Ampel-Koalition

    Regierungsbündnis für Romantiker

    04:19 Minuten
    Robert Habeck (Grüne)
    Spindoktor der Ampel-Koalition: Robert Habeck (Grüne) nach den Sondierungsgesprächen. © picture alliance / dpa / Michael Kappeler
    Ein Kommentar von Matthias Buth · 27.10.2021
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    Bei aller Pragmatik und Realpolitik umweht die Koalitionsverhandlungen der Geist der Deutschen Romantik, meint Matthias Buth. Der Lyriker und Jurist betont, wie einflussreich dieses tief in der deutschen Politik verwurzelte Gefühl noch immer ist.
    Es soll alles anders werden: Aufbruch und Erneuerung, Zukunftsversprechen, historisch und gegen den Status quo, für das geschichtliche Bewusstsein. Der Spindoktor, der solche Begriffe in die politische Debatte einführt, ist ein Dichter und Denker: Es ist Robert Habeck, der Philosophie studierte und 1990 einen Gedichtband veröffentlichte mit dem sprechenden Titel "Das Land in mir". Und Habeck lebt in der Sprache, sagt "Heimat ist Sprache" und betont, die politische Sprache müsse "Identitätsangebote" machen. Wie wahr.
    Es weht der Geist der Romantik in die öffentlichen Erklärungen von Habeck. Er ist die Seele der neuen Grünen, Annalena Baerbock eher die Jeanne d’Arc für eine bessere Welt und zugleich eine Brechtsche Mutter Courage, die niemanden zurücklassen will. Die Grünen-Parole im Wahlkampf war: "Bereit, weil Ihr es seid". Ein Ausdruck wie aus der Wandervogelbewegung und auch wurzelnd in der Pfadfindersprache, die forderte: Allzeit bereit.

    Politische Romantik lebt in der Koalition fort

    Dieses politische Bereitsein richtet sich an – ja an wen? An die Wahlbürger, die Deutschen gar, an eine diffuse Zivilgesellschaft? An das "Land in mir"? Ja, das muss es sein. Das "Geheime Deutschland" des George-Kreises ist wohl nicht gemeint, aber doch ein unsichtbares Gebilde von Gerechtigkeit, Respekt und Geborgenheit.
    Das evoziert Begriffe aus der Frühromantik, denn Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, umschrieb ein sehr emotionales Verhältnis zum Staat, in dem man wie in seiner Geliebten leben müsse, dann werde sich "niemand über Abgaben beschweren".
    Dieses Denken wird als Politische Romantik bezeichnet, und sie lebt in der sich anbahnenden Koalition fort. Thomas Mann hat bereits 1945 im Essay "Deutschland und die Deutschen" zu einer "romantischen Gegenrevolution" aufgerufen. Das wirkt fort. Die Grünen sehen sich immer noch als Bewegung, welche sich mit jener der Romantik als "kulturkritische Protestbewegung" verbinden lässt.

    Eine deutsche Affäre oder ein europäisches Ereignis?

    Das Ampel-Bündnis skizziert politische Ideen, mit denen sich aber die vielen Zerrissenheiten in Staat und Gesellschaft, in den Vorstellungen von Volk und Republik, Teilhabe und Respekt, Recht und Gerechtigkeit nicht schließen lassen. Das ginge nur in einer totalen Staatsorganisation, doch diese wollen nur wenige. Der NS-Staat wirkt nach.
    Ob die Romantik nach Rüdiger Safranski eine "deutsche Affäre" oder eher "ein europäisches Ereignis" ist, wie sie Rüdiger Görner nannte, mag dahinstehen. Wir Deutsche erkennen aber immer wieder in ihr die politischen Bezugsquellen, nach dem Revolutionären, nach dem Drang zum Uneigentlichen, das im Sakralen gipfelt. Wie anders kann man sonst die Lichter-Revolution von 1989 verstehen? Die Kirchen sind mit sich selbst beschäftigt, geben nur wenige Sinnangebote oder verstummen ganz. Also: romantische Politik?

    Begriffe von den Neu-Nazis zurückholen

    Die Kultur spielte im Wahlkampf keine Rolle, schon gar nicht die Literatur. Die sogenannten "weichen" Themen führen aber zu lebensbedrängenden, nämlich nach personaler und kollektiver Identität, nach Deutschland und Europa. Doch immerhin forderte Habeck ein Bundeskulturministerium. Das ist konsequent, ist doch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) mit einem Zwei-Milliarden-Haushalt als Teil des Kanzleramtes ein Bauchladen der Kanzlerin, der endlich eine rechtsstaatliche Struktur bekommen sollte.
    Ein Dichter und Denker an der Spitze eines neuen Kultur- und Bildungsressorts, einer der das eigentliche, der das poetische Deutschland in sich trägt, - das könnte was werden!
    "Wer wir sein könnten", so heißt das Buch von Robert Habeck, mit dem er sich die Begriffe auch von den neuen Nazis zurückholen will.
    Gehört der Begriff "Deutschland" dazu? Hoffen wir es!

    Matthias Buth, Jahrgang 1951, ist Lyriker und Publizist und veröffentlichte zahlreiche Prosa- und Gedichtbände. Der promovierte Jurist war bis Ende 2016 Justiziar im Kanzleramt bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und arbeitet heute als Rechtsanwalt.

    © Quelle: privat
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