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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.01.2020

Althistoriker Christian MeierWas unsere Demokratie von den alten Griechen lernen kann

Christian Meier im Gespräch mit Winfried Sträter

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Porträtaufnahme des Althistorikers Christian Meier. (imago / Sven Simon)
Für den Althistoriker Christian Meier waren uns die antiken Griechen mit ihrer Demokratie in manchen Fragen voraus. (imago / Sven Simon)

Die Zukunft der Demokratie ist ungewiss, sagt Christian Meier angesichts der "totalen Krise" unserer Zeit. Doch die antiken Griechen hätten das Wunder vollbracht, aus einer tiefen Krise heraus eine Demokratie zu erfinden, die anspruchsvoller war als unsere.

Für den 1929 geborenen Historiker Christian Meier steht die Menschheit vor Fragen wie nie zuvor in der Geschichte: "Wir leben in einer totalen - vielleicht kann man sogar sagen: anthropologischen - Krise. Was sind eigentlich künftig Menschen?", fragt Meier.

Aufgewachsen mit Zeitungen und Büchern habe man früher die Welt einigermaßen überblicken können. Heute sei das Problem: "Können wir überhaupt noch intendieren, unsere Schüler im Laufe der Schulzeit so weit aufs Leben vorzubereiten, dass sie in dem Ausmaß erwachsen sind, wie man vor 50 Jahren in diesem Alter erwachsen wurde?"

In dieser Situation ist die Ungewissheit über die Zukunft der Demokratie größer denn je. In Deutschland bekomme man jetzt die Quittung für die misslungene Demokratisierung Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. Damals habe man zwar Experten aus dem Westen benötigt, aber dadurch die Menschen im Osten zunächst in eine Art von Unmündigkeit versetzt: "Man hat ja an vielen Stellen lieber den schlechtesten Westdeutschen als den besten Ostdeutschen genommen." Die Quittung bekomme man nun, da in Ostdeutschland die Schwierigkeiten mit der Demokratie offenbar werden.

Demokratie - aus der Krise geboren

Für Christian Meier ist es offen, wie die Krise bewältigt wird. Als Althistoriker verweist er auf das Wunder, dass die Griechen in der Antike vollbracht haben. In einer tiefen Krise und angesichts einer übermächtigen militärischen Bedrohung durch das Perserreich hätten sich die Griechen auf ihre eigenen Kräfte und ihre Klugheit besonnen und ohne jedes Vorbild die Demokratie erfunden. Diese Demokratie war sogar weit anspruchsvoller als unsere Demokratien: Die Griechen praktizierten in ihrem Rat und in der Volksversammlung ein Prinzip der totalen Rotation: "Sie dürfen nur zwei Mal im Leben einen Tag erleben, an dem Sie der Vorsitzende des Rates und der Volksversammlung sind."

Selbst Ämter wurden per Los bestimmt. Man habe nicht nach dem Beruf und der Bildung der Polis-Bürger gefragt, sondern auf ihre Klugheit vertraut: "Auf jeden Fall braucht Demokratie ein gewisses Vertrauen untereinander. Es muss eine horizontale Solidarität geben. Also die Solidarität der Menschen untereinander, mit ihresgleichen."

In Westdeutschland sei nach 1945 diese horizontale Solidarität untereinander relativ glücklich erwachsen, aber im Osten habe sich das nie eingestellt. 

Literaturhinweis:

Das Buch, in dem Christian Meier den Aufbau der attischen Demokratie aus dem Nichts heraus beschreibt, ist im Pantheon-Verlag erschienen, unter dem Titel: "Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte". Es hat 716 Seiten, und die Paperback-Ausgabe kostet 16,99 Euro.

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