf nach Berlin an die Hochschule der Künste. Es ist die richtige Zeit für Experimente. Jede Nacht eröffnet ein neuer Club, jeden Tag eine neue Galerie. Und Judith Hopf lädt ein in ihre "supersalons" - eine Veranstaltungsreihe mit Kolleginnen aus Kunst und Theorie, Film und Mode. Kollektiv zu arbeiten, ist ihr wichtig. Seit dieser Zeit entstehen Werke in den unterschiedlichsten Medien: Zeichnungen, Performances, Installationen, Skulpturen und Filme.

Gesang von Judith Hopf, Musik von Jusko Trust - zum Film "Hey Produktion". Judith Hopf hat ihn gemeinsam mit Freunden und Kollegen gedreht. Gesellschaftliche Verhältnisse bringt sie hier zum Tanzen. Buchstäblich: Mit einer Art Autonomenballett, dargebracht im Park. Irritierend unprofessionell sieht das aus, doch gerade darin liegt für Hopf eine ganz eigene Kraft.

"Ich glaube, dass man gar nicht unbedingt so einen perfektionierten Umgang mit Gegenständen oder Dingen in der Welt pflegt, sondern, dass man immer diese Dinge mit sich in so einer Kommunikation empfindet, und dass man immer versucht, sie umzuwidmen, oder zusammenzubasteln, mit dem zu arbeiten, was um einen herum liegt, sozusagen... Es ist eben sehr erzählerisch auch, wie ich auf die Welt der Dinge zugehe oder auch umgekehrt, wie mich die Welt der Dinge zurück anschaut. Also ich sehe immer laufende Tische oder erschöpfte Vasen oder eben was, was wieder in den Filmen so auftaucht."

Es sind viele Filme, die Judith Hopf in den letzten zehn Jahren gedreht hat. Und oftmals steht - wie auch in ihren anderen Arbeiten - die Frage im Mittelpunkt, in welchen Strukturen wir uns bewegen? Und ob wir nicht auch anders leben können, würden wir sie hinterfragen?

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